Kapitel 1
In dem Bernhard, ein Fahrradkurier in Berlin, Berlin jeglichen Bezug zur Realität verliert. Bernhard feiert Karneval in Oldenburg. Traudl schneidet sich die Pulsadern auf.
Wenn die Speichen eines Weißwandreifens offensichtlich schlecht geölt – weil fehlende Praxis des USERS sprich DAFNR (Dümmster Anzunehmender Fahrrad Nutz R*) * leicht modernistisch großgeschrieben überhöht – also schreiend hervorgehoben FUCK…
Berhard las leise aus seinem Tagebuch. Nein, die Zahnpastatube hatte er nur leicht geöffnet. Der Druck erhöhte sich. Er verspürte einen leichten Druck auf der Blase. Was war das? Eine Irritation? Die Ankündigung eines Cytoklasmus? Cytoklasmus war ihm gänzlich unbekannt. Es klang bedrohlich. Zombiemäßig. Vielleicht war es so etwas wie eine Ahnung. Sein Sternzeichen war die Jungfrau. Tatsächlich hatte er mit seinen 34 Jahren noch nie gebumst. Es führte diesen Umstand auf seine Ausbildung bei der Post zurück. Tägliches Stempeln – auch wenn sich das Datum fast täglich ändert – führt zu Ermüdungserscheinungen. Seine Betätigung als Eilender Bote in der Stadt (klar Berlin – Berlin, Berlin) oder elender in Berlin. Von Elend. Die Umstände waren es. Ja die Umstände. Mit dreiundzwanzig hatte er Traudl. (eig. Waltraud – Anm.) geschwängert. Es lag an ihrer sexuellen Anziehungskraft zu etwa 50%. Die anderen 50% rührten von seiner Geilheit. Vielleicht aber auch lag es an seiner perversen Genusssucht. Traudel war eine seiner ehemaligen Klassenkameradinnen aus dem Augustinum in Würzburg. Er traf sie bei einem „Hug In“ – Bärbel S. hatte in Berlin, als er für die Telekom heimlich Trojaner programmierte, eine „over thirty – but younger than fourty – fuck the system party“ organisiert, an der er auf Anraten des Kioskbesitzers am Alex (Nordostquere) teilnahm. Traudel fiel ihm gleich auf. Ihre Locken hatten etwas seventiesmäßiges. Er stand auf Bowie und Zeppelin. Gut, das war weit vor seiner Zeit. Aber Retro war irgendwie übelst geil. Er hatte sich als Montainbike verkleidet. Karneval war vorbei. Berlin narrenmäßig eher unterbelichtet. Traudel – Waltraud – kochte. Unter fast zweieinhalbtausend Maschinenbaustudenten hatte sie sich ausgerechnet Bernhard, the mountainbike als lover of the night ausgesucht. Bernhard merkte, dass seine Maskerade miserabel war. Traudel fingerte an ihren leicht schielenden Titten. Sollte das wirklich das Ende sein? Oder war es der Beginn einer ganz groben Liebe?
Traudl’s Zunge fühlte sich rauh an. Wie die von seinem Dackel Gotthart. Nein Er wollte jetzt nicht geküsst werden. Keine langwierigen Diskussionen, kein Streit um die Fernbedienung – dann lieber Schwarzbrot mit Bellafrutta aber ohne Sanella. War ja nicht verkehrt, sollte ihn die kleine Schlampe doch verwöhnen. Traudl hatte viele Namen. Kleine Schlampe fiel ihm immer zuerst ein. Von Obstler fühlt sich ne Zunge auch recht schwartig an. Macht Sprachstörungen und oberübel machomäßig aggro. Was is alter? Ruckzuck ist die Fresse blau. Scheiß Busfahrerei, Scheiß Zunge, Scheiß Bike. Neulich hatte sie sich als Beatrice vorgestellt. Mit Locken wie Atze seine Pudelmütze. Vollkotz. Berhard sagte: Traudl? Er hatte sie nicht sofort erkannt. Meine Freunde nennen mich Dackelzunge. Bernhard wieder: Doch Traudel? Walli? – Mein Gott, stell dir vor ich wäre drei Wochen auf einer Bohrinsel gewesen. Bernhard: Auf welcher? Traudl: Vollpfosten. Dumpfbacke.
Tagebuchschreiben und Zähneputzen auf einmal. Da musste etwas auf der Strecke bleiben. Meist floss weißroseefarbener Sabber zwischen die aufgeschlagenen Seiten der A5 Kladde. Zähneputzen mit Elektrovibrator geht. Manuell ist Kacke. Früher hatte er eine DoktorBest mit Flutschgelenk. Sein Sabber ließ die Schrift verlaufen. Wenn er Zeit hatte, malte er beim Frühstücken Ränder um die Sabberflecken und gab ihnen Gesichter. Die meisten sahen aus wie Sittiche oder Spatzen. Traudl mochte nicht, wenn er beim frühstücken malte. Er sollte die Scheiß Zeitung lesen, den Sportteil, wie ihr Vater.
Ach Bernhard – seufzte sie. Jetzt hatte er auch noch Marmelade im Heft. Bernard kam sich in solchen Momente vor wie ein Schuljunge. – Ist doch egal! – Er wischte die Marmelade weg. Aber das klebt doch. – Na und. – Idiot. Traudel stand auf und knallte die Küchentür hinter sich zu. Blöde Kuh! Steck‘ dir deinen Vater in den Arsch. Er drückte die beiden Seiten gegeneinander, so dass sie sich zwischen den Seiten verteilte. Dann drückte er noch mal mit dem Handrücken und schloss das Buch. Bellafrutta. Aprikose. Lecker. Das ist meine Bude. Meine Marmelade. Meine Zahnpasta. …und außerdem stinkst du! Berhard hatte sein Tagebuch wieder verstaut. Es sollten 18° werden und regnen. Regen war gar nicht gut. Regen macht Post nass. Briefe sollen trocken bleiben. Dafür gab es Präser. Gefühlsecht. Hä, Hä. Heinrich lachte eigentlich immer über seine eigenen Witze. Gefühlsecht Hä Hä! Berhard äffte ihn nach. Heinrich war eigentlich Ömer. Ömer sah aber so schwul deutsch aus. Also nannten ihn alle Heinrich. Berhard schwang sich auf seine hellblaue Prophete. Bis dann Heinrich. Traudel hatte eine fast normale Spießerjugend gehabt. Samstag in den Hundezwinger. Auf zum Platz. Gib Pfötchen. Siähtz! Hiach Hear! Fein gemacht. Komm bei Frauchen. Fünf Stunden Langeweile. In der Uhlandstrasse hörte er auf weiter in die Pedale zu treten. Da war sie wieder. Er hatte sie sofort an ihrer grauen Windjacke erkannt. Rosa. Rosa Mundeczynski. Aber alle sagten kurz Rosa. Rosa Munde.
Waltraud schmiss den BH in die Ecke. Weichei. Sie zog ihr Glätteisen aus dem Waschkorb. Scheiße seh‘ ich Kacke aus. Die Frau im Spiegel war wahrscheinlich ihre ältere Schwester. Traudel verzog das Gesicht. Mutter? Vielleicht war ja nicht die ganze Marmelade in diesem beschissenen Heft gelandet. Kaffee war noch da. Ein Rest Jim. Jule rief an. Dann gib dem Arsch doch die Kante. Der ist doch vollschwul. Die perverse Sau. Andere Mütter haben auch Töchter. Traudel: Er fickt so gut. Jule: Wer will das schon wissen? Ist doch einer wie der andere. Einen Hering gesehen – alle Heringe gesehen. Funktionsgestörte Drüse. Alter eh. Gib dem Arsch die Kante. Soll ich dich abholen? Zwanzig Minuten und eine halbe Flasche Jim später war Jule unten an der Haustür. Zwanzig wenig leserliche Klingelbeschriftungen grinsten. Wie heißt Bernhard? Was mit W. Bernhard W. Wichser. Ja. Bernhard Wichser mit Rad. Jule zu einem Jungen: Kleiner. Der Wichser mit dem Rad. In welchem Stock? Hä? Junge: Entschuldigung. Ich muss in die Schule. Jule: Wartma, wartma, wartma. Ich muss zu dem. Junge: Bin schon spät dran. Erste Stunde Mathetest. Sorry.
Traudl hatte den Fernseher angemacht. Superblonde Langhaar „Sehn auch alle meine Titten“-Elli vs. aller Schwachsinn dieser Erde vereine dich. Oder Sich. Egal. Jim hatte sie wieder beruhigt. Ich sag‘s ja. Jim und Kaffee und alles ist im Tee.
Wie sollte es auch anders sein. Die Wangen von Rosa waren: rosa. Rosee. Ihre Lippen immer ein wenig beschwippst. Tochter eines polnischen Obristen und einer italienischen Tänzerin. Wie aus einer Operette. Wahrscheinlich in Warschau in der Pause zum dritten Akt der Fledermaus gezeugt. Liebe, Was ist Liebe? Pflegte Rosa zu sagen. Was ist das Liebe? Hast du Liebe? Hast du Herzen gestohlen? Wer stiehlt die ganzen Herzen? Wer tut so was? Bernhard: Ach Rosa, kleine Rosa. Dich in den Arm nehmen da fühle ich mich wie Leonardo Di Caprio. So voll romantisch. Bernhards Vorstellungskraft war enorm. Er kannte ihren Namen. Hatte sie vor ein paar Tagen das erste Mal gesehen. Was sind das für Mädels, die Gedichte rezitieren? Mädels, die ganz normal aussehen, aber so komisches Zeugs reden?
Die volle Dröhnung: das waren Traudl und ihre verkommene Schwester Jule. Zusammen waren sie wie Piranhas. Wirf dich rein. Wirf dich weg. Brodel, Brodel. Abgenagt bis auf die Knochen. Der Karneval in Osnabrück hatte dabei so gut begonnen. Dass zwei vorgeglühte Weiber auf einmal auf ihn standen, hatte er noch nicht erlebt.
Jule ging aus dem Treppenhaus wieder auf die Strasse. War das das richtige Haus? Die richtige Straße? Wohnte hier dieser Scheißkerl? Sie griff zu ihrem Handy. Nicht aufgeladen. Fuck. Sie blickte in die leeren Fensterscheiben. Fuck. Dann gab sie auf.
Traudl hatte Wasser in die Wanne gelassen. Supertittenlanghaar-Elli quatschte ohne Punkt und Komma. Ein Bad war genau richtig jetzt. Vielleicht entspannte das ja. Kaffee und Jim. Das verdammte Fahrrad. Waltraud hatte die Kaffetasse auf dem Wannenrand abgestellt. Beine und Muschi rasieren ist dran. Elli faselte endlos über irgendeine amerikanische Reality Chaotenshow. We love to entertain You. Irgendwelche Stimmen weit weg.
Der Regen hatte nachgelassen. Bernhard schob sein Rad durch den Eingang. Er schulterte seine Prophete immer, wenn er die Treppe nach oben ging. Auf der dritten Stufe lag ein Stapel Werbung. Sollte man verbieten, schoss es Bernhard durch den Kopf. Wer liest den Scheiß. Unnütz bedrucktes Papier. Packt doch wieder keiner in die Tonne. Das liegt dann wieder wochenlang herum. Wahrscheinlich war die kleine Schlampe wieder besoffen. Hast du was gekocht? Rief er, als er das Fahrrad im Flur an die Wand stellt. Traudl? Der Fernseher plärrte vor sich hin. Ist noch Kaffee da? Er legte den BH auf die Stuhllehne. Traudl? Kannste mal was sagen? Er setzte sich auf das Klo neben der Wanne. Traudl. Plimm machte es. Plimm. Noch ein Tropfen aus dem Hahn. Plimm. Dann zog er den Stöpsel aus der Wanne.