Der Alte im Licht – Gottvater inmitten der Schöpfung

Wenn man das Bild „Schöpfung“ genau betrachtet, ist Gottvater tatsächlich präsent. Tatsächlich lässt sich der bärtige Mann auf der linken Seite im Bild „Schöpfung“ überzeugend als Darstellung von Gottvater deuten – allerdings nicht im klassischen Sinn eines thronenden oder übergeordneten Schöpfers, sondern als Teil der Menschheit, in der Gott gegenwärtig ist.

Die Figur links als Gottvater – ein menschgewordener Schöpfer

Der alte Mann mit dem langen Bart hebt sich deutlich von den übrigen Figuren ab:

  • Sein Gesicht ist kraftvoll modelliert, mit tiefer Kontur und weisem Ausdruck.
  • Er wirkt erfahrener, „zeitloser“ als die anderen Menschen.
  • Sein Blick geht leicht nach oben, nicht zu Christus hin – als schaue er in die Ferne oder in das Licht der eigenen Schöpfung.

Diese Haltung und Erscheinung sind klassische Attribute, die in der Kunstgeschichte häufig Gottvater zugeschrieben werden (vgl. Michelangelo, Raffael, Chagall). Doch hier wird diese Rolle gebrochen: Der Schöpfer steht nicht über, sondern unter den Menschen, als einer von ihnen.

Das entspricht einer modernen theologischen Lesart:

Gott ist in der Welt – nicht außerhalb ihrer.
Der Schöpfer bleibt im Geschaffenen gegenwärtig.

Der alte Mann als „Gott in der Welt“

Diese Darstellung ist also kein Widerspruch zur Christusfigur, sondern eine Ergänzung:

  • Christus in der Mitte steht für den inkarnierten Gott – das göttliche Wort, das Fleisch wird.
  • Der bärtige Mann links könnte für den bleibenden Schöpfergeist stehen – das ewige Prinzip, das in allem Menschlichen weiterlebt.

Damit entsteht eine Doppelfigur Gottes:

  • Gottvater als Ursprung (links, weise, betrachtend).
  • Christus als Gegenwart (zentral, menschennah).

Diese Kombination ist theologisch durchaus vertretbar – sie spiegelt die Trinität wider, ohne sie direkt abzubilden.

Künstlerische und symbolische Bedeutung

Christopherus Steindor scheint hier bewusst mit der Idee zu spielen, dass Gott und Mensch untrennbar verbunden sind.
Wenn der alte Mann tatsächlich Gottvater ist, dann steht er mitten in seiner Schöpfung, nicht entrückt oder fern. Sein Blick zur Seite oder nach oben kann als Schöpfungsgeste gelesen werden – als Moment der Betrachtung, des Loslassens und der Liebe zum Geschaffenen.

Der Maler zeigt so:

Gott ist nicht der „andere“, sondern der „gegenwärtige Alte“ unter uns – das ewige Prinzip inmitten des Lebens.

Ja, es ist plausibel, den bärtigen Mann als Gottvater in menschlicher Gestalt zu sehen.
Doch er ist nicht isoliert, sondern Teil der Gemeinschaft, Teil des Bildganzen. In dieser Konstellation entsteht eine starke theologische Aussage:

Gott ist nicht außerhalb der Welt, sondern in ihr – in den Gesichtern, im Licht, im Mit-Sein der Menschen.

Damit greift Steindor ein zentrales Motiv moderner Sakralkunst auf:
Die Nähe Gottes im Menschlichen.

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