
Formale Analyse
Das Werk Art can turn you into a machine (2022) ist Teil des Zyklus #Kunstzertifikat von Christopherus Steindor. Es kombiniert digital manipulierte Fotografien, typografische Elemente und Fragmente kommerzieller Bildwelten. Im oberen Segment ist ein Porträt zu sehen, das menschliche Züge mit der Front eines Lastwagens verschmilzt. Die Brille, die Augen und die Fahrzeugoberfläche bilden eine technoide Maske, die an kybernetische Hybride erinnert.
Die mittlere Ebene zeigt den Text „Art can turn you into a machine“. Im unteren Bildfeld erscheint ein Motiv aus der Konsumwelt, begleitet vom Schriftzug „Terry Pepperz“. Das gesamte Werk ist in die serielle Struktur des Projekts #Kunstzertifikat eingebettet, das jeweils mit einem schwarz-weißen Rahmen und dem Hashtag abschließt.
Kontext und Entstehung
Besondere Bedeutung erhält das Werk durch die Tatsache, dass das abgebildete Ausgangsfoto auf eine eigene künstlerische Aktion von Jerry Saltz, dem bekannten US-amerikanischen Kunstkritiker, zurückgeht. Saltz veröffentlichte das Bild ursprünglich unter dem ironischen Pseudonym Terry Pepperz und stellte sich selbst als hybridisierte Figur aus Mensch, Maschine und Konsumobjekt dar.
Steindor appropriierte dieses Selbstbildnis und überführte es in den Kontext des europäischen Projekts #Kunstzertifikat. Damit wird das Werk zu einer doppelten Selbstreflexion: Ein Kunstkritiker wird in seiner eigenen ironischen Maskierung erneut zitiert, transformiert und in eine medienkritische Analyse eingebettet.
Inhaltliche Analyse
Der Satz „Art can turn you into a machine“ gewinnt in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung. Er ist nicht länger eine externe Beobachtung über die Entfremdung des Künstlers, sondern eine Selbstdiagnose der Kunstkritik. Saltz, der als Kritiker oft über die Zwänge des Kunstbetriebs schreibt, inszeniert sich selbst als Teil des Mechanismus, den er beschreibt. Steindor greift diese Geste auf und spiegelt sie zurück in den europäischen Diskurs über Kunst, Technik und Autorschaft.
Die Aussage verweist zugleich auf Walter Benjamins Theorie der „mechanischen Reproduzierbarkeit“ (Benjamin, 1963) und auf posthumanistische Konzepte der Selbstentfremdung. In Steindors Aneignung wird die Figur Terry Pepperz zu einem Symbol für das Verschwinden des Subjekts im Kreislauf von Kunst, Kritik und medialer Zirkulation.
Theoretische Einordnung
Das Werk lässt sich in die Tradition der Appropriation Art und der konzeptuellen Medienkritik einordnen. Wie bei Sherrie Levine oder Richard Prince basiert die künstlerische Strategie auf der Transformation bereits existierender Bilder. Steindor unterscheidet sich jedoch darin, dass das appropriierte Material selbstreflexiv ist: Der Urheber (Saltz) war sich der ironischen Künstlichkeit seiner Darstellung bewusst.
In diesem Sinne erzeugt Art can turn you into a machine eine mehrschichtige Spiegelstruktur. Die Ebene der Selbstinszenierung des Kritikers verschränkt sich mit der Ebene der kritischen Aneignung durch den Künstler. Der Kunstkritiker wird so zu einer Figur innerhalb der Kunstgeschichte, die er selbst kommentiert.
Saltz hatte in mehreren Essays den Gedanken formuliert, dass Künstler und Kritiker gleichermaßen in die Mechanismen der kulturellen Produktion eingebunden seien. „We are all parts of the art machine, even when we think we’re outside it“ (Saltz, 2018, S. 41). Steindor übersetzt diese Einsicht in ein visuelles System, das sowohl affirmativ als auch kritisch wirkt.
Interpretation
Das Werk ist eine Reflexion über Autorschaft, Kontrolle und Transformation. Die Maschine ist nicht nur ein Symbol technischer Entfremdung, sondern auch eine Metapher für die Selbstreproduktion der Kunstwelt. Steindor zeigt, dass die Grenze zwischen Kunst und Kritik, Produktion und Reflexion, Original und Kopie zunehmend ununterscheidbar wird.
Durch die Reappropriation des Selbstporträts Terry Pepperz entsteht ein intertextueller Dialog zwischen amerikanischer Kunstkritik und europäischer Konzeptkunst. Steindor thematisiert die Verschmelzung von Mensch und Medium als ästhetisches und gesellschaftliches Phänomen. Dabei wahrt das Werk eine ironische Distanz: Die Maschine ist zugleich das Objekt der Kritik und das Werkzeug ihrer Darstellung.
Art can turn you into a machine kann somit als Allegorie auf die postdigitale Kunstwelt gelesen werden, in der Subjektivität, Kritik und Reproduktion zu einem geschlossenen System verschmelzen. Das Werk markiert den Übergang von der Beobachtung der Kunst zur Beobachtung der Beobachter selbst.
Literaturverzeichnis
Benjamin, W. (1963). Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Saltz, J. (2018). Art Is Life: The Art World in the 21st Century. New York, NY: Riverhead Books.
Saltz, J. (2020). How to Be an Artist. New York, NY: Riverhead Books.
Steindor, C. (2022). #Kunstzertifikat. Verfügbar unter https://pokemonfury.com
Steyerl, H. (2013). The Wretched of the Screen. Berlin: Sternberg Press.