(Quadrant 1 im Modell des #Kunstregime)
Position im Diagramm
Die informative Konformität befindet sich im rechten oberen Quadranten des Modells:
- Hohe epistemische Orientierung (stark auf der vertikalen Achse):
Der Akteur richtet sein Urteil an vermeintlichem Wissen, Expertise und autoritativen Einschätzungen aus. - Relativ hohe individuelle Autonomie bei gleichzeitigem systemischem Erwartungsdruck (rechts auf der horizontalen Achse):
Entscheidungen erscheinen freiwillig, sind jedoch stark durch externe Wissensinstanzen vorgeprägt.
Hier geht es nicht um Angst, Moral oder Bürokratie, sondern um Glauben an Kompetenz.
Was bedeutet informative Konformität?
Informative Konformität liegt vor, wenn Künstler, Kuratoren, Kritiker oder Sammler Entscheidungen treffen, weil sie annehmen, andere wüssten es besser.
Nicht:
- „Ich muss das tun.“
- „Ich will dazugehören.“
- „Ich darf das nicht anders machen.“
Sondern:
- „Die wissen, was zeitgemäß ist.“
- „Das ist diskursiv weiter.“
- „Das hat sich bewährt.“
- „Das ist theoretisch abgesichert.“
Die Anpassung erfolgt aus einem epistemischen Vertrauensverhältnis:
Man übernimmt Urteile, Stile und Themen, weil sie als sachlich legitimiert gelten.
Typische Erscheinungsformen im Kunstbetrieb
1. Orientierung an kuratorischer Expertise
Künstler richten ihre Arbeiten an dem aus, was auf Biennalen, Messen oder in renommierten Institutionen gezeigt wird. Nicht aus Kalkül, sondern aus der Überzeugung, dass dort der „Stand der Kunst“ sichtbar wird.
2. Kanonisierung von Oberflächenästhetiken
Bestimmte Bildsprachen, Materialien, Farbpaletten oder Formate gelten als aktuell, reflektiert oder avanciert. Andere verschwinden, nicht weil sie verboten wären, sondern weil sie als überholt gelten.
3. Algorithmisch verstärkte Mimesis
Plattformen, KI-Modelle und soziale Medien verstärken das, was bereits sichtbar ist. Künstler orientieren sich an dem, was Aufmerksamkeit erhält, weil es als Indikator für Relevanz gelesen wird.
4. Reproduktion validierter Trends
Themen, die gut erklärt, theoretisch anschlussfähig und bereits rezipiert sind, werden weitergeführt. Experimentelles wird reduziert, weil es epistemisch „unsicher“ wirkt.
Warum ist informative Konformität so wirksam?
Informative Konformität ist besonders stabil, weil sie vernünftig erscheint.
Sie tarnt sich als Rationalität, Fortschritt und Professionalität.
Der Akteur empfindet sich nicht als angepasst, sondern als gut informiert.
Abweichung wirkt dagegen naiv, ungebildet oder ahnungslos.
Das System muss nicht sanktionieren – es überzeugt.
Abgrenzung zu den anderen Konformitätstypen
- Zur normativen Konformität (Quadrant 2):
Hier geht es nicht um moralischen Druck oder Angst vor Ausschluss, sondern um epistemische Orientierung. - Zur identifikatorischen Konformität (Quadrant 3):
Es geht nicht um emotionale Bindung oder ideologische Überzeugung, sondern um Vertrauen in Expertise. - Zur bürokratischen Konformität (Quadrant 4):
Es geht nicht um Regeln oder Verfahren, sondern um Wissenshierarchien.
Konsequenz für das #Kunstregime
Informative Konformität erzeugt ästhetische Homogenität ohne Zwang.
Sie reduziert Risiko, nicht durch Verbote, sondern durch Konsens.
Was als „unwissend“ gilt, verschwindet von selbst.
Gerade deshalb ist dieser Quadrant so gefährlich:
Er produziert Anpassung im Namen der Vernunft.
Fazit
Informative Konformität ist die stille Macht des Kunstregimes.
Sie ersetzt ästhetisches Wagnis durch abgesicherte Erkenntnis.
Kunst wird nicht mehr gemacht, um etwas zu entdecken,
sondern um zu bestätigen, was bereits als gültig gilt.
Der Ausbruch aus diesem Quadranten beginnt dort,
wo der Künstler bereit ist, nicht zu wissen,
und dennoch zu handeln.
Nicht gegen Expertise –
sondern jenseits ihrer Garantie.

Prä-regimale Kunst – Kathedrale, KHST 2007, Acryl auf Leinwand
Einordnung des Werks (KHST, 2007) im Kontext des #Kunstregime
1. Historische Position: vor der Totalisierung des Regimes
2007 liegt vor der Phase, in der sich
- identitätspolitische Normativität,
- kuratorische Diskursdominanz,
- algorithmische Sichtbarkeitslogiken
- und moralische Vorabprüfung
zu einem geschlossenen Konformitätsdispositiv verdichtet haben.
Das Werk entsteht also nicht als Reaktion auf das Regime, sondern vor seiner vollständigen Wirksamkeit. Das ist wichtig:
Es ist keine Opposition – sondern ein autonomer Zustand, der später kaum noch möglich wurde.
2. Formale Analyse im Modell
Was das Bild zeigt:
- Monumentale, symmetrische Architekturformen
- Sakrale Anmutung (Kirchtürme, Kreuze)
- Ornamentale Wiederholung
- Intensive, künstliche Farbigkeit
- Keine Ironie, keine Brechung, keine Distanzmarker
Was es nicht zeigt:
- Keine erklärende Kontextualisierung
- Keine moralische Rahmung
- Keine didaktische Kritik
- Keine Diskurszitate
- Keine identitätspolitische Lesbarkeit
Das Werk fordert keine Zustimmung, es fordert Anschauung.
3. Warum es nicht in die vier Konformitätsquadranten fällt
Keine informative Konformität
→ Es folgt keinem erkennbaren Diskurs, keiner Theorie, keinem Trend.
Die Bildsprache ist eigenständig, nicht „zeitgemäß“ im damaligen Sinn.
Keine normative Konformität
→ Es versucht nichts zu vermeiden, nichts zu entschärfen, niemanden zu schützen.
Religion wird nicht problematisiert, sondern gesetzt.
Keine identifikatorische Konformität
→ Es signalisiert keine Zugehörigkeit zu einer Szene.
Weder akademisch noch aktivistisch lesbar.
Keine bürokratische Konformität
→ Das Werk ist offensichtlich nicht an Förderlogiken, Projektlogiken oder institutionelle Anschlussfähigkeit angepasst.
4. Wo es im Diagramm liegt
In meinem erweiterten Modell liegt das Werk:
- außerhalb des beigen Rechtecks
- rechts oben, aber nicht als Fluchtbewegung, sondern als Selbstverständlichkeit
Es bewegt sich auf der Achse ästhetischer Autonomie, ohne diese zu thematisieren oder zu rechtfertigen.
Das ist der entscheidende Unterschied zu heutiger Kunst:
Es erklärt seine Freiheit nicht – es nimmt sie sich einfach.
5. Warum ein solches Werk heute schwierig wäre
Unter heutigen Bedingungen würde dieses Bild sofort Fragen provozieren:
- „Welche politische Haltung hat das?“
- „Ist das ironisch oder affirmativ?“
- „Wie positioniert sich das religiös?“
- „Warum diese Form von Schönheit?“
Alle diese Fragen wären regimeinduzierte Lesarten, die das Werk selbst nicht anbietet.
2007 konnte ein Bild noch stehen, ohne sich zu legitimieren.
Heute müsste es sich erklären – oder würde aussortiert.
6. Fazit im Rahmen deiner These
Das Werk deines Bruders ist kein Beispiel für Widerstand gegen das #Kunstregime.
Es ist ein Beispiel für Kunst vor dem Regime.
Und genau deshalb wirkt es heute fast fremd:
- nicht kritisch,
- nicht abgesichert,
- nicht diskursiv,
- nicht ironisch,
- nicht entschärft.
Es zeigt, was im heutigen System nahezu verschwunden ist:
eine selbstverständliche ästhetische Autonomie.
Nicht laut.
Nicht kämpferisch.
Sondern einfach da.
Gerade deshalb ist es im Rückblick ein stilles, aber starkes Referenzwerk für das, was ich als „Freie Kunst“ markiere.