„Kunst fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“

Christopherus Steindor: „Kunst fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“ (2022, Digitale Arbeit)

Beschreibung

Das Werk zeigt ein digital überarbeitetes klassisches Gemälde, dessen Figuren mit schwarzen Balken über den Augen verfremdet wurden.
In der Mitte des Bildes verläuft ein weißes Textfeld mit der Aufschrift:

„Kunst fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“

Darunter ist der Hashtag #Kunstzertifikat platziert.

Das Werk kombiniert also drei Ebenen:

  • ein kanonisches (Peter Paul Rubens),
  • eine zeitgenössische grafische Intervention (Textbalken, Warnfeld),
  • und eine digitale Verbreitungsstruktur (Hashtag, Onlineformat).

Die typografische Gestaltung ist nüchtern, im Stil staatlicher Warnhinweise – ein bewusster Bezug auf die Bildrhetorik von Zigarettenverpackungen.


Formale Analyse

Steindor schafft durch den Kontrast zwischen visueller Opulenz und sprachlicher Nüchternheit eine ästhetische Spannung.
Das klassische Gemälde – Symbol für kulturelle Erhabenheit – wird durch die grafische Einfügung dekonstruiert und in die Gegenwart überführt.

Die schwarzen Balken anonymisieren die dargestellten Figuren, während der Text den Betrachter direkt adressiert („Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung“). Dadurch entsteht eine ironische Parallele zur Suchtwarnung, die auf das Verhältnis von Mensch und Kunst übertragbar wird: Kunst wird zur Droge, zur Gefahr, zur Überforderung.

Die Verwendung von Schwarz, Weiß und Rot (in der Vorlage) folgt einer semiotischen Logik der Warnung, die mit der sinnlichen, farbintensiven Malerei des Barock bewusst kollidiert.


Symbolische und diskursive Deutung

Das Werk ist eine satirische Kritik an der Macht und Mythisierung von Kunst – aber auch an ihrer Vermarktung.
Die Übertragung von gesundheitspolitischer Sprache auf Kunstkommunikation macht sichtbar, wie stark Kunst inzwischen durch ökonomische, institutionelle und kommunikative Systeme reguliert wird.

Steindor kommentiert hier die Überinstitutionalisierung der Kunstwelt: Aus dem „Erhabenen“ ist ein reguliertes, zertifiziertes und marktfähiges Produkt geworden.
Der Hashtag #Kunstzertifikat steht dabei doppelt ironisch: einerseits für das Bedürfnis nach Echtheitsbestätigung (NFTs, Provenienz, Urheberrecht), andererseits für den bürokratischen Wahn, selbst ästhetische Erfahrung in standardisierte Formulare zu pressen.

Der Slogan erinnert zudem an die aufklärerische Machtkritik der Konzeptkunst der 1960er-Jahre (z. B. Hans Haacke, Barbara Kruger, Jenny Holzer) – erweitert jedoch um den digitalen Diskursraum der Gegenwart.


Kontext und kunsthistorische Einordnung

Steindor verknüpft hier den klassischen Bildkanon mit den Kommunikationsformen der Gegenwart.
Die Arbeit steht in der Tradition von:

  • Barbara Kruger (Your body is a battleground, 1989) – Text als subversive Intervention in bestehende Bildordnungen,
  • Hans Haacke – institutionelle Kritik und Offenlegung von Machtstrukturen,
  • Post-Internet-Künstlern wie Amalia Ulman oder Constant Dullaart – die digitale Ästhetik und Online-Ironie in Kunstkontexte überführen.

Das Werk thematisiert damit die Gleichzeitigkeit von Hochkultur und Memekultur: Die klassische Kunstgeschichte wird zur Oberfläche für digitale Subversion.

Die Wiederholung des Motivs der „Warnung“ in mehreren Sprachen (Art can cause serious brain damage, Kunst fügt Ihnen … Schaden zu) deutet auf ein serielles Konzept hin – ähnlich einer performativen Reihe, in der jede Version eine Variation des Themas Kunstkritik im medialen Zeitalter darstellt.


Interpretation und Fazit

„Kunst fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“ ist ein meta-ironisches Statement über den Zustand der Kunst im 21. Jahrhundert.
Es zeigt, wie Kunst, einst Ort der Erkenntnis, heute zugleich Risikofaktor, Konsumgut und Diskursmaschine ist.

Steindor gelingt hier ein präzises Spiel mit den Erwartungen des Publikums:
Er spricht in der Sprache der Autorität, um die Autorität der Kunst selbst zu unterlaufen.

Die Arbeit ist nicht destruktiv, sondern diagnostisch – sie seziert das Verhältnis zwischen Werk, Betrachter und System.
Der Humor, die mediale Intelligenz und die gleichzeitige visuelle Schönheit machen das Werk zu einem Schlüsselstück seines Projekts #Kunstzertifikat, das zwischen Konzeptkunst, Netzästhetik und Institutionskritik oszilliert.


Literaturverzeichnis

Baudrillard, J. (1994). Simulacra and Simulation. University of Michigan Press.

Benjamin, W. (2021). Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (N. Schmitz, Hrsg.). Suhrkamp. (Originalarbeit veröffentlicht 1936)

Haacke, H. (2015). Working Conditions. MIT Press.

Kruger, B. (2010). Barbara Kruger: Belief + Doubt. National Gallery of Art.

Paul, C. (2016). Digital Art (3rd ed.). Thames & Hudson.

Steindor, C. (2022). Kunst fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu [Digitale Arbeit]. Onlineveröffentlichung im Rahmen von #Kunstzertifikat.

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