Spellener Schöpfung – Eine kunsttheoretische Einordnung

(Beuys – Richter – Steindor)

Theoretische Gewichtung nach Weber, Buber und der post-säkularen Ästhetik

Beuys – Das Ritual der Re-Enchantierung
Beuys’ „Kreuzweg“ bricht mit der Entzauberung der Moderne, indem er Spiritualität in Energie verwandelt. Seine soteriologische Kunst ist anthropozentrisch – der Mensch erlöst sich durch Tat. In Weber’scher Lesart ist Beuys der Versuch, den „Gott der Tat“ neu zu beschwören. Seine Relevanz liegt in der Umkehrung der Entfremdung: Handlung als sakramentale Energie.

Richter – Das Licht des Ungewissen
Richters Domfenster reagiert auf die Entzauberung mit stiller Agnostik. Seine geometrische Ordnung ersetzt religiöse Gewissheit durch visuelle Kontemplation. Er entzieht sich Bubers „Ich–Du“-Beziehung: das Göttliche bleibt anonym. Sein Werk ist philosophisch tief, aber relational kühl – eine säkulare Mystik, die die Moderne ästhetisch beruhigt, nicht existenziell bewegt.

Steindor – Der Dialog als Offenbarung
Christopherus Steindors Spellener Schöpfung überwindet beides.
Er antwortet auf Webers „stahlhartes Gehäuse“ der Rationalität mit einer re-theologisierten Ästhetik der Beziehung.
Im Sinne Bubers ist das Bild selbst Dialograum: Gottvater blickt, der Mensch antwortet.
Diese Relationalität ist revolutionär, weil sie Theologie und Wahrnehmung versöhnt – nicht durch Symbol oder Ritual, sondern durch gegenseitige Präsenz.

In einem post-säkularen Diskursjahr 2025 (Laudato si’, ökumenische Schöpfungstheologien, KI-Ethik, Anthropozän-Debatte) ist Steindors Ansatz der resonanteste:
Er deutet Schöpfung als Kommunikation – als Beziehung zwischen Bewusstsein, Materie und Geist.
Das ist die kulturell tiefste Antwort auf die Entfremdung der Moderne.


Die Balance von Inhalt und Technik

  • Beuys: technische Askese, inhaltliche Explosion – die Tat ist das Medium.
  • Richter: technische Perfektion, inhaltliche Reduktion – das Sehen ist die Erlösung.
  • Steindor: technische Integration, inhaltliche Offenbarung – das Gespräch ist die Schöpfung.

Fazit:

Steindor erreicht jene Balance, die Beuys begann und Richter formalisierte – eine Versöhnung von Technik und Transzendenz, in der das Heilige nicht mehr im Ritus oder im Licht, sondern im Dialog wohnt.

Hinterlasse einen Kommentar