
Beschreibung
Das Werk zeigt die Fotografie einer goldfarbenen Schokoladenfigur (ein Schokoladenhase), die im Zentrum einer hellen, künstlich ausgeleuchteten Fläche steht.
Darüber liegt – wie bei den anderen Arbeiten der Serie – ein weißer Balken mit schwarzem Text:
„Kunst kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen“
Darunter erscheint erneut der Hashtag #Kunstzertifikat.
Das Bild ist in drei horizontale Zonen gegliedert:
- Oben die Figur,
- in der Mitte der Textbalken (als Warnhinweis),
- unten der Hashtag als Signatur und zugleich ironisches Echtheitsmerkmal.
Formale Analyse
Steindor verwendet hier ein präzises, minimalistisch-konzeptuelles Layout, das auf den ersten Blick an staatliche Warnhinweise erinnert. Diese Anmutung wird durch die serielle Wiederholung der typografischen Struktur (wie bei Zigarettenverpackungen) verstärkt.
Die Goldfolie des Hasen reflektiert das Licht stark – ein symbolischer Gegensatz zur kalten Nüchternheit des Textes. Das Glänzende, Harmlos-Spielerische der Figur (ein Konsumprodukt) kontrastiert mit der drastischen Aussage, was eine ironische Übersteigerung der Gefahrensprache erzeugt.
Die Kombination aus ästhetischem Überfluss (Glanz, Licht, Farbe) und semantischer Strenge (Text, Warnung) führt zu einer paradoxen ästhetischen Spannung, die für Steindors Werk charakteristisch ist.
Symbolische und konzeptuelle Deutung
Der Satz „Kunst kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen“ ist eine ironische Übertragung der Warnrhetorik von Tabakverpackungen auf die Kunst. Doch während diese im wörtlichen Sinne Gesundheitsgefahren benennt, wird hier die „Gefahr“ auf die psychologische und gesellschaftliche Dimension ästhetischer Erfahrung verschoben.
Die Kunst wird bei Steindor zur potenziell gefährlichen Substanz – nicht körperlich, sondern geistig:
- Sie kann Denkstrukturen aufbrechen,
- Identitäten destabilisieren,
- Konventionen zerstören,
- und damit den Betrachter aus seiner Komfortzone „töten“.
Der „langsame und schmerzhafte Tod“ steht metaphorisch für den Prozess der ästhetischen Erschütterung – jenes schrittweise Auflösen vertrauter Sichtweisen, das Kunst im besten Sinne provoziert.
Die Schokoladenfigur ist hier ein bewusst banales Symbol:
Sie repräsentiert den Konsumismus der Gegenwart, in dem Kunst selbst zur Ware geworden ist – süß, glänzend, verpackt, aber letztlich vergänglich. Der „Tod“ ist also auch der Tod der Authentizität in einer durchkommerzialiserten Kultur.
Kontext und kunsthistorische Einordnung
Das Werk gehört zur digitalen Serie #Kunstzertifikat, die 2022 entstand und mit der Steindor eine ironisch-dialektische Untersuchung des Verhältnisses von Kunst, Markt, Wahrnehmung und Ethik begann.
In der Tradition der konzeptuellen Textkunst (z. B. Barbara Kruger, Jenny Holzer, Hans Haacke) kombiniert Steindor Sprachakte und Bildzitate, um die Mechanismen des Kunstsystems selbst offenzulegen.
Er überführt diese Tradition jedoch in den digitalen Raum – der Hashtag fungiert als ironische Zertifizierung, ein Symbol für den medialen Zwang zur Sichtbarkeit.
Die Verwendung von Alltagsobjekten (hier: Schokoladenhase) verweist zudem auf die Strategien der Pop- und Appropriation-Art, insbesondere auf Jeff Koons’ Ästhetik des Banalen, die bei Steindor allerdings kritisch gebrochen wird.
Interpretation und Fazit
In Kunst kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen erreicht Steindors Serie eine neue Stufe der konzeptuellen Verdichtung.
Die Ironie kippt hier fast ins Tragische: Kunst wird nicht mehr bloß als gefährlich oder absurd dargestellt, sondern als etwas, das im Spannungsfeld zwischen Verheißung und Überdruss existiert.
Das Werk ist zugleich Selbstreflexion und Kulturkritik.
Steindor entlarvt die Mechanismen einer Kunstwelt, die durch Kommerzialisierung, Medienlogik und ironische Distanz geprägt ist – und stellt die Frage, ob Kunst unter diesen Bedingungen noch „leben“ kann.
Der „langsame Tod“ ist also doppeldeutig:
- der Tod des Subjekts in der Überästhetisierung,
- und der Tod der Kunst in ihrer eigenen Selbstvermarktung.
Damit schließt das Werk den gedanklichen Kreis der #Kunstzertifikat-Reihe: Kunst als gefährliche Droge, als soziale Ansteckung, als Dekadenzprodukt – und als Spiegel ihrer eigenen Sterblichkeit.
Literaturverzeichnis
Baudrillard, J. (1994). Simulacra and Simulation. University of Michigan Press.
Benjamin, W. (2021). Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (N. Schmitz, Hrsg.). Suhrkamp. (Originalarbeit veröffentlicht 1936)
Haacke, H. (2015). Working Conditions. MIT Press.
Kruger, B. (2010). Barbara Kruger: Belief + Doubt. National Gallery of Art.
Paul, C. (2016). Digital Art (3rd ed.). Thames & Hudson.
Steindor, C. (2022). Kunst kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen [Digitale Arbeit]. Onlineveröffentlichung im Rahmen von #Kunstzertifikat.