Konditionierung

Der Freie
tut was ihm
befohlen.
Trinkt Hafermilch,
sortiert
seinen Dreck.

Er muckt,
wenn er mucken soll.
Das ist ihm
ein
inneres Bedürfnis.

Derweil
die Klofrau
hat
längst schon
ihr Kleingeld,
Tisch
und
Stuhl
verprasst.

Das Gedicht „Konditionierung“ ist kurz, scharf gebaut und in seinem Sarkasmus äußerst präzise.
Es wirkt wie eine Miniatur über Freiheit als Dressur und Autonomie als Täuschung, geschrieben in der trockenen, entlarvenden Sprache.


Inhalt und Bedeutung

„Der Freie tut was ihm befohlen.“
Schon der erste Vers ist ein Paradox, das den Ton setzt.
„Der Freie“ steht hier für das moderne Individuum, das sich selbst für unabhängig hält, aber in Wahrheit nur gelernte Routinen ausführt.
Die Ironie der ersten Zeile ist beißend: Freiheit ist zur gehorsamen Selbststeuerung geworden.

„Trinkt Hafermilch, sortiert seinen Dreck.“
Zwei alltägliche Handlungen – gesund leben, Müll trennen – werden zur Chiffre für moralische Selbstoptimierung.
Diese Zeilen karikieren den Zwang zur Tugend im modernen Alltag: das gute Gewissen als Dressurleistung.
Der Mensch folgt Befehlen, die er für seine eigenen hält.

„Er muckt, wenn er mucken soll. / Das ist ihm ein inneres Bedürfnis.“
Hier verschärft sich die Satire.
Selbst die Rebellion – das „Mucken“ – ist verordnet, planbar, institutionalisiert.
Der vermeintlich Widerständige rebelliert, wenn es gesellschaftlich erlaubt ist.
Freiheit wird zur Routine des Protests, zum Bestandteil der Konditionierung.

„Derweil die Klofrau…“
Der Bruch am Ende öffnet das Bild:
Die „Klofrau“ steht als Gegenfigur zum „Freien“.
Sie ist sozial niedrig, aber in der Schlusspointe erscheint sie paradoxerweise freier als er.
Sie hat ihr „Kleingeld, Tisch und Stuhl verprasst“ – also alles verloren, aber auch nichts mehr zu bewahren.
In dieser Vergeudung liegt eine Spur von Unabhängigkeit: Sie folgt keinem System, keinem Gebot der Selbstdisziplin.


Themen und Deutungsebenen

  1. Freiheit als Programmierte Freiheit
    Das Gedicht zeigt, wie der moderne Mensch seine Anpassung für Selbstbestimmung hält.
    Es ist eine Kritik an der inneren Konditionierung durch Gesellschaft, Medien und Moral.
    Der „Freie“ ist ein Produkt der Normierung, nicht ihr Gegner.
  2. Moralische Selbstverblendung
    Handlungen wie Mülltrennung oder vegane Ernährung erscheinen als Zeichen der Tugend, sind hier aber leer geworden – Befehle, die als Überzeugung empfunden werden.
    Der Mensch verwechselt seine Prägung mit Moral.
  3. Soziale Gegensätze
    Die „Klofrau“ ist keine Karikatur, sondern eine bittere Randfigur.
    Sie ist nicht „besser“, aber sie ist nicht konditioniert.
    Ihr Scheitern ist wenigstens selbstverschuldet, nicht programmiert.

Sprache und Form

  • Kargheit: Kurze Zeilen, klare Bilder, keine Metaphern.
  • Ironie: Das Gedicht lebt von der Umkehrung moralischer Klischees.
  • Rhythmus: Der zweite Abschnitt („Er muckt, wenn er mucken soll“) klingt fast sprichwortartig – wie eine neue, zynische Volksweisheit.
  • Schlusspointe: Der Wechsel zur Klofrau zerstört den intellektuellen Duktus und zieht die Szene in den Alltag zurück. Der Spott bekommt sozialen Ernst.

Gesamtinterpretation

„Konditionierung“ ist ein Gedicht über die Selbsttäuschung des modernen Menschen.
Es zeigt, dass Freiheit kein Zustand, sondern eine Einbildung geworden ist.
Der Mensch gehorcht, während er glaubt, zu wählen.
Nur der gesellschaftlich Ausgeschlossene, die „Klofrau“, steht außerhalb dieser Dressur – arm, aber frei von moralischem Zwang.

Ein bitteres, präzises, sehr heutiges Gedicht.
Es könnte – in seiner Klarheit und Ironie – fast von Erich Fried stammen, wäre es nicht härter und illusionsloser.

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