Der Gedichtzyklus „Totenmesse“ entfaltet sich wie eine fortschreitende Reise durch Zerfall, Überdruss, Anklage und schließlich Entlarvung. Die Gedichte bilden eine zusammenhängende poetische Bewegung, die von der gesellschaftlichen Ebene über die politische und körperliche bis hin zur metaphysischen reicht und zuletzt in eine metapoetische Erkenntnis mündet. Sie verfolgen die innere Logik einer Verdichtung: Die Welt bricht nicht plötzlich zusammen – sie zerfällt Schicht für Schicht, bis das lyrische Ich schließlich erkennt, dass selbst der angekündigte Untergang ein Spiegel seiner eigenen Sprache ist.
Am Beginn steht der gesellschaftliche Verfall. Die ersten Gedichte zeigen eine Welt, die sich selbst verdummt, ihre Erinnerungskultur auslöscht, Denkmäler niederreißt und die Toten beschmutzt. Diese Zerstörung von Kultur und Gedächtnis geschieht nicht durch äußere Feinde, sondern durch die Menschen selbst, die sich in ihrer eigenen Gleichgültigkeit und Aggression genüsslich suhlen. Die Sprache des lyrischen Ich ist dabei bewusst fragmentarisch, schneidend, fast predigend. Die Anklage hat rabbinische, prophetische Züge – doch ohne Heilsversprechen. In dieser Phase etabliert sich der Grundton: der Blick eines Beobachters, der nicht mehr am Erhalt der Zivilisation interessiert ist, weil er deren Selbstzerstörung als unvermeidlich erkennt.
Es folgt die wirtschaftlich-ökonomische Ebene des Zerfalls. Hier werden Menschen zu austauschbaren Funktionen in einem Versuchsaufbau, zu Verlustposten, Kostenpunkten, statistischen Größen. Die Sprache wird sachlicher, kälter. Die Gedichte entlarven die moderne Gesellschaft als Kontrollapparat, der Zonen, Zertifikate, Verbote und Sicherheitsrituale produziert, während gleichzeitig ein grenzenloser Überfluss sinnlos verschleudert wird. Der Mensch wird in einem paradoxen Zustand gezeigt: einerseits überreguliert, andererseits vollständig entwertet. Er stirbt „unerwartet“, obwohl alles überwacht scheint. Diese nüchterne Formel verleiht dem Zyklus einen fatalistischen Unterton – ein lakonisches Memento mori inmitten administrativer Hybris.
Der Zyklus wendet sich dann dem Körper und der Identität zu – der innersten Zone des Menschen. Diese Gedichte sind vulgär, konfrontativ und bewusst entstellend. Sie führen vor, wie moderne Diskurse den Menschen auf Sexualität, Geschlecht und öffentliche Wahrnehmung reduzieren. Die Gesellschaft wird sexualpolitisch überhitzt, der Mensch zum Träger oder Nichtträger bestimmter Körpermerkmale erklärt, zum Objekt demoskopischer Auswertung, zur statistischen Größe seiner vermeintlichen Potenz oder Impotenz. Diese Ironisierung des Identitätsdiskurses wird verstärkt durch die gleichzeitige Umkehr von Stärke und Schwäche: „Helden“ beten in Teestuben, während öffentlich inszenierte Männlichkeitsbilder zerfallen. Die Gedichte dieser Phase zeigen die Auflösung innerer Identität im Brennglas einer Gesellschaft, die sich selbst anatomisch-politisch zerlegt.
An diesem Punkt setzt die apokalyptische Eskalation ein. Die Menschheit wird nicht mehr nur kritisiert oder analysiert – sie wird als überflüssig erklärt. Die Gedichte sprechen davon, die Menschheit solle „sterben“, „Platz machen“, sich „verpissen“ und verschwinden, damit neue Opfer, neue Lämmer, eine neue Ordnung entstehen könne. Doch diese Endzeit ist keine echte religiöse Apokalypse – sie imitiert ihre Sprache, überhöht sie, macht sie grotesk. Der Gedanke des Aussterbens ist literarisch, nicht wörtlich, eine Form sprachlicher Katharsis. Diese Mittelphase markiert den tiefsten Punkt des Zyklus: Der Mensch hat sich nicht nur entwertet, sondern überlebt sich selbst. Die religiöse Bildsprache – Blut, Lämmer, Altar – dient als Kontrast zur vulgären Ausdrucksweise und zeigt einen geistigen Zustand de Gesellschaft zwischen Sehnsucht nach Reinigung und tiefem Überdruss.
Doch der Zyklus endet nicht im Untergang. Das letzte Gedicht entlarvt die zuvor aufgebaute Apokalypse als Inszenierung. Das lyrische Ich tritt auf wie ein Priester, ein Prophet, ein apokalyptischer Reiter – doch das „Himmelsross“ ist „geteert und gefedert“, ein groteskes Schaustück statt eines heiligen Tieres. Fanfaren ersetzen Glocken, die Messe ist kein sakrales Ritual, sondern eine Performance. Und am Ende fällt die Maske: Das „Dies Irae“ – der Tag des Zorns – ist „eine weitere Illusion“. Damit enthüllt sich der Zyklus als ein Spiel mit Bedeutungen, Bildern und Überhöhungen. Der Untergang ist ein sprachliches Konstrukt, eine poetische Verdichtung des Zustands der Welt, die ihren Untergang inszeniert – nicht ihr tatsächliches Ende.
So schließt der Zyklus mit einer überraschenden Erkenntnis: Die Welt ist nicht untergegangen. Es war die Sprache, die den Untergang gestaltet hat. Das lyrische Ich blickt auf die eigene Inszenierung zurück und erkennt deren theatralische Natur. Damit wird der Leser nicht mit Vernichtung entlassen, sondern mit Bewusstheit.
Der Gesamtzyklus zeigt also einen Weg:
- vom äußeren Zerfall
- zum inneren Zerfall
- zur apokalyptischen Überhöhung
- bis zur ironischen Entzauberung
Es entsteht ein poetisches Panorama einer zerrütteten Moderne, das zugleich Anklage, Spiegel und sprachliches Experiment ist. Der Zyklus endet nicht hoffnungsvoll – aber mit Klarheit. Und Klarheit ist in diesem Werk die einzig mögliche Form der Erlösung.