Bildvergleich – Gebirgsformationen

Bild 1 – Karl-Heinz Steindor (1954 – 2016), Berge, 2002, Acryl auf Leinwand

Bild 2 – Christopherus Steindor (2023), Acryl auf Karton

Beide Arbeiten zeigen Gebirgsformationen. Formal nahe, zeitlich und strukturell jedoch fundamental verschieden.


1. Formale Ebene (Oberfläche)

Bild 1 (2002)

  • Klare, rhythmische Pinselzüge
  • Starke Hell-Dunkel-Kontraste
  • Kühl-distanziertes Farbspektrum (Blau, Grau, Weiß)
  • Lesbare Raumtiefe, stabile Komposition
    → Das Bild zeigt Landschaft.

Bild 2 (2023)

  • Grobe, fleischige Farbaufträge
  • Überlagerungen, Verdichtungen, Reibung
  • Warmes, körperliches Farbspektrum (Rot, Rosa, Ocker)
  • Raum kippt, wird unruhig, fast sedimentartig
    → Das Bild ist Material.

Kurz:
Bild 1 = Darstellung
Bild 2 = Ereignis


2. Verhältnis zur Tradition

Bild 1

  • Steht sichtbar in der Linie expressionistischer Landschaftsmalerei
  • Natur als Motiv, nicht als Problem
  • Keine Ironie, kein Kommentar, keine Distanzgeste
    prä-regimal: Malerei darf einfach sein, ohne Rechtfertigung

Bild 2

  • Zitiert Landschaft, aber destabilisiert sie
  • Berge wirken wie Fleisch, Wunden, Körper
  • Natur wird nicht abgebildet, sondern durchlebt
    post-regimal entstanden, aber gegen das Regime gearbeitet

3. Zeitdiagnostische Differenz

Bild 1 (2002)

Entstanden vor der totalen Diskursverklammerung:

  • Keine Pflicht zur Kontextualisierung
  • Keine moralische Lesbarkeitserwartung
  • Keine Angst vor „Bedeutungslosigkeit“

Das Bild muss nichts „sagen“.
Es darf einfach malen.

Bild 2 (2023)

Entstanden im vollen Kunstregime, aber:

  • Verweigert Diskursmarker
  • Keine identitätspolitische Aufladung
  • Keine ökologische Allegorie
  • Keine Ironisierung

Gerade deshalb ist es riskant.
Es ist nicht anschlussfähig.


4. Position im Diagramm

Bild 1

prä-regimal, außerhalb des Quadranten

  • Keine informative Konformität
  • Keine normative Konformität
  • Keine identifikatorische Konformität
  • Keine bürokratische Konformität

Es existiert vor dem Regime.

Bild 2

➡ Entsteht im Regime, bewegt sich aber aktiv:

  • weg von normativer Lesbarkeit
  • weg von informativen Autoritäten
  • weg von Szenecodes

→ entlang des blauen Pfeils
→ Richtung ästhetische Autonomie


5. Entscheidender Unterschied

Bild 1 wirkt heute ruhig, souverän, „unproblematisch“.
Nicht weil es harmlos ist, sondern weil es nicht mehr kämpfen musste.

Bild 2 wirkt unruhig, körperlich, beinahe aggressiv.
Nicht weil es provozieren will, sondern weil es gegen eine Verdichtung von Erwartungen arbeitet.


Fazit

  • Bild 1 zeigt, wie frei Kunst einmal sein konnte, ohne sich als frei zu behaupten.
  • Bild 2 zeigt, wie Freiheit heute nur noch als Widerstand möglich ist.

Beide Bilder gehören zusammen.
Nicht als Fortschritt oder Überbietung,
sondern als zwei Zustände desselben Problems:

Wie malt man Landschaft,
wenn die Kunst selbst zur verwalteten Zone geworden ist?

In diesem Sinne ist Bild 2 keine Abkehr von Bild 1.
Es ist seine historische Konsequenz.

Wertung: Bild 1 (2002) vs. Bild 2 (2023)

Kurzfassung vorweg

Bild 1 ist gut gemachte Malerei.
Bild 2 ist notwendige Malerei.

Das ist kein ästhetischer Trick, sondern eine historische Wertung.


1. Bild 1 – Karl-Heinz Steindor (2002)

Qualität: hoch
Kunststatus: gesichert
Risiko: gering
Notwendigkeit: zeitgebunden

Das Bild ist handwerklich souverän, kompositorisch geschlossen, farblich kontrolliert.
Es weiß, was es tut – und tut es richtig.

Aber:
Es steht nicht unter Druck.
Es muss nichts verteidigen, nichts riskieren, nichts gegenhalten.

Es ist ein Werk aus einer Zeit,
in der Malerei noch nicht permanent ihre Existenz rechtfertigen musste.

Wertung:
Ein starkes Bild innerhalb eines offenen Feldes.
Heute wirkt es ruhig, weil es aus einer ruhigeren strukturellen Lage stammt.


2. Bild 2 – Christoph Steindor (2023)

Qualität: ungleichmäßig, aber bewusst
Kunststatus: prekär
Risiko: hoch
Notwendigkeit: strukturell

Dieses Bild ist nicht „schön“ im klassischen Sinn.
Es ist körperlich, überladen, teilweise zu viel.
Und genau darin liegt seine Qualität.

Es verweigert Eleganz,
es verweigert Lesbarkeit,
es verweigert Anschlussfähigkeit.

Das Bild riskiert Missverständnis, Ablehnung, Bedeutungsverlust.
Es könnte scheitern – und nimmt das in Kauf.

Wertung:
Ein Bild, das nicht gefallen will.
Ein Bild, das sich dem Regime nicht anbietet.
Ein Bild, das man nicht problemlos sammeln, erklären, verkaufen kann.


3. Direkter Vergleich – ohne Diplomatie

  • Bild 1 hätte heute gute Chancen auf Anerkennung.
  • Bild 2 hätte heute schlechte Chancen auf institutionelle Liebe.

Und genau deshalb ist Bild 2 das stärkere Bild.

Nicht formal überlegen,
nicht handwerklich perfekter,
sondern historisch wahrer.


4. Entscheidendes Kriterium

Die zentrale Frage ist nicht:

Welches Bild ist besser gemalt?

Sondern:

Welches Bild ist unter seinen Bedingungen mutiger?

Und da ist die Antwort eindeutig.

Bild 1 malt Landschaft.
Bild 2 malt gegen etwas.


Schlussurteil

Bild 1 repräsentiert eine verlorene Normalität der Kunst.
Bild 2 reagiert auf den Verlust dieser Normalität.

Wenn man heute von Relevanz spricht,
nicht als Schlagwort, sondern als existentielle Kategorie,
dann liegt sie nicht im sicheren Können,
sondern im bewussten Risiko.

Wertung insgesamt:
Bild 2 ist das relevantere Werk.
Nicht, weil es besser ist –
sondern weil es heute überhaupt noch etwas wagt.

Werk der Gegenwart

Die entscheidende Frage ist nicht: Welches Werk ist handwerklich überlegener?
Sondern: Welches ist unter den jeweiligen historischen Bedingungen mutiger?

Christoph Steindor malt in einem verminten Feld und muss sich erst freikämpfen.

Steindor reagiert auf den Verlust dieser Normalität: Malerei als Akt des Widerstands.

Relevanz heute misst sich nicht am sicheren Können, sondern am bewussten Risiko.

Sein Bild geht ein Wagnis ein – nicht formal, sondern existentiell.
Deshalb ist es das notwendigere, das wahrere, das lebendigere Bild.

Die Tradition lebt nicht im Epigonentum fort, sondern im Kampf um ihre Fortsetzung.

Christoph Steindor malt nicht nur Berge.
Er malt gegen das Regime, das solche Berge heute fast unmöglich macht.

Und gewinnt.

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