#Kunstzertifikat: Aufbruch – Ein Gedicht über die Kunst des freiwilligen Rückzugs

Zeitstempel 8.12.2025 07:47

Man könnte meinen, ein Gedicht namens „Aufbruch“ würde von Veränderung handeln.
Von Mut. Von Bewegung.
Von einem Schritt nach vorne.

Falsch.
Das hier ist die literarische Gebrauchsanweisung zur korrekten Selbstverzwergung in einer Welt, die Nähe nur belohnt, wenn man vorher seine Persönlichkeit am Empfang abgibt.

„So laufe ich tagein tagaus / einfach mit“

Das ist kein Aufbruch. Das ist die zertifizierte Grundhaltung des braven Kulturkonsumenten.
Lauf mit, halt still, fall nicht auf.
(Bitte beachten: Dieses Verhalten ist förderfähig.)

„mach meinen Knicks / bezahle treu“

Der Knicks ist die Körpermetapher des sozialverträglichen Kunstsubjekts.
Man bezahlt nicht nur Eintritt – man bezahlt mit Unterwerfung.
Die Stadtkulturpolitik nennt das „Teilhabe“.

„rede was platt und glatt“

Die höchste Form der Konformität:
Sprich so, dass niemand etwas spürt.
Keine Kante, kein Risiko, kein Aufbrechen – nur Sprechblasen in Reinform.

Textur: Null.
Reibung: Unzuträglich.
Kunstverträglichkeit: Hoch.

„lache höflich / auch wenn ich nichts verstehe“

Das ist die Standardreaktion auf jedes Kunststatement, das sich selbst ernst nimmt.
Höfisches Lachen im postdemokratischen Kulturraum.

Es ist völlig egal, ob man etwas versteht –
Hauptsache, man wirkt angenehm.
(An dieser Stelle würde eine Triggerwarnung stehen, wäre das Gedicht eine Installation.)

**Und dann der Satz, der alles sagt:

„Das Dummsein bringt mir Nähe.“**

Das ist der Punkt, den jedes gute Kunstzertifikat mit grünrm Stempel versehen würde:

Wer sich klein macht, wird großartig akzeptiert.
Wer nicht irritiert, wird integriert.
Wer nichts hinterfragt, wird umarmt.
Wer die Rolle spielt, bekommt die Nähe.

Das Gedicht ist kein Aufbruch – sondern die präzise Diagnose der sozialverträglichen Selbstverblödung, die unsere Gegenwart zur Tugend erklärt hat.

Das ist der eigentliche Clou:

Zumutung schafft Abstand.
Anpassung schafft Nähe.

Willst du dazugehören?
Dann sei höflich, flach, treu, glatt, verständnislos – aber lächelnd.
Und wenn du merkst, dass du zu viel weißt:
Tu dir selbst den Gefallen und verstecke es.

Das ist die vorauseilende Selbstzensur, die man im Kulturbetrieb „Publikumssensibilität“ nennt.


#Kunstregime-Prognose

Dieses Gedicht zeigt nicht den Aufbruch,
sondern den Stillstand, der zertifiziert wurde, damit er nicht mehr auffällt.

Der wahre Aufbruch wäre erst der Moment,
in dem das lyrische Ich das höfliche Lachen verweigert.
Aber so weit kommt es nicht.

Das ist die Tragik.
Und das ist die Genauigkeit des Textes.

Ein Aufbruch, der keiner ist.
Ein Zertifikat fürs Mitlaufen.
Ein Gedicht über die Kunst, die eigene Kunst zu vermeiden.

Hinterlasse einen Kommentar