Christopherus Steindor ist Autor, Künstler und promovierter Ingenieur. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Literatur, bildender Kunst und wissenschaftlicher Reflexion. Im Zentrum steht eine Frage, die seine frühen und gegenwärtigen Arbeiten auf unterschiedliche Weise verbindet: Wie entsteht Sinn unter komplexen Wahrnehmungsbedingungen?
Steindor studierte Geowissenschaften und promovierte an der RWTH Aachen zum Dr.-Ing. über die methodische Analyse technischer Systeme. Die Verbindung von künstlerischer Praxis und strukturellem Denken entwickelte sich jedoch nicht aus einem theoretischen Programm. Erst rückblickend werden in frühen literarischen und visuellen Arbeiten Strukturen sichtbar, die heute den Ausgangspunkt seiner Beschäftigung mit Beobachtung, Sinn und epistemischen Systemen bilden.
Eine besondere Stellung nimmt das zwischen 1974 und 1976 entstandene Theaterstück Ganymed ein. Figuren sprechen über Teil und Ganzes, Ein- und Mehrdimensionalität, Zeitlichkeit, Perspektive und die Unmöglichkeit abschließender Beschreibung. Das Stück liefert darauf keine Theorie. Es erzeugt Situationen, in denen die Bedingungen des Beobachtens selbst sichtbar werden.
Fünfzig Jahre später wurde Ganymed deshalb erneut zum Gegenstand seiner Arbeit. Nicht die Frage „Was bedeutet Ganymed?“, sondern „Was macht Ganymed beobachtbar?“ führte zur Neubetrachtung des Stücks als epistemisches Instrument.
Diese Perspektive bildet einen Ausgangspunkt dessen, was Steindor heute als Neo-Epistemik untersucht.
Kunst als epistemisches Instrument
Neo-Epistemik bezeichnet keine neue Ästhetik und keinen Stil. Sie beschreibt eine Verschiebung der Funktion künstlerischer Arbeit: Ein Werk muss nicht primär eine Bedeutung darstellen oder vermitteln. Es kann Bedingungen herstellen, unter denen die Entstehung von Bedeutung selbst beobachtbar wird.
Damit verändert sich auch die Rolle des Betrachters oder Lesers. Er steht dem Werk nicht einfach gegenüber. Seine Wahrnehmung, seine Projektionen, seine Erwartungen und seine Versuche, Kohärenz herzustellen, werden Bestandteil dessen, was das Werk operativ hervorbringt.
Ein Bild, ein literarischer Text oder ein Objekt kann so zum epistemischen Instrument werden: nicht weil es Erkenntnis als fertige Aussage enthält, sondern weil es Beobachtung ermöglicht.
In Ganymed geschieht dies durch sprachliche und dramaturgische Instabilität. Identitäten, Perspektiven und Begriffe verschieben sich. Teil und Ganzes lassen sich nicht dauerhaft voneinander trennen. Zeitlichkeit wird zum Problem der Zwischenzeitlichkeit. Beschreibung erzeugt neue Beschreibung, ohne zu einem abschließenden Standpunkt zu gelangen.
Diese Struktur fasst Psyche am Ende des Stücks in einem Satz zusammen:
Not for rhyming we came together, not to straighten.
Differenz muss nicht beseitigt werden, damit Sinn entstehen kann.
Operative Dramaturgie
Aus dieser Perspektive entwickelt Steindor das Konzept einer Operativen Dramaturgie. Dramaturgie bezeichnet dabei nicht allein die Anordnung einer Handlung. Sie beschreibt die Organisation von Bedingungen, unter denen Wahrnehmung, Erwartung und Sinn sich während der Rezeption verändern.
Figuren, Bilder, Sprache und Objekte können dabei als operative Elemente wirken. Bedeutung liegt nicht vollständig in ihnen bereit. Sie entsteht in ihren Beziehungen, Übergängen und Brüchen.
Diese Denkbewegung verbindet unterschiedliche Arbeiten Steindors. Bambis Manifest untersucht Projektionen, kulturelle Bildwelten und kollektive Wahrnehmung. Erinnerungen einer Wasserflasche verschiebt ein alltägliches Objekt zwischen Materialität, Erinnerung und Zuschreibung. Der Seher rückt den Vorgang des Beobachtens selbst in den Mittelpunkt.
Auch die bildnerischen Arbeiten folgen keiner einheitlichen Stilästhetik. Unterschiedliche Darstellungsformen werden vielmehr zu unterschiedlichen Ordnungen des Sichtbaren. Entscheidend ist nicht allein, was dargestellt wird, sondern welche Möglichkeiten des Beobachtens eine Darstellung eröffnet oder verschließt.
Möglichkeitsraum
Ein zentraler Begriff dieser Arbeit ist der Möglichkeitsraum.
Er bezeichnet nicht einfach die Existenz mehrerer Alternativen. Ein Möglichkeitsraum entsteht dort, wo die Ordnung, durch die etwas überhaupt als Alternative erscheint, selbst beobachtbar und veränderbar wird.
Darin unterscheidet sich der Exit vom bloßen Widerspruch. Wer einer Aussage widerspricht, bleibt zunächst innerhalb ihres Unterscheidungsrahmens. Ein epistemischer Exit verändert dagegen die Bedingungen, unter denen die Frage gestellt wird.
Kunst kann solche Übergänge ermöglichen, weil sie nicht an die Eindeutigkeit argumentativer Kommunikation gebunden ist.
Beobachtung von Projektionen
Diese Perspektive führt zugleich zur Beschäftigung mit Projektion.
Ein Werk kann Projektionsfläche sein. Interessanter wird jedoch die Frage, ob es ermöglichen kann, Projektionen als Projektionen zu beobachten.
Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit erneut vom dargestellten Gegenstand auf den Beobachter. Nicht nur Was sehe ich?, sondern Wie kommt es dazu, dass ich gerade dies sehe? wird zur epistemischen Frage.
Diese Fragestellung reicht inzwischen bis zur künstlichen Intelligenz. Entscheidend ist dabei nicht, ob eine KI selbst als Beobachter bezeichnet werden kann. Untersucht wird vielmehr, ob die Interaktion zwischen Mensch und KI so gestaltet werden kann, dass Zuschreibungen, Auswahlprozesse und Beobachtungsbedingungen sichtbar werden.
Kunst und wissenschaftliche Beobachtung
2026 brachte Steindor diese beiden Seiten seiner Arbeit auf der Luhmann Conference am Inter-University Centre Dubrovnik zusammen.
In Stabilization through Instability: Ganymed as an Epistemic Environment for Observing Meaning wurde das eigene, rund fünfzig Jahre zuvor entstandene Theaterstück nicht literaturwissenschaftlich interpretiert, sondern als epistemisches Instrument untersucht.
Der parallel vorgestellte Beitrag Meaning without Alternatives? Functional Absurdity, Functional Chaos, and the Procedural Stabilization of Democracy untersucht auf gesellschaftlicher Ebene eine verwandte Frage: Was geschieht, wenn Systeme zwar weiterhin operieren, die Beobachtbarkeit ihrer Alternativen jedoch abnimmt?
Damit treffen zwei lange getrennte Arbeitslinien aufeinander: künstlerische Produktion und wissenschaftliche Beobachtung.
Nicht Kunst illustriert Theorie.
Nicht Theorie erklärt Kunst.
Beide können unterschiedliche Instrumente derselben Frage sein:
Unter welchen Bedingungen wird Sinn möglich – und unter welchen Bedingungen werden seine Alternativen unsichtbar?