Die Nivellierer. Ein Protokoll der ästhetischen Kapitulation.

Es gibt in der Gegenwartskunst eine Figur, deren Einfluss größer ist als jeder Kurator, jedes Museum, jede Akademie:
Die Figur des Nivellierers.

Der Nivellierer ist freundlich.
Der Nivellierer ist inklusiv.
Der Nivellierer liebt Makramee, Salzkrusten, therapeutische Prozesse und den Satz „Jeder ist ein Künstler“.

Und eben darum zerstört er jede Form ästhetischer Unterscheidung mit einer Effizienz, die jede Zensur, jede Behörde, jede Cancel-Kultur vor Neid erblassen lässt.

Denn der Nivellierer hat die ultimative Waffe entdeckt:

Wenn alles Kunst ist, ist nichts mehr Kunst.
Wenn jeder Künstler ist, existiert kein Genie mehr.
Wenn jeder Ausdruck gilt, verliert Bedeutung jeden Boden.

Der Nivellierer beseitigt das Unverfügbare nicht durch Widerstand, nicht durch Kritik, nicht durch Verbot –
sondern durch Gleichsetzung.

Makramee = Salzkriechen = Michelangelo = Löwentraut = ein Meme = ein Meisterwerk = ein Restposten aus der Bastelschublade.

Die endgültige Demokratisierung des Kunstbegriffs vollzieht sich nicht durch Revolution, sondern durch warme Lauge.
Durch Teilhabe.
Durch gesundes Prozessdenken.
Durch das Versprechen, dass Kunst niemandem mehr wehtun darf.

Der Nivellierer trägt damit die eleganteste Konformitätsstrategie unserer Zeit in sich:
Er beseitigt die Gefahr der Kunst, indem er ihre Differenz auflöst.

Nicht nur die Differenz zu anderen Tätigkeiten –
sondern die Differenz in sich selbst.

Das Unverfügbare?
Aufgelöst.
Das Genie?
Verdunstet.
Das Too Much?
Verharmlost.
Der Tabubruch?
In Salz konserviert, bis er geschmacklos wird.

Die Avantgarde stirbt nicht an Verboten.
Sie stirbt an Gutgemeintheit.

Sie stirbt daran, dass niemand mehr „zu viel“ sein darf –
und niemand mehr zu wenig.

Sie stirbt daran, dass jedes Risiko sofort in ein „spannendes Forschungsprojekt“ umgecodiert wird.
Dass jede Zumutung in einen „Prozess der Auseinandersetzung“ verwandelt wird.
Dass jeder absolute Anspruch als „Exklusionsmechanismus“ diffamiert wird.

Und genau darum sage ich:

Der größte Gegner der Kunst ist nicht die Politik.
Er ist die totale Nivellierung durch allumfassende Anerkennung.

Kunst, die niemanden überfordert, ist Dekoration.
Kunst, die niemanden verletzt, ist Werbung.
Kunst, die niemanden unterschätzt, ist Pädagogik.
Kunst, die niemanden überragt, ist Handarbeit.

Das Genie existiert nicht, weil es Institutionen braucht –
es existiert, weil es Differenz erzeugt.
Weil es Wunden schlägt.
Weil es niemanden um Erlaubnis bittet.
Weil es kein Salzbad benötigt, um sichtbar zu werden.

Und deshalb bleibt mein Satz stehen,
jetzt unverhüllt, ohne Klammer und ohne Rettungsring:

**Wer Kunst nicht begreift, erklärt sie zum Forschungsprozess.

Wer sie begreift, erkennt das Genie – und erträgt die Zumutung.**

Die einen nennen es Arroganz.
Die anderen nennen es Klarheit.
Ich nenne es schlicht:

Kunst.

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