Erinnerungen einer Wasserflasche

Christoph Steindors Werk „Eine Causa Complexa – Erinnerungen einer Wasserflasche“ ist ein experimenteller Text zwischen Prosa, Performance und philosophischer Reflexion. Er steht in der Tradition postmoderner Schreibweisen, die lineare Erzählstrukturen zugunsten einer fragmentierten, assoziativen Textgestaltung auflösen. Das Werk thematisiert die schöpferische Krise des modernen Subjekts, das zwischen Materialität, Simulation und Erinnerung nach Sinn sucht.

Der Titel deutet bereits auf die Anlage des Textes hin: „Causa Complexa“, also eine verwickelte Ursache, verweist auf ein Geschehen ohne klaren Ursprung oder Abschluss. Die „Erinnerungen einer Wasserflasche“ verschieben die Perspektive vom Menschen auf das Objekt. Damit eröffnet Steindor eine posthumanistische Betrachtung, in der sich das schöpferische Subjekt im Ding, in der Materie selbst spiegelt (vgl. Braidotti, 2013). Die Wasserflasche, ein alltäglicher Behälter und Symbol der Moderne, wird zur Metapher für das Verhältnis von Leere und Fülle, Kreativität und Erschöpfung.

Zentral ist das Motiv des Schöpfens, das zugleich physisch (Wasser schöpfen) und geistig (Ideen schöpfen) gelesen werden kann. Gleich zu Beginn formuliert Steindor:

„Endlich Zeit einmal zu schöpfen, aus dem Wasser zu schöpfen, wenn schon nicht aus dem Vollen, so doch ein Vorhaben, wert zu ergründen – ohne zu schöpfen.“

Die Leere, aus der geschöpft wird, erscheint nicht als Mangel, sondern als Voraussetzung des Kreativen. Diese Haltung erinnert die an Nietzsches (1882/1999) Verständnis des Nihilismus als produktive Kraft. Das „Nicht-Schöpfen“ wird zum paradoxen Akt der Erneuerung.

Ein weiteres Leitmotiv ist die Makellosigkeit. Steindor konstatiert:

„Vollkommenheit hat eben immer den Makel der Makellosigkeit. Vollkommene Makellosigkeit ist ekelhaft.“

Hierin zeigt sich eine fundamentale Kritik an der Idee der Perfektion. Vollkommenheit wird als steriler Zustand beschrieben, der das Lebendige erstickt. Diese Reflexion steht im Einklang mit Adornos (1970) ästhetischer Theorie, nach der wahre Kunst immer das Moment des Unvollkommenen, Widerständigen in sich tragen muss. Gleichzeitig verweist Steindor auf eine Gegenwart, die im Sinne Baudrillards (1981/1994) von der „Perfektion des Simulakrums“ beherrscht wird; einer Welt glatter Oberflächen, in der Realität durch Zeichen ersetzt ist.

Formell arbeitet der Text mit Fragmentierung und Codierung. Einschübe wie

„CODE: SUNSET BOULEVARD – 40 Lightyears – PURE LEGEND“
fungieren als rhythmische Signale, die an digitale Kommunikationsformen erinnern. Sie unterbrechen den Lesefluss und verweisen auf die mediale Durchdringung moderner Wahrnehmung. Sinn entsteht nicht aus linearer Entwicklung, sondern aus der Iteration und Störung – ein Prinzip, das der Struktur von Hypertexten und Musikstücken ähnelt.

Die Dialoge zwischen Drusilla und Dany sind parodistische Miniaturen einer entfremdeten Kommunikation. In Laut- und Wortspielen wie „Schamattatee“ oder „Tschauiumarm“ löst sich Bedeutung in Klang auf. Sprache verliert ihren referenziellen Charakter und wird zum selbstbezüglichen Geräusch, ein Verfahren, das an Heiner Müllers fragmentarische Sprachflächen erinnert (vgl. Müller, 1998). Hier verwandelt sich das Gespräch in ein performatives Ritual der Sinnentleerung: eine Satire auf mediale Small-Talk-Kultur.

Steindor verknüpft Philosophie, Kunst und Popkultur zu einem dichten intertextuellen Netz. Referenzen auf Nietzsche, Eschenbach, Dali, Warhol, Mori oder Baudrillard erzeugen ein ästhetisches Feld, in dem Hoch- und Alltagskultur, Sakralität und Konsum ununterscheidbar werden. Orte wie Hollywood, Paris, Gelsenkirchen oder „Puerto Uranus“ erscheinen als hybride Topoi einer globalisierten Simulation. Diese ironisch gebrochene Welt entspricht Baudrillards (1978/2001) Konzept des Hyperrealen, in dem Zeichenketten sich endlos selbst referenzieren.

Im Kern reflektiert „Eine Causa Complexa“ die Schöpfung im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit. Die Wasserflasche ist industriell gefertigt, massenhaft verfügbar, sie symbolisiert die Erschöpfung des Originals. Doch gerade in dieser Leere liegt die Möglichkeit eines neuen, selbstreflexiven Schaffens. Schreiben wird zur Form des Widerstands gegen die sterile Perfektion der Gegenwart, zu einem Akt der bewussten Imperfektion.

Das Schlussbild „Die Lounge wird geöffnet. Blick in den Sonnenaufgang. Platz in der ersten Reihe.“ vereint Ironie und Transzendenz. Der Aufgang der Sonne markiert keine Erleuchtung, sondern eine mediale Projektion; ein Moment ästhetischer Stille, in dem der Mensch als Beobachter seiner eigenen Inszenierung zurückbleibt.

Steindors Werk kann damit als poetisches Labor der Sprache verstanden werden. Es untersucht das Verhältnis von Schöpfung, Perfektion und Entropie in einer durch Simulation geprägten Welt. Die „Erinnerungen einer Wasserflasche“ sind Erinnerungen einer Kultur, die alles enthält, außer Reinheit. Doch gerade aus dieser Vermischung entsteht die Kraft der künstlerischen Reflexion.


Literaturverzeichnis

Adorno, T. W. (1970). Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Baudrillard, J. (1978/2001). Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen. Berlin: Merve.

Baudrillard, J. (1981/1994). Simulacres et Simulation (J. Baudrillard, Trans.). Ann Arbor: University of Michigan Press. (Original arbeit veröffentlicht 1981)

Braidotti, R. (2013). The Posthuman. Cambridge, UK: Polity Press.

Müller, H. (1998). Gesammelte Werke (Bd. 6). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Nietzsche, F. (1882/1999). Die fröhliche Wissenschaft (Kritische Studienausgabe, Bd. 3). München: dtv / de Gruyter.

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