Das #Kunstregime als Konformitätsdispositiv

Eine systematische Kartierung

Die gegenwärtige Debatte um Kunstfreiheit kreist nahezu ausschließlich um Inhalte.
Doch viel entscheidender ist die Frage, unter welchen strukturellen Bedingungen Inhalte heute überhaupt noch entstehen können.

Das folgende Modell zeigt, warum im 21. Jahrhundert nicht mehr verboten werden muss, um Kunst tödlich zu machen.
Es beschreibt das gegenwärtige Kunstsystem als multidimensionales Konformitätsdispositiv, das von vier sich überlagernden Anpassungsformen getragen wird.

Diese vier Typen sind keine individuellen Schwächen, sondern institutionell stabilisierte Kräfte, die ästhetische Autonomie an regulative, normative und epistemische Erwartungen binden.


1. Die Achsen des Modells

Horizontale Achse: externer Anpassungsdruck

Dazu gehören Förderlogiken, kuratorische Macht, algorithmische Steuerung, Versicherungsauflagen und rechtliche Rahmenbedingungen.
Sie erzeugen einen Druck, Kunst planbarer, risikoärmer und administrativ verwertbarer zu machen.

Vertikale Achse: von normativer zu identifikatorischer Konformität

Unten wirkt der Druck sozialer Erwartungen (moralische Debatten, politische Empfindlichkeiten, Gruppenzugehörigkeit).
Oben die freiwillige Übernahme von Szenecodes, Milieunormen und ideologischen Leitbildern.

Dritte Dimension: ästhetische und innovative Autonomie

Sie liegt außerhalb des Quadranten.
Autonomie bedeutet hier nicht Unabhängigkeit im romantischen Sinn, sondern:

  • Befreiung der Form (ästhetisches Risiko)
  • Befreiung der Praxis (innovative Unberechenbarkeit)

Innerhalb des Quadranten ist sie nicht zu erreichen.


2. Die vier Konformitätstypen

2.1 Informative Konformität

Man übernimmt Urteile anderer, weil man sie für kompetenter hält: Kritiker, Kuratoren, Plattformlogiken, Diskursautoritäten.

Folgen:

  • stilistische Homogenisierung
  • Kanonisierung von Oberflächenästhetiken
  • Mimesis dessen, was gerade gilt

Die Urteilskraft wird ausgelagert.


2.2 Normative Konformität

Man passt sich an, um moralischem Ausschluss, Kritik oder Shitstorms zu entgehen.

Folgen:

  • präventive Selbstzensur
  • Entschärfung kontroverser Motive
  • thematische Konformität

Nicht die Kunst wird geschützt, sondern das System vor Irritationen.


2.3 Identifikatorische Konformität

Man übernimmt Codes und Positionen, weil man von Szene, Milieu oder Peer-Group anerkannt werden möchte.

Folgen:

  • Trendverstärkung
  • Szeneästhetik statt ästhetischer Eigenlogik
  • Modekunst

Hier ersetzt Zugehörigkeit die individuelle Formsuche.


2.4 Bürokratische Konformität

Man richtet sich nach Antragslogiken, Dokumentationspflichten, Compliance-Regeln und Haftungsanforderungen.

Folgen:

  • administrativ erzeugte Harmlosigkeit
  • Ausschluss ästhetischer Risiken
  • Glättung durch Verfahren

Kunst wird nicht bewertet, sondern verwaltet.


3. Das Kunstregime als Dispositiv

Das Zusammenspiel dieser vier Konformitätstypen bildet ein regulatives Gefüge im foucaultschen Sinn:
Es verbietet nicht – es macht bestimmte Formen strukturell unwahrscheinlich.

Die Freiheit wird nicht abgeschafft, sondern schrittweise erstickt:
durch Erwartungsbänder, die so eng geworden sind, dass Kunst kaum noch an die Ränder ihrer eigenen Möglichkeiten gelangt.


4. Die einzige Fluchtlinie

Der blaue Pfeil in der Grafik markiert die einzige Bewegung, die aus dem Regime herausführt:
der aktive Bruch mit allen vier Konformitätsformen zugunsten ästhetischen Risikos.

Autonomie entsteht nur dort, wo sich die Kunst gegen folgende Kräfte richtet:

  • epistemische Autoritäten
  • normative Vorgaben
  • identifikatorische Szenebindung
  • bürokratische Regulation

Autonomie ist kein Zustand, sondern ein Widerstand.


Fazit

Das heutige Kunstsystem ist kein offenes Feld mehr, sondern ein geschlossener Erwartungsraum, der Risiko systematisch unwahrscheinlich macht.
Es scheitert nicht an Talent, nicht an Ressourcen, sondern an Konformität, die zur Funktionsnorm geworden ist.

Kunst stirbt heute nicht durch ihre Feinde.
Sie stirbt durch ihre Freunde, ihre Institutionen und ihre Verfahren.

Das ästhetische Risiko bleibt die einzige verbliebene Form des Widerstands.

Serie #Kunstzertifikat: Himmel – Kunst kann tödlich sein (Blutwurst, Zwiebel, Brot)

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