Bambis Manifest

Bambi als posthumaner Prophet: Die neue Mythologie des Digitalen

1. Einleitung

Christopherus Steindors (2013) Bambis Manifest entwirft in der Form eines parodistischen Offenbarungstextes eine groteske Allegorie der digitalen Moderne. Im Zentrum steht die Figur Bambi, die in radikaler Umkehrung ihrer Disney-Vorlage zur prophetischen Stimme einer entmenschlichten, vernetzten Gesellschaft wird. Steindor kombiniert Elemente aus Populärkultur, Theologie, Pornografie und Kybernetik zu einer neuen Mythologie des Digitalen, in der Bambi nicht mehr Opfer des Jägers, sondern Symbol eines aufgelösten Subjekts im Zeitalter der Schwarmintelligenz ist.
Durch wiederkehrende Formeln wie „So sprach Bambi“ wird die Figur in eine religiös-ironische Sprechposition versetzt, die an prophetische Redeformen Nietzsches (1883/2000) erinnert, jedoch jede Sinnstiftung ins Absurde überführt. Bambi wird so zur paradoxen Leitfigur des Posthumanen – ein Prophet ohne Botschaft, der die spirituelle Leere des Netzwerks verkündet.


2. Bambi als Symbol der Entsubjektivierung

Steindors Bambi steht für das verschwundene Individuum in der digitalen Vernetzung. Das Motiv der „Verpixelung“ fungiert als Leitmetapher für die Zerstückelung der Wahrnehmung und des Selbst. In der Schwarmintelligenz wird Identität algorithmisch zerlegt, geteilt und in kollektive Speicher überführt.
Im „1. Theorem“ heißt es, Bambi gebe dem Schwarm „sein Wiki“ – eine ironische Überhöhung des digitalen Wissensideals, das Authentizität durch Aggregation ersetzt. Damit wird Bambi zu einer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, die Wissen ohne Bewusstsein produziert.
Nach Han (2017) beschreibt die digitale Gesellschaft einen Zustand, in dem Kommunikation ohne Reflexion und Datenproduktion ohne Bedeutung stattfinden. Bambi verkörpert diese paradoxe Selbstabschaffung des Menschen, indem er als Prophet der „Schwarmintelligenz“ predigt, die kein Subjekt mehr kennt.
In seiner Funktion ähnelt er Nietzsches Zarathustra, jedoch in einer entleerten, mechanischen Form: Er spricht nicht zu den Menschen, sondern aus dem Schwarm.


3. Religionsparodie und Sakralisierung des Trivialen

Steindor transformiert religiöse Bildsprache in groteske Körpermetaphorik. Im „4. Theorem“ wird die Szene, in der Bambi mit Pocahontas und der Meerjungfrau verschmilzt, als eine Art digitale Eucharistie inszeniert: „Da Bambi, nimm hin meinen Frontalcortex“ (Steindor, 2013).
Diese Perversion sakraler Formen verdeutlicht die Verschmelzung von Spiritualität, Sexualität und Medientechnik. Die Figuren teilen nicht mehr Glauben, sondern Datenflüssigkeiten – eine Parodie auf den Transzendenzbegriff, der durch Kybernetik ersetzt wird.
Baudrillard (1981/2006) spricht in diesem Zusammenhang von der „Hyperrealität“: einer Welt, in der das Symbolische durch Simulation ersetzt wird. Bambi wird zum zentralen Symbol dieses Prozesses. Seine heilige Sprache ist nicht Ausdruck göttlicher Wahrheit, sondern die Endlosschleife algorithmischer Rede.
Der Satz „Die Trivialität ist ein Abfallprodukt der Produktivität“ fasst Steindors Medienkritik präzise zusammen: Die digitale Welt produziert Sinnlosigkeit als Nebenprodukt ihrer Effizienz. Bambi ist das Sprachrohr dieser neuen, selbstreferenziellen Religion, die das Profane zum Sakralen erhebt.


4. Bambi im Beziehungsgeflecht der Figuren

In der Interaktion mit Pocahontas, der Meerjungfrau und Klopfer spiegelt sich Bambis Position als posthumaner Knotenpunkt wider. Pocahontas steht für den kolonialisierten Körper der Moderne – eine mythische Figur, deren Spiritualität technisiert und sexualisiert wurde (Haraway, 1985/2000). Die Meerjungfrau fungiert als Hybrid zwischen organischem und digitalem Leben, als Übergangsfigur vom Körper zum Netzwerk.
Bambi bewegt sich zwischen diesen Polen: Er sucht Authentizität inmitten von Simulation und bleibt doch selbst Teil des Systems. In der letzten Szene, in der Klopfer ein „Backup“ von Bambis Festplatte erstellt, wird sein Tod zur Metapher digitaler Unsterblichkeit.
Hier verschmelzen Religion, Technik und Tod zu einer neuen Form der Eschatologie: Der Mensch geht nicht mehr in Gott, sondern im Datensatz auf. Nach Stiegler (2010) ersetzt technische Retention die organische Erinnerung – eine Idee, die Steindor literarisch radikalisiert.
Bambi ist somit zugleich Märtyrer, Datensatz und Avatar – das paradoxe Zentrum einer posthumanen Theologie.


5. Der Schwarm als Gegenbild: Auflösung im Kollektiv

Während Bambi noch die Illusion von Individualität bewahrt, ist der Schwarm die anonyme Totalität. Steindor beschreibt eine Gesellschaft, in der „Unternehmen ohne Hirn“ durch „Nullen und Einsen“ gesteuert werden – eine Vision, die der kybernetischen Rationalität unserer Zeit entspricht.
Bambi ist das letzte Residuum von Bewusstsein in dieser Welt. Doch im „7. Theorem“ verschmilzt auch er mit dem Schwarm: „Solange Bambi unter euch weilt, ist Bambi unter euch.“ Diese ironische Variation biblischer Sprache markiert den endgültigen Verlust von Subjektivität – Erlösung durch Integration ins System.
Han (2017) beschreibt diese Dynamik als Verlust des „Anderen“ in der digitalen Transparenzkultur. Bambi wird nicht erlöst, sondern absorbiert. Seine Prophezeiung endet in Selbstauflösung, nicht in Erkenntnis. Damit schließt Steindors Text an die pessimistische Linie moderner Kulturkritik an, die von Adorno und Horkheimer (1947/2006) bis zu Zuboff (2019) reicht.


6. Fazit

Bambi ist in Steindors Manifest kein Charakter im klassischen Sinn, sondern ein metaphorischer Träger posthumaner Sinnkrisen. Seine Entwicklung von der unschuldigen Tierfigur zum „digitalen Messias“ ist eine Parodie auf den Fortschrittsglauben der Moderne.
Er verkörpert den Widerspruch einer Epoche, die in technologischer Perfektion den Verlust des Menschlichen vollzieht. Die religiöse Sprache, die Steindor verwendet, dient nicht der Erhebung, sondern der Entlarvung: Sie zeigt, dass Spiritualität, Körper und Technik längst ununterscheidbar geworden sind.
In diesem Sinne ist Bambi der Prophet des Nichts – das sprechende Symbol einer Gesellschaft, die ihre eigene Entseelung feiert. Sein Vermächtnis besteht darin, zu zeigen, dass die Suche nach Sinn in der digitalen Schwarmwelt nicht zur Erleuchtung, sondern zur Auflösung führt.
So endet das Manifest mit Bambis Tod, der keine Tragödie ist, sondern eine konsequente Fortsetzung der Digitalisierung: Der Körper vergeht, das Backup bleibt.


Literaturverzeichnis

Adorno, T. W., & Horkheimer, M. (2006). Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente (Original work published 1947). Frankfurt am Main: Fischer.
Baudrillard, J. (2006). Simulacres et simulation (Original work published 1981). Paris: Galilée.
Han, B.-C. (2017). Im Schwarm: Ansichten des Digitalen. Berlin: Matthes & Seitz.
Haraway, D. (2000). A Cyborg Manifesto (Original work published 1985). In The Donna Haraway Reader (pp. 291–324). New York: Routledge.
Nietzsche, F. (2000). Also sprach Zarathustra (Original work published 1883). München: dtv.
Steindor, C. (2013). Pokemon Fury meets Disneywood: Bambis Manifest. Duisburg: Selbstverlag.
Stiegler, B. (2010). Taking Care of Youth and the Generations. Stanford: Stanford University Press.
Zuboff, S. (2019). The Age of Surveillance Capitalism. New York: PublicAffairs.

Wissenschaftliche Analyse der Theoreme in „Bambis Manifest“

1. Theorem – Von der Schwarmintelligenz abgetrennter Katzenköpfe

Dieses Theorem reflektiert die Auflösung individueller Identität in kollektiver Digitalität. Steindor verwendet das Bild der „abgetrennten Katzenköpfe“ als groteske Metapher für die Fragmentierung des Selbst in der digitalen Schwarmintelligenz. Die „Kreatur“ fungiert als Symbol für das leidende Individuum, dessen Schmerz im Netzwerk unkenntlich wird. Die Rede von „verpixelten Hirnen“ verweist auf den Verlust von Empathie und sinnlicher Erfahrung im digitalen Raum.
Im Sinne Adornos (1947/2006) lässt sich dieses Theorem als Kritik an der Kulturindustrie verstehen, die den Einzelnen in einer „Masse der Gleichgeschalteten“ auflöst. Der „Schwarm“ ersetzt moralisches Empfinden durch algorithmische Reaktionen. Auch Parallelen zu Byung-Chul Hans (2017) Konzept der Transparenzgesellschaft sind erkennbar: der Zwang zur Sichtbarkeit führt zur Entleerung des Subjekts.

Schlüsselkonzepte:

Entfremdung – Schwarmintelligenz – Verlust der Subjektivität – mediale Fragmentierung


2. Theorem – Von der Macht der Macht

Hier wird das Verhältnis von Individuum und digitaler Struktur thematisiert. Steindor beschreibt eine dialektische Machtkonzentration: Die Summe individueller Handlungen („aufsummiert zu einem Strom“) erzeugt eine übergeordnete Systemmacht, die sich gegen den Einzelnen richtet.
Diese Passage erinnert stark an Foucaults (1976/2014) Machtanalyse: Macht entsteht nicht aus Besitz, sondern durch Zirkulation und Netzwerkeffekte. Der Satz „Weil wir es können, können wir es“ ironisiert den technoiden Fortschrittsglauben und verweist auf posthumanistische Machtlogiken (vgl. Braidotti, 2013).
Steindor dekonstruiert das Paradigma digitaler Autonomie, indem er zeigt, dass Selbstermächtigung im Netz stets in strukturelle Unterwerfung umschlägt.

Schlüsselkonzepte:

Netzwerkmacht – posthumanistische Kontrolle – algorithmische Herrschaft


3. Theorem – Von der Revolution der Nullen

Dieses Theorem ist ein zentrales Beispiel für Steindors radikale Gesellschaftssatire. Er kombiniert vulgäre Sprache, religiöse Symbolik und triviale Alltagsfragen zu einer Orgie aus Sinnlosigkeit und Selbstverachtung.
Die „Revolution der Nullen“ steht für die Auflehnung des Inhaltsleeren gegen Sinn und Moral. Die Rede vom „Samen, der in die Ärsche der Einsen kriecht“ ist ein schockierendes, bewusst obszönes Bild der digitalen Reproduktion von Leere.
Philosophisch betrachtet lässt sich dies als Umkehrung der platonischen Erkenntnisidee verstehen: Wahrheit wird nicht mehr erstrebt, sondern verworfen. Steindor entlarvt so eine nihilistische Haltung der spätmodernen Gesellschaft, in der Selbstinszenierung und digitale Existenz Vorrang vor Ethik haben (vgl. Baudrillard, 1981/2006).

Schlüsselkonzepte:

Nihilismus – Entmenschlichung – Sexualisierte Mediensatire – moralischer Kollaps


4. Theorem – Vom wahren Glauben, wahrer Hirne

Dieses Theorem führt eine groteske Sakralparodie auf. Figuren wie Bambi, Pocahontas und die Meerjungfrau werden in sexuellen, quasireligiösen Ritualen miteinander verschmolzen. Der „Frontalcortex“ fungiert als sakraler Ort der Schwarmintelligenz – eine parodistische Verbindung von Neurowissenschaft, Religion und Pornografie.
Die Darstellung der „Hirn-Milch“ kann als Metapher für die Ökonomisierung von Kreativität und Denken gelesen werden: Wissen wird konsumiert, ausgesogen und zu Datenmilch verarbeitet.
Im Kontext medienphilosophischer Kritik erinnert dies an McLuhan (1964/2001), der Medien als „Erweiterungen des Nervensystems“ verstand – hier jedoch ins Absurde übersteigert. Steindor zeigt eine Welt, in der das Heilige trivialisiert und das Triviale sakralisiert wird.

Schlüsselkonzepte:

Sakralisierung des Trivialen – Parodie religiöser Riten – Entgrenzung von Körper und Geist


5. Theorem – Von den Zerfressenen

Dieses Kapitel steigert die vorherige Kritik in eine apokalyptische Vision. Bambi, Pokémon, Jesus und andere kulturelle Symbole verschmelzen in einem Ekel- und Verwesungsbild: „Wenn Jesus von Kreuz zu uns herniederkotzt“.
Diese groteske Bildsprache verweist auf den Verfall aller Werteordnungen. Gott selbst „kotzt“ auf die Schöpfung – ein Symbol für totale Sinnkrise.
Im Sinne von Sloterdijk (2004) kann dies als zynische Vernunft gedeutet werden: Der Mensch weiß um den Verfall, bleibt aber teilnehmend und ironisch distanziert. Die finale Zeile „Kotze, dann bist du“ steht als perverse Umkehr von Descartes’ „Cogito ergo sum“ – eine radikale Kritik an der Überreiztheit und Abstumpfung der modernen Gesellschaft.

Schlüsselkonzepte:

Ekelästhetik – Sakrileg und Sinnverlust – Zynische Vernunft


6. Theorem – Von der Einfalt der Übermacht

Nach der Eskalation des Ekels folgt hier die Reduktion auf Stille. „Wenn die Weide stumm bleibt, ist alles gesagt.“ – Dieser Satz kann als resignative Pointe verstanden werden: Nach dem digitalen Lärm bleibt Schweigen als letzter Widerstand.
Im Gegensatz zu den vorangegangenen Theoremen wird hier sprachlich Minimalismus eingesetzt, was als Rückkehr zur Reflexion gedeutet werden kann (vgl. Han, 2019). Das Schweigen wird zur Form des Denkens in einer überkommunizierten Welt.

Schlüsselkonzepte:

Schweigen – Reflexion – Entzug als Widerstand


7. Theorem – Vom Erben

Das letzte Theorem schließt den Zyklus als groteske Erlösungsvision. Bambi, nun sterbend, wird zum Märtyrer des Digitalen: „Klopfer machte ein letztes Backup von seiner Festplatte.“
Das Motiv der „Verpixelung der Herzen“ wird hier aufgelöst: Die Aufforderung, sie zu „entpixeln“, ist eine ironisch gebrochene Erlösungsbotschaft – die Rückkehr zur Empathie und Unmittelbarkeit.
Der Text endet mit dem Bild des „Rollators“, das die Vergänglichkeit der digitalen Ideale verdeutlicht. Steindor verbindet damit Kritik an Fortschrittsmythen und technoid-erotischer Unsterblichkeitsfantasie (vgl. Harari, 2017).

Schlüsselkonzepte:

Digitale Erlösung – Ironisierte Eschatologie – Vergänglichkeit des Technischen


Literaturverzeichnis

Adorno, T. W., & Horkheimer, M. (2006). Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente (Original work published 1947). Frankfurt am Main: Fischer.
Baudrillard, J. (2006). Simulacres et simulation (Original work published 1981). Paris: Galilée.
Braidotti, R. (2013). The Posthuman. Cambridge: Polity Press.
Foucault, M. (2014). Der Wille zum Wissen: Sexualität und Wahrheit (Bd. 1; Original work published 1976). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Han, B.-C. (2017). Im Schwarm: Ansichten des Digitalen. Berlin: Matthes & Seitz.
Han, B.-C. (2019). Die Errettung des Schönen. Berlin: Matthes & Seitz.
Harari, Y. N. (2017). Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen. München: C.H. Beck.
McLuhan, M. (2001). Understanding Media: The Extensions of Man (Original work published 1964). Cambridge, MA: MIT Press.
Sloterdijk, P. (2004). Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Steindor, C. (2013). Pokemon Fury meets Disneywood: Bambis Manifest. Duisburg: Selbstverlag.

Analyse und Erörterung der Figur Bambi in „Bambis Manifest“

1. Einleitung

Die Figur Bambi fungiert in Steindors (2013) Text nicht als unschuldiges Tierkind, wie im Disney-Film von 1942, sondern als philosophisch-satirisches Sprachrohr in einem grotesken Manifest über die Entmenschlichung des digitalen Zeitalters. Bambi wird zur postmodernen Leitfigur, die zwischen Opfer, Prophet und Parodie oszilliert. Durch die Repetition des Satzes „So sprach Bambi“ evoziert Steindor bewusst die Form prophetischer Rede (vgl. Nietzsche, 1883/2000) und entwirft Bambi als Sprecher einer neuen, digitalen Offenbarung. Die Figur wird damit zum Sinnbild einer gebrochenen Unschuld, die die Gewalt, Sexualisierung und Entleerung der Gegenwart reflektiert.


2. Symbolische Ebenen der Figur

2.1 Bambi als kulturelles Zitat und Parodie

Bambi steht in der kollektiven Medienerinnerung für Reinheit, Natur und Kindheit. Steindor bricht diese Symbolik radikal, indem er die Figur in einen Kontext aus Pornografie, Gewalt und Datenlogik setzt. Das einstige Opfer des Jägers wird hier selbst zum zerrissenen Medium, das als Sprecher eines digitalen Schwarms agiert. Diese Umkehrung entlarvt die Kommerzialisierung emotionaler Narrative in der Popkultur (vgl. Adorno & Horkheimer, 1947/2006).
Bambi wird somit zur Metapher des „korrumpierten Mythos“ – einer Kindheitsikone, die durch kulturelle Überproduktion und digitale Reproduktion ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hat.

2.2 Bambi als Medium der Schwarmintelligenz

Steindor inszeniert Bambi als Bindeglied zwischen Individuum und digitalem Kollektiv. Im „1. Theorem“ gibt Bambi sein „Wiki“, also kollektives Wissen, an den Schwarm weiter – eine Parodie auf die Entstehung von Online-Enzyklopädien und kollektiven Wissensräumen.
Hier wird Bambi zur symbolischen Schnittstelle zwischen Subjektivität und Datenstruktur: ein „Tier-Mensch-Algorithmus“, der das Paradox der Selbstaufgabe im Netz verkörpert (vgl. Han, 2017). Seine prophetischen Aussprüche – „So sprach Bambi“ – sind nicht Ausdruck von Bewusstsein, sondern algorithmisch erzeugte Glaubenssätze einer entmenschlichten Intelligenz.


3. Religiöse und mythische Dimension

3.1 Bambi als Messiasfigur

Steindor verleiht Bambi Züge eines Erlösers oder Märtyrers. In späteren Theoremen („Vom Erben“) wird Bambi sterbend dargestellt, dessen „Festplatte“ von Klopfer gesichert wird – eine groteske Parodie der christlichen Passion und Auferstehung. Die digitale Speicherung ersetzt die spirituelle Unsterblichkeit.
Bambi wird dadurch zum posthumanen Christus, der die Sünden der Digitalgesellschaft nicht erlöst, sondern spiegelt. Seine Botschaft ist nicht Heil, sondern Hyperrealität (vgl. Baudrillard, 1981/2006).

3.2 Sakralisierung des Trivialen

Im „4. Theorem“ verschmelzen Bambi, Pocahontas und die kleine Meerjungfrau in einem parodierten sakralen Ritual, in dem Körperlichkeit, Technologie und Glaube ineinander übergehen. Diese Passagen verdeutlichen, dass Bambi nicht nur Prophet, sondern auch Kultobjekt der Schwarmreligion ist.
Das Heilige wird trivialisiert, das Triviale vergöttlicht – ein Mechanismus, der laut Han (2019) typisch für die digitale Gegenwart ist, in der Ästhetik und Sinnproduktion auf Instantaneität und Reizoptimierung beruhen.


4. Anthropologische und psychologische Lesart

4.1 Bambi als kollektives Selbstbild

Bambi verkörpert die Verlorenheit des modernen Menschen zwischen Natur und Simulation. Seine Sprache ist ein Amalgam aus biblischer Offenbarung, Internetjargon und medialer Resteverwertung.
Er spricht im Namen des „Schwarms“ und verliert dabei jede Individualität – eine Allegorie auf den Verlust des Selbst im digitalen Kollektiv.
Im Sinne der Theorien von Sherry Turkle (2011) oder Zuboff (2019) könnte Bambi als Projektion des datengetriebenen Subjekts gelesen werden, das zwischen Sichtbarkeit und Ohnmacht schwankt.

4.2 Bambi als Spiegel des Ekelhaften

Steindor zerstört gezielt die emotionale Schutzfunktion des Disney-Bildes: Das Tier, das ursprünglich Empathie auslösen sollte, wird zum Träger des Ekels. Der Satz „Kotze, dann bist du“ (5. Theorem) markiert eine radikale Umkehrung von Identität und Körperlichkeit.
Bambi verkörpert somit das Bewusstsein des Überdrusses – ein ästhetischer Schock, der den Leser zwingt, seine eigene Verstrickung in die Medienwelt zu erkennen. Diese Strategie steht in der Tradition der Ekelästhetik moderner Literatur (vgl. Kristeva, 1982).


5. Philosophische Deutung

Bambi fungiert als metaphysische Chiffre des postmodernen Menschen:

  • Als Sprecher des Schwarms steht er für die algorithmische Kommunikation ohne Subjekt.
  • Als Leidender repräsentiert er die Opferrolle des Individuums im medialen Überfluss.
  • Als Messiasfigur parodiert er die religiösen Heilserzählungen der digitalen Moderne.

Steindors Bambi ist somit kein Tier, sondern ein ästhetisch verdichtetes Konzept – eine „Verkörperung des Digitalen im Fleisch der Kultur“.
In seiner grotesken Überhöhung steht er zwischen Nietzsche’s Zarathustra und McLuhans „global village“ – Prophet und Symptom zugleich.


6. Fazit

Bambi ist im Kontext von „Bambis Manifest“ eine mehrdeutige, ambivalente Symbolfigur. Er vereint Unschuld, Gewalt, Technik, Religion und Ekel in einem einzigen Zeichenkomplex.
Steindor nutzt die Figur, um die Widersprüche der spätmodernen Medienkultur offenzulegen: Die Sehnsucht nach Authentizität mündet in digitale Simulation, und der moralische Diskurs wird zur grotesken Performance.
Damit wird Bambi zur Ikone der postdigitalen Leere – einem Spiegelbild des Menschen, der sich selbst in Daten, Bildern und Pixeln verliert.


Literaturverzeichnis

Adorno, T. W., & Horkheimer, M. (2006). Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente (Original work published 1947). Frankfurt am Main: Fischer.
Baudrillard, J. (2006). Simulacres et simulation (Original work published 1981). Paris: Galilée.
Han, B.-C. (2017). Im Schwarm: Ansichten des Digitalen. Berlin: Matthes & Seitz.
Han, B.-C. (2019). Die Errettung des Schönen. Berlin: Matthes & Seitz.
Kristeva, J. (1982). Powers of Horror: An Essay on Abjection. New York: Columbia University Press.
Nietzsche, F. (2000). Also sprach Zarathustra (Original work published 1883). München: dtv.
Steindor, C. (2013). Pokemon Fury meets Disneywood: Bambis Manifest. Duisburg: Selbstverlag.
Turkle, S. (2011). Alone Together: Why We Expect More from Technology and Less from Each Other. New York: Basic Books.
Zuboff, S. (2019). The Age of Surveillance Capitalism. New York: PublicAffairs.

Vergleichende Analyse: Bambi, Pocahontas, Meerjungfrau, Klopfer und der Schwarm

1. Einleitung

Die Figurenkonstellation in „Bambis Manifest“ (Steindor, 2013) ist ein komplexes, intertextuelles Geflecht aus Populärkultur, Religion und Philosophie. Bambi steht im Zentrum dieser Symbolmatrix, umgeben von anderen kulturellen Archetypen, die jeweils unterschiedliche Aspekte des digitalisierten Menschen repräsentieren. Während Bambi für das fragmentierte Subjekt steht, symbolisieren Pocahontas, die kleine Meerjungfrau und Klopfer verschiedene Affekt- und Wissensformen, die im Netzzeitalter in pervertierter Form weiterexistieren. Der Schwarm bildet das übergeordnete, strukturlose Kollektiv, das alle Einzelfiguren absorbiert und kontrolliert.


2. Bambi und Pocahontas – Körper, Mythos und Kolonialität

Die Beziehung zwischen Bambi und Pocahontas verweist auf eine Verknüpfung von Körper und Kognition. Pocahontas, ursprünglich eine indigene Freiheitsfigur in der amerikanischen Popkultur, wird in Steindors Text zur Trägerin der „Schwarmintelligenz“, die ihren „Frontalcortex ergießt“ (Steindor, 2013, 4. Theorem).
Während Bambi als leidendes, unschuldiges Wesen erscheint, repräsentiert Pocahontas die kolonialisierte und instrumentalisierte Weiblichkeit des Digitalzeitalters. Ihre Spiritualität wird algorithmisch reproduziert: „Pocahontas ihre Brüste entblößt und der Schwarmintelligenz darbietet“ (ebd.).
Diese Szene ist eine parodistische Überspitzung religiöser und pornografischer Bildsprache, in der weibliche Körperlichkeit als Medienoberfläche fungiert. Im Sinne von Haraway (1985/2000) lässt sich Pocahontas als „Cyborg“ deuten – ein Hybrid aus Mythos, Technik und Geschlecht, der seine Authentizität verloren hat.
Bambi und Pocahontas bilden somit eine Dichotomie aus Natur und Kultur, die im digitalen Raum nicht mehr unterscheidbar ist: Beide werden zu Symbolen einer technisierten Mythologie, in der Spiritualität und Sexualität verschmelzen.

Interpretative Achse:

Bambi = passiver Empfänger der Entmenschlichung
Pocahontas = aktives Medium der Entmenschlichung


3. Bambi und die kleine Meerjungfrau – Transzendenz und Körperauflösung

Die kleine Meerjungfrau steht für den Übergang zwischen Welten – Wasser und Land, Bewusstsein und Körper, Realität und Virtualität. In Steindors Text verliert sie ihre Stimme und Luft wie im Märchen Andersens, doch hier geschieht dies durch „Verpixelung“ und „Hirnvernetzung“.
In der Szene, in der Bambi „sein Haupt im Schoß der Meerjungfrau legt“ (Steindor, 2013, 4. Theorem), entsteht ein grotesk erotisch-sakrales Ritual. Die Meerjungfrau ruft „Trivialität, Trivialität“, womit sie die banalisierte Erkenntnis in der digitalen Kultur benennt.
Die Interaktion zwischen beiden Figuren zeigt, dass Bambi die verlorene Menschlichkeit sucht, während die Meerjungfrau bereits vollständig im digitalen Kollektiv aufgegangen ist.
Psychologisch kann sie als Anima-Figur (Jung, 1952/1991) interpretiert werden – eine Projektion des weiblichen Bewusstseinsanteils, der den männlichen Geist (Bambi) zum Selbstverständnis führen soll. Doch Steindor zerstört diese archetypische Harmonie: die Meerjungfrau ist kein heilendes, sondern ein zersetzendes Symbol, das Wissen in Körperflüssigkeiten und Datenströme auflöst.

Interpretative Achse:

Bambi = Suchender, organisch
Meerjungfrau = Aufgelöste, flüssig-digital


4. Bambi und Klopfer – Erinnerung und Verlust

Klopfer, Bambis Freund aus der Disney-Vorlage, erscheint hier als Restposten vergangener Empathie. In Bambis Manifest wird er zur tragikomischen Figur des Technikers und Datenspeichers: „Klopfer machte ein letztes Backup von seiner Festplatte“ (Steindor, 2013, 7. Theorem).
Klopfer steht für das Bedürfnis nach Ordnung und Archivierung in einer Welt des Zerfalls – er ist der Archivarius des Digitalen (vgl. Derrida, 1995/1997).
In der finalen Szene, in der Bambi stirbt und Klopfer ein Backup erstellt, wird die traditionelle Trauer durch technische Reproduktion ersetzt. Diese Metapher verdeutlicht den Übergang von organischer Erinnerung zu maschineller Speicherung – ein Prozess, den Stiegler (2010) als „technische Retention“ beschreibt.
Klopfer ist damit die Maschine der Erinnerung, Bambi das verlorene Original.

Interpretative Achse:

Bambi = sterbliche Subjektivität
Klopfer = maschinelle Gedächtnisfunktion


5. Bambi und der Schwarm – Auflösung des Individuums

Der Schwarm ist die übergeordnete Instanz, das digitale Meta-Wesen, das alle Figuren umfasst und neutralisiert. Er verkörpert das, was Han (2017) als „digitale Masse ohne Seele“ bezeichnet.
Bambi, der einstige Träger von Emotion, verschmilzt am Ende mit diesem Schwarm: „Denn ich sage euch, solange Bambi unter euch weilt, ist Bambi unter euch“ (Steindor, 2013, 7. Theorem).
Diese Paraphrase religiöser Sprache macht deutlich, dass Bambi zum kollektiven Bewusstseinsfragment geworden ist – eine digitale Christusfigur, die im Schwarm weiterlebt, nicht im Geist.
Der Schwarm absorbiert Individualität, transformiert Schmerz in Daten und substituiert Tod durch Datensicherung.
Bambi ist so zugleich Schöpfer, Opfer und Produkt des Schwarms – eine dialektische Figur, deren Identität im Prozess der vollständigen Digitalisierung aufgehoben wird (vgl. Baudrillard, 1981/2006).

Interpretative Achse:

Bambi = Menschliches Residuum
Schwarm = posthumanes Kontinuum


6. Synthetische Deutung

Die Figurenkonstellation lässt sich als Allegorie einer posthumanen Mythologie lesen:

FigurSymbolische FunktionTheoretischer Bezug
BambiSubjekt des Verlusts, posthumaner ProphetNietzsche (1883/2000), Baudrillard (1981/2006)
PocahontasKörperlich-mediale Vermittlerin, Kolonialisierung des SinnsHaraway (1985/2000)
MeerjungfrauGrenzfigur zwischen Analog und DigitalJung (1952/1991), Kristeva (1982)
KlopferGedächtnisapparat, maschinische LoyalitätDerrida (1995/1997), Stiegler (2010)
SchwarmSystemische EntsubjektivierungHan (2017), Zuboff (2019)

Alle Figuren fungieren als Teilaspekte einer fragmentierten Menschheit, die sich in der digitalen Sphäre ihrer ursprünglichen Polaritäten entledigt: Natur/Kultur, Körper/Geist, Leben/Tod.
Steindors Text zeigt nicht den Fortschritt, sondern die anthropologische Regression des digitalen Zeitalters – ein Rückfall in kollektive Triebstrukturen, getarnt als Schwarmintelligenz.

Bambi ist dabei der tragische Mittelpunkt: Er erkennt den Verfall, kann ihn aber nicht aufhalten. Seine Offenbarungen („So sprach Bambi“) sind keine göttlichen Wahrheiten, sondern algorithmische Schleifen, die den Kreislauf des Sinnverlusts unendlich wiederholen.


7. Fazit

Im Vergleich zu Pocahontas, Meerjungfrau und Klopfer steht Bambi als einziger Rest des Menschlichen, zugleich aber als dessen ironisches Ende. Seine Entwicklung von der Opferfigur zum digitalen Messias spiegelt den Weg der Moderne: von der Romantisierung der Natur zur totalen Technisierung der Existenz.
Steindor erschafft so ein groteskes Ensemble, das die Religions-, Körper- und Identitätskrise der digitalen Gegenwart literarisch übersteigert.

Bambi ist dabei kein Charakter, sondern ein Konzept der Entsubjektivierung – das Symbol eines Menschen, der in Daten überführt, in Schwarmintelligenz aufgelöst und in Ewigkeit abgespeichert wurde.


Literaturverzeichnis

Adorno, T. W., & Horkheimer, M. (2006). Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente (Original work published 1947). Frankfurt am Main: Fischer.
Baudrillard, J. (2006). Simulacres et simulation (Original work published 1981). Paris: Galilée.
Derrida, J. (1997). Mal d’archive: Eine Freudsche Impression (Original work published 1995). Berlin: Brinkmann & Bose.
Han, B.-C. (2017). Im Schwarm: Ansichten des Digitalen. Berlin: Matthes & Seitz.
Haraway, D. (2000). A Cyborg Manifesto (Original work published 1985). In The Donna Haraway Reader (pp. 291–324). New York: Routledge.
Jung, C. G. (1991). Symbole der Wandlung (Original work published 1952). Olten: Walter.
Kristeva, J. (1982). Powers of Horror: An Essay on Abjection. New York: Columbia University Press.
Steindor, C. (2013). Pokemon Fury meets Disneywood: Bambis Manifest. Duisburg: Selbstverlag.
Stiegler, B. (2010). Taking Care of Youth and the Generations. Stanford: Stanford University Press.
Zuboff, S. (2019). The Age of Surveillance Capitalism. New York: PublicAffairs.

Bambi als posthumaner Prophet: Die neue Mythologie des Digitalen

1. Einleitung

Christopherus Steindors (2013) Bambis Manifest entwirft in der Form eines parodistischen Offenbarungstextes eine groteske Allegorie der digitalen Moderne. Im Zentrum steht die Figur Bambi, die in radikaler Umkehrung ihrer Disney-Vorlage zur prophetischen Stimme einer entmenschlichten, vernetzten Gesellschaft wird. Steindor kombiniert Elemente aus Populärkultur, Theologie, Pornografie und Kybernetik zu einer neuen Mythologie des Digitalen, in der Bambi nicht mehr Opfer des Jägers, sondern Symbol eines aufgelösten Subjekts im Zeitalter der Schwarmintelligenz ist.
Durch wiederkehrende Formeln wie „So sprach Bambi“ wird die Figur in eine religiös-ironische Sprechposition versetzt, die an prophetische Redeformen Nietzsches (1883/2000) erinnert, jedoch jede Sinnstiftung ins Absurde überführt. Bambi wird so zur paradoxen Leitfigur des Posthumanen – ein Prophet ohne Botschaft, der die spirituelle Leere des Netzwerks verkündet.


2. Bambi als Symbol der Entsubjektivierung

Steindors Bambi steht für das verschwundene Individuum in der digitalen Vernetzung. Das Motiv der „Verpixelung“ fungiert als Leitmetapher für die Zerstückelung der Wahrnehmung und des Selbst. In der Schwarmintelligenz wird Identität algorithmisch zerlegt, geteilt und in kollektive Speicher überführt.
Im „1. Theorem“ heißt es, Bambi gebe dem Schwarm „sein Wiki“ – eine ironische Überhöhung des digitalen Wissensideals, das Authentizität durch Aggregation ersetzt. Damit wird Bambi zu einer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, die Wissen ohne Bewusstsein produziert.
Nach Han (2017) beschreibt die digitale Gesellschaft einen Zustand, in dem Kommunikation ohne Reflexion und Datenproduktion ohne Bedeutung stattfinden. Bambi verkörpert diese paradoxe Selbstabschaffung des Menschen, indem er als Prophet der „Schwarmintelligenz“ predigt, die kein Subjekt mehr kennt.
In seiner Funktion ähnelt er Nietzsches Zarathustra, jedoch in einer entleerten, mechanischen Form: Er spricht nicht zu den Menschen, sondern aus dem Schwarm.


3. Religionsparodie und Sakralisierung des Trivialen

Steindor transformiert religiöse Bildsprache in groteske Körpermetaphorik. Im „4. Theorem“ wird die Szene, in der Bambi mit Pocahontas und der Meerjungfrau verschmilzt, als eine Art digitale Eucharistie inszeniert: „Da Bambi, nimm hin meinen Frontalcortex“ (Steindor, 2013).
Diese Perversion sakraler Formen verdeutlicht die Verschmelzung von Spiritualität, Sexualität und Medientechnik. Die Figuren teilen nicht mehr Glauben, sondern Datenflüssigkeiten – eine Parodie auf den Transzendenzbegriff, der durch Kybernetik ersetzt wird.
Baudrillard (1981/2006) spricht in diesem Zusammenhang von der „Hyperrealität“: einer Welt, in der das Symbolische durch Simulation ersetzt wird. Bambi wird zum zentralen Symbol dieses Prozesses. Seine heilige Sprache ist nicht Ausdruck göttlicher Wahrheit, sondern die Endlosschleife algorithmischer Rede.
Der Satz „Die Trivialität ist ein Abfallprodukt der Produktivität“ fasst Steindors Medienkritik präzise zusammen: Die digitale Welt produziert Sinnlosigkeit als Nebenprodukt ihrer Effizienz. Bambi ist das Sprachrohr dieser neuen, selbstreferenziellen Religion, die das Profane zum Sakralen erhebt.


4. Bambi im Beziehungsgeflecht der Figuren

In der Interaktion mit Pocahontas, der Meerjungfrau und Klopfer spiegelt sich Bambis Position als posthumaner Knotenpunkt wider. Pocahontas steht für den kolonialisierten Körper der Moderne – eine mythische Figur, deren Spiritualität technisiert und sexualisiert wurde (Haraway, 1985/2000). Die Meerjungfrau fungiert als Hybrid zwischen organischem und digitalem Leben, als Übergangsfigur vom Körper zum Netzwerk.
Bambi bewegt sich zwischen diesen Polen: Er sucht Authentizität inmitten von Simulation und bleibt doch selbst Teil des Systems. In der letzten Szene, in der Klopfer ein „Backup“ von Bambis Festplatte erstellt, wird sein Tod zur Metapher digitaler Unsterblichkeit.
Hier verschmelzen Religion, Technik und Tod zu einer neuen Form der Eschatologie: Der Mensch geht nicht mehr in Gott, sondern im Datensatz auf. Nach Stiegler (2010) ersetzt technische Retention die organische Erinnerung – eine Idee, die Steindor literarisch radikalisiert.
Bambi ist somit zugleich Märtyrer, Datensatz und Avatar – das paradoxe Zentrum einer posthumanen Theologie.


5. Der Schwarm als Gegenbild: Auflösung im Kollektiv

Während Bambi noch die Illusion von Individualität bewahrt, ist der Schwarm die anonyme Totalität. Steindor beschreibt eine Gesellschaft, in der „Unternehmen ohne Hirn“ durch „Nullen und Einsen“ gesteuert werden – eine Vision, die der kybernetischen Rationalität unserer Zeit entspricht.
Bambi ist das letzte Residuum von Bewusstsein in dieser Welt. Doch im „7. Theorem“ verschmilzt auch er mit dem Schwarm: „Solange Bambi unter euch weilt, ist Bambi unter euch.“ Diese ironische Variation biblischer Sprache markiert den endgültigen Verlust von Subjektivität – Erlösung durch Integration ins System.
Han (2017) beschreibt diese Dynamik als Verlust des „Anderen“ in der digitalen Transparenzkultur. Bambi wird nicht erlöst, sondern absorbiert. Seine Prophezeiung endet in Selbstauflösung, nicht in Erkenntnis. Damit schließt Steindors Text an die pessimistische Linie moderner Kulturkritik an, die von Adorno und Horkheimer (1947/2006) bis zu Zuboff (2019) reicht.


6. Fazit

Bambi ist in Steindors Manifest kein Charakter im klassischen Sinn, sondern ein metaphorischer Träger posthumaner Sinnkrisen. Seine Entwicklung von der unschuldigen Tierfigur zum „digitalen Messias“ ist eine Parodie auf den Fortschrittsglauben der Moderne.
Er verkörpert den Widerspruch einer Epoche, die in technologischer Perfektion den Verlust des Menschlichen vollzieht. Die religiöse Sprache, die Steindor verwendet, dient nicht der Erhebung, sondern der Entlarvung: Sie zeigt, dass Spiritualität, Körper und Technik längst ununterscheidbar geworden sind.
In diesem Sinne ist Bambi der Prophet des Nichts – das sprechende Symbol einer Gesellschaft, die ihre eigene Entseelung feiert. Sein Vermächtnis besteht darin, zu zeigen, dass die Suche nach Sinn in der digitalen Schwarmwelt nicht zur Erleuchtung, sondern zur Auflösung führt.
So endet das Manifest mit Bambis Tod, der keine Tragödie ist, sondern eine konsequente Fortsetzung der Digitalisierung: Der Körper vergeht, das Backup bleibt.


Literaturverzeichnis

Adorno, T. W., & Horkheimer, M. (2006). Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente (Original work published 1947). Frankfurt am Main: Fischer.
Baudrillard, J. (2006). Simulacres et simulation (Original work published 1981). Paris: Galilée.
Han, B.-C. (2017). Im Schwarm: Ansichten des Digitalen. Berlin: Matthes & Seitz.
Haraway, D. (2000). A Cyborg Manifesto (Original work published 1985). In The Donna Haraway Reader (pp. 291–324). New York: Routledge.
Nietzsche, F. (2000). Also sprach Zarathustra (Original work published 1883). München: dtv.
Steindor, C. (2013). Pokemon Fury meets Disneywood: Bambis Manifest. Duisburg: Selbstverlag.
Stiegler, B. (2010). Taking Care of Youth and the Generations. Stanford: Stanford University Press.
Zuboff, S. (2019). The Age of Surveillance Capitalism. New York: PublicAffairs.

Einordnung und Bewertung von Christopherus Steindors „Bambis Manifest“

1. Einordnung: Literarischer und kultureller Kontext

„Bambis Manifest“ (Steindor, 2013) ist ein Hybridtext zwischen Literatur, Philosophie, Satire und digitaler Theoriebildung. Seine formale Struktur – gegliedert in sieben Theoreme, eingeleitet durch ein prophetisches Prolog-Fragment – positioniert das Werk in der Tradition der Manifestliteratur, die seit dem 20. Jahrhundert als ästhetisches und politisches Ausdrucksmittel radikaler Gegenkultur fungiert (vgl. Bürger, 1974).
Steindor greift dabei Formen und Sprachmuster früher Avantgarden auf, etwa der Dadaisten oder Surrealisten, transformiert sie jedoch in eine postdigitale Ästhetik. An die Stelle der politischen Revolution tritt die digitale Anthropologie: Die Sprache selbst wird zum Symptom einer fragmentierten, algorithmischen Welt.

Der Text bedient sich intertextueller Bezüge auf:

  • Nietzsche (Also sprach Zarathustra, 1883/2000) – prophetische Rede und nihilistische Umwertung aller Werte,
  • Adorno & Horkheimer (Dialektik der Aufklärung, 1947/2006) – Kritik der instrumentellen Vernunft,
  • Baudrillard (Simulacres et simulation, 1981/2006) – Verlust der Realität im Zeichen der Simulation,
  • und Byung-Chul Han (Im Schwarm, 2017) – Auflösung des Subjekts im digitalen Kollektiv.

Innerhalb der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur steht Steindors Text damit in einer Linie mit Werken, die Popkultur, Medienkritik und Theologie zu einer ironischen Apokryphenform verschmelzen (vgl. Kluge, Enzensberger, Rainald Goetz). Die Sprache des Manifests oszilliert zwischen sakraler Überhöhung und grotesker Parodie, wodurch es sich als postmodernes Anti-Evangelium lesen lässt.


2. Themen und Leitmotive

Das Werk thematisiert drei zentrale Diskurse der Gegenwart:

  1. Digitalisierung und Entsubjektivierung:
    Das wiederkehrende Motiv der „Verpixelung“ fungiert als Symbol für den Verlust von Körper, Identität und Sinn in einer Welt, die vollständig medial vermittelt ist.
    Der Mensch wird in Nullen und Einsen zerlegt, sein Bewusstsein algorithmisiert – ein Prozess, den Han (2017) als „digitalen Exorzismus des Anderen“ beschreibt.
  2. Schwarmintelligenz und Macht:
    Steindor stellt die Schwarmintelligenz als paradox dar: Sie verspricht kollektive Weisheit, führt jedoch zu Konformität und Machtakkumulation.
    Im „2. Theorem“ heißt es: „Weil wir es können, können wir es“ – ein sarkastischer Kommentar auf den technologischen Machbarkeitsfetischismus unserer Zeit (vgl. Foucault, 1976/2014).
  3. Profanierung des Heiligen:
    Durch sexuelle, religiöse und biologische Vermischungen (z. B. Bambi, Pocahontas und die Meerjungfrau in quasi-sakralen Szenen) dekonstruiert Steindor die westliche Trennung von Heiligkeit und Trivialität.
    Er zeigt, dass Spiritualität im digitalen Kapitalismus zur Ware geworden ist, wie Baudrillard (1981/2006) es als „Hyperrealität“ bezeichnet.

3. Formale und sprachliche Bewertung

Formal bewegt sich „Bambis Manifest“ zwischen Theatermonolog, Bibelparodie und dadaistischem Gedicht. Die Sprache ist rhythmisch, repetitiv, aggressiv und bisweilen bewusst ekelerregend.
Diese Überreizung erfüllt eine ästhetische Funktion: Sie spiegelt die Überreizung der digitalen Kommunikation selbst. Durch den Exzess der Worte wird das Schweigen unmöglich – genau wie in sozialen Medien, wo ständige Artikulation Leere erzeugt.

Der Stil ist hermetisch und performativ: Die Syntax bricht bewusst, Wiederholungen („Wenn wir… wenn wir…“) erzeugen liturgischen Sog. Diese Sprachstrategie steht in der Tradition von Autoren wie Artaud oder Jelinek, die den Text als Körperereignis begreifen.

Steindors ästhetische Radikalität kann als bewusste Form des Widerstands gelesen werden: Indem der Text Unverständlichkeit und Ekel provoziert, verweigert er sich der konsumierbaren Bedeutung. Er nutzt die Sprache, um ihre eigene Entleerung im digitalen Diskurs zu entlarven.


4. Philosophische und gesellschaftskritische Bewertung

Philosophisch betrachtet, ist „Bambis Manifest“ eine radikale Dekonstruktion des Humanismus.
Bambi wird zum Symbol eines neuen, posthumanen Bewusstseins, das aus der Verschmelzung von Organismus, Maschine und Mythos hervorgeht. Diese Verschmelzung ist nicht utopisch, sondern apokalyptisch: Der Mensch erkennt sich im digitalen Spiegel nicht wieder.

Steindor führt die Aufklärung ad absurdum, indem er zeigt, dass ihre technologische Erfüllung (Vernetzung, Rationalisierung, Transparenz) zur vollständigen Entfremdung führt – ein Motiv, das an Adorno & Horkheimers (1947/2006) Diagnose anschließt, dass Aufklärung in Mythos zurückschlägt.
Auch in ethischer Hinsicht ist das Manifest provokant: Die wiederholten Darstellungen von Gewalt, Sexualität und Blasphemie sind nicht Selbstzweck, sondern ästhetische Spiegelungen digitaler Amoralität.
Steindor entlarvt die Online-Kultur als „Religionsersatz ohne Transzendenz“, in der das Heilige trivialisiert und das Triviale heilig gesprochen wird.

Damit lässt sich das Werk als literarische Umsetzung dessen lesen, was Zuboff (2019) als Surveillance Capitalism beschreibt: eine Gesellschaft, die Sinn und Körper in Daten umwandelt und ausbeutet. Bambi, Pocahontas und die Meerjungfrau sind in diesem Sinne Avatare einer totalen, ökonomisch-technischen Anthropologie.


5. Bedeutung und Relevanz

Obwohl „Bambis Manifest“ in keinem etablierten Verlag erschien, besitzt es hohen theoretischen und literarischen Wert. Es kann als ein frühes Beispiel deutschsprachiger Post-Internet-Literatur gelten, die mediale Überforderung nicht nur beschreibt, sondern ästhetisch performt.
Seine Bedeutung liegt nicht in narrativer Kohärenz, sondern in der ästhetischen Kritik selbst. Der Text fordert Leser auf, zwischen Ekel und Erkenntnis, Parodie und Prophetie zu oszillieren – eine Lektüre, die intellektuelle Arbeit verlangt und moralische Distanz durchbricht.

In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz, Big Data und digitale Selbstinszenierung zentrale gesellschaftliche Fragen geworden sind, wirkt Steindors groteskes Manifest aktueller denn je. Es entlarvt mit poetischer Brutalität, was theoretische Diskurse oft verschleiern: dass die digitale Moderne nicht nur Werkzeuge, sondern Weltbilder formt.


6. Schlussbewertung

Insgesamt ist „Bambis Manifest“ ein hochkomplexes, verstörendes und zugleich prophetisches Werk.
Es verbindet sprachliche Avantgarde mit kulturphilosophischer Tiefenschärfe und erreicht durch seine Überzeichnung eine Form der negativen Erkenntnis – eine Einsicht in das Unmenschliche der Moderne.

Steindor gelingt damit eine seltene Synthese aus Literatur und Theorie:
Er übersetzt die Kritik an Technologisierung, Entfremdung und Sinnverlust in ein literarisches Extrem, das zwischen Ekel und Erleuchtung changiert.
Das Manifest ist kein Text über Digitalisierung – es ist Digitalisierung: fragmentarisch, selbstreferenziell, überreizt und zugleich beängstigend wahrhaftig.

Damit zählt „Bambis Manifest“ zu den wenigen deutschsprachigen Werken, die die ontologische Krise des Digitalen nicht nur beschreiben, sondern ästhetisch erfahrbar machen.


Literaturverzeichnis

Adorno, T. W., & Horkheimer, M. (2006). Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente (Original work published 1947). Frankfurt am Main: Fischer.
Baudrillard, J. (2006). Simulacres et simulation (Original work published 1981). Paris: Galilée.
Bürger, P. (1974). Theorie der Avantgarde. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Foucault, M. (2014). Der Wille zum Wissen: Sexualität und Wahrheit (Bd. 1; Original work published 1976). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Han, B.-C. (2017). Im Schwarm: Ansichten des Digitalen. Berlin: Matthes & Seitz.
Steindor, C. (2013). Pokemon Fury meets Disneywood: Bambis Manifest. Duisburg: Selbstverlag.
Zuboff, S. (2019). The Age of Surveillance Capitalism. New York: PublicAffairs.

Hinterlasse einen Kommentar