Kartografie der Lüge

In Zeiten, in denen Wahrheiten beliebig geworden sind, verändern sich auch die Lügen.
Sie müssen sich nicht mehr verstecken, sie verschleiern nichts und sie fliehen vor niemandem.
Ihre Macht liegt heute gerade in ihrer Offenheit und in einer Schamlosigkeit, die nicht mehr provoziert, sondern zur neuen Normalität geworden ist.

Das Gedicht entstand als Reaktion auf eine Gegenwart, in der sich Gewissheiten auflösen und jeder seine eigene Wahrheit konstruiert.
Was früher ein gemeinsamer Wahrheitsraum war, zerfällt heute in unzählige kleine Welten, in denen Überzeugungen nebeneinander stehen, ohne sich berühren zu müssen.
Das Ideal der Gleichheit verwandelt sich dabei in ein Gleichmachen, in dem nicht mehr zwischen wahr und falsch unterschieden wird, sondern nur noch zwischen laut und leiser.

„Die Lügen von heute“ ist ein kurzer, scharf geschnittener Text über diese Entwicklung.
Er beschreibt, wie im Multiversum der Gedankenfreiheit jeder seine eigene Wirklichkeit erschafft und wie in diesem Prozess das, was nicht in das jeweilige Weltbild passt, nicht mehr diskutiert, sondern abgeschossen wird.
Die Realität bleibt unausgesprochen.
Dort, wo jede Wahrheit möglich ist, wird die gemeinsame Wahrheit zum Feind.

Die Lügen von heute brauchen keine Beine. Sie kommen nackt daher und unverblümt. So findet die Gleichheit zu ihrer idealen Form. Im Multiversum der Gedankenfreiheit findet jeder seine Wahrheit. Der Rest wird füsiliert.

Dieses Bild ist mehr als eine Illustration zu einem Gedicht.
Es ist eine grafische Diagnose unserer Gegenwart: eine Welt, in der Lügen nicht länger maskiert auftreten, sondern offen, nackt und ohne Scham.
Der visuelle Aufbau spiegelt genau das wider: Zwei Sprachräume stehen einander gegenüber, klar getrennt, jeder mit seinem eigenen Rhythmus, seiner eigenen Wirklichkeit.

In der Mitte jedoch rotiert ein Cluster aus „Lüge“ und 嘘 – ein typografisches Multiversum aus gedrehten, versetzten und toxisch gefärbten Fragmenten.
Hier verliert sich der gemeinsame Boden der Wahrheit.
Hier beginnt der Raum, in dem jeder seine eigene „Wahrheit“ behaupten kann, ohne Widerspruch fürchten zu müssen.

Die Grafik ist damit die visuelle Entsprechung des Gedichts:
eine Welt, in der Gleichheit nicht zur Gerechtigkeit führt,
sondern zur Nivellierung aller Maßstäbe —
und in der das, was sich der persönlichen Wahrheit widersetzt,
nicht mehr argumentativ bekämpft,
sondern schlicht „füsiliert“ wird.

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