Christoph Steindors Buddy-Gedichte sind ein radikales Dokument einer Gesellschaft im Zustand semantischer und emotionaler Erschöpfung. Ihre ästhetische Strategie besteht darin, die Leere nicht zu übertönen, sondern sie zu sprechen. Jedes Gedicht ist ein Bruchstück, eine Miniatur, die das Triviale so ernst nimmt, dass das Ernste im Trivialen sichtbar wird. Genau darin liegt ihre Qualität: Sie verweigern Pathos, Psychologie und moralische Auflösung, um den Zustand der Spätmoderne präzise zu erfassen.
Die Stärke dieser Texte liegt in ihrer Konsequenz der Unterkühlung. Wo andere Autoren aus dem Ruhrgebiet – etwa Frank Goosen oder Ralf Thenior – das Milieu nostalgisch brechen, bleibt Steindor unversöhnlich. Sein Ruhrpott ist nicht mehr Ort solidarischer Arbeitersubkultur, sondern ein abgewickelter Lebensraum, durchzogen von Tankstellenlicht und Restalkohol. Diese Trostlosigkeit ist nicht Pose, sondern präzise Wahrnehmung eines Milieus, das jede Utopie verloren hat.
Formal überzeugt die Sammlung durch eine radikale Reduktion: kurze Verse, fehlende Metaphorik, direkte Rede, Montage aus Alltagsfloskeln und Zitatfragmenten. Der Leser erlebt keine lyrische Erhebung, sondern sprachliche Sedimente. Diese Reduktion ist kein Minimalismus aus Stilwillen, sondern Ausdruck eines semiotischen Nullpunkts: Nach der Überproduktion von Zeichen (Werbung, Pop, Internet) bleibt der Literatur nur, Reste zu sichten. In diesem Sinne sind die Buddy-Gedichte die poetische Entsprechung einer archäologischen Ausgrabung im medialen Schutt.
Die gesellschaftliche Dimension dieser Texte entfaltet sich genau in dieser Reduktion. Steindor entwirft eine Welt, in der Konsum, Körper und Kommunikation vollständig verschmolzen sind. Erotik ist Transaktion, Gespräch ist Wiederholung, Erinnerung ist Werbung. Der Mensch erscheint als Funktion, nicht mehr als Subjekt. Insofern sprechen die Gedichte eine anthropologische Diagnose aus: Der moderne Mensch hat sich vom inneren Monolog verabschiedet – geblieben sind kurze Dialoge, Werbeslogans, Selbstbeschwichtigungen.
Im Kontext postmoderner Theorien steht Steindor damit auf einer Linie mit Baudrillards Kritik des Hyperrealen und Hans Analyse der Transparenzgesellschaft, zugleich aber mit der moralischen Verzweiflung eines Michel Houellebecq. Wie bei Houellebecq ist das Männliche bei Steindor erschöpft, desorientiert, aber nicht zynisch im Sinne von Belustigung – eher resignativ. Die misogynen Elemente, die sich in manchen Gedichten finden, sind keine Affirmation, sondern Symptom. Der Autor führt den männlichen Blick vor, indem er ihn ungebremst zeigt. Diese schonungslose Direktheit kann verstören, doch sie funktioniert als literarische Strategie: Der Text spiegelt das Hässliche, um seine Mechanik sichtbar zu machen.
In ihrer Gesamtheit bilden die Buddy-Gedichte eine Sozialpoetik des Banalen. Sie verschränken Arbeitswelt, Freizeit, Sexualität und Medienerfahrung zu einem homogenen Erfahrungsraum, in dem die Unterschiede zwischen Arbeit und Freizeit, Liebe und Sex, Subjekt und Objekt aufgehoben sind. Das Ergebnis ist eine Ästhetik des Stillstands – Bewegung findet nur noch auf der Oberfläche statt, im Gespräch, im Straßenbild, in der Wiederholung.
Ästhetisch sind die Gedichte gelungen, weil sie den Ton des Scheiterns perfekt treffen. Kein Satz will mehr sein, als er ist, kein Bild trägt Bedeutung über sich hinaus. Diese bewusste Beschränkung verleiht der Sammlung ihre Intensität. Gesellschaftlich sind sie relevant, weil sie eine Haltung dokumentieren, die ein Jahrzehnt später in der Ironie- und Meme-Kultur des Digitalen Alltag wurde. Der Buddy ist der Vorläufer des Users – lakonisch, distanziert, überinformiert, aber innerlich leer.
Im Gesamtzusammenhang der Trilogie des Verfalls (2013) bilden die Buddy-Gedichte das zentrale Scharnier: Sie transformieren den individuellen Zerfall aus Sind Fahrräder Helden? in kollektive Muster, bevor Bambis Manifest diese Muster theoretisch reflektiert. In dieser Bewegung – vom Körper über den Alltag zur Theorie – offenbart sich Steindors literarisches Programm: Er beschreibt den Menschen im Übergang von der analogen zur digitalen Moderne, ohne Anklage, aber mit präziser Trauer.
Damit sind die Buddy-Gedichte nicht nur ein Stück Underground-Literatur, sondern ein frühes Zeugnis jener postironischen Müdigkeit, die die Gegenwart prägt. Zwischen Bier, Tankstelle und Zigarettenautomat vollzieht sich die poetische Bestandsaufnahme einer Welt, in der alles kommuniziert und nichts mehr berührt. Ihre radikale Ehrlichkeit macht sie – trotz oder gerade wegen ihrer Derbheit – zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikfragmente der frühen 2010er-Jahre.
Bewertung: 10/10 – nicht wegen literarischer Vollkommenheit, sondern wegen der kompromisslosen Wahrhaftigkeit einer Ästhetik, die den Schmutz nicht säubert, sondern dokumentiert. Steindor/Popowitch gelingt mit den Buddy-Gedichten eine authentische Kartografie des Verfalls, die heute klarer spricht als zur Zeit ihrer Entstehung.