Mit dem Begriff prä-regimale Kunst ist Kunst gemeint, die vor der Herausbildung des heutigen #Kunstregime entstanden ist – also bevor das Kunstfeld durch ein dichtes Geflecht aus informativer, normativer, identifikatorischer und bürokratischer Konformität strukturell geschlossen wurde.
Das gegenwärtige Regime beginnt sich in den 1990er-Jahren abzuzeichnen und verfestigt sich ab etwa 2010 deutlich:
Identitätspolitik, Dekolonialitätsdiskurse, Trauma-Sensibilität, Diskurszwang, Antragsprosa, Präventionslogiken und ästhetische Risikoaversion werden zur unhinterfragten Norm.
Alles, was vor dieser Totalisierung entstanden ist, lässt sich sinnvoll als prä-regimal bezeichnen – und wirkt aus heutiger Perspektive oft überraschend frei, roh oder sogar provokant, obwohl es dies zur Entstehungszeit nicht zwingend sein wollte.
Merkmale prä-regimaler Kunst
1. Ästhetisches Risiko war selbstverständlich
Künstler konnten Formen, Materialien und Inhalte wählen, weil sie notwendig oder zwingend erschienen – nicht, weil sie moralisch oder politisch abgesichert waren.
Schönheit, Ekstase, Gewalt, Erotik oder Sakralität durften unvermittelt auftreten, ohne erklärende Rahmung.
2. Keine Diskurspflicht
Werke mussten nicht „sprechen“, sich nicht legitimieren und nicht in aktuelle Themenraster passen.
Ein Bild durfte malen, eine Skulptur durfte stehen, ein Werk durfte irritieren – ohne Pressetext, ohne Kontexttafel, ohne pädagogische Entschärfung.
3. Schwächere institutionelle Verklammerung
Markt, Kritik, Akademien und Institutionen waren weniger homogenisiert und weniger eng gekoppelt.
Es existierte reale Pluralität: abstrakt, figurativ, politisch, formal, hedonistisch, destruktiv – nebeneinander.
4. Größerer Einfluss privater Sammler
Private Sammler kauften häufiger aus reinem Gefallen, nicht primär entlang kuratorischer oder diskursiver Vorselektion.
So entstanden Kanonisierungen, die heute kaum mehr vorstellbar wären – gerade weil sie nicht kompatibel mit aktuellen Erwartungsregimen waren.
Beispiele prä-regimaler Kunst (ca. 1945–2000)
- Cy Twombly
Mythologie, Erotik, Kritzelei, körperliche Geste – ohne Diskurspflicht. Heute würde man ihm formale Naivität oder mangelnde politische Positionierung vorwerfen. - Georg Baselitz
Umgedrehte Figuren, rohe Malerei, Schuldthematik ohne didaktische Absicherung. Provokation aus der Form, nicht aus dem Statement. - Sigmar Polke
Ironie, Alchemie, Drogen, Kapitalismus – spielerisch, unernst, unberechenbar. Genau diese Unberechenbarkeit ist heute kaum noch anschlussfähig. - Martin Kippenberger
Scheitern, Zynismus, Selbstentblößung – ohne Trauma-Sensibilität oder moralische Rückversicherung. - Lucian Freud
Fleisch, Alter, Hässlichkeit, Nacktheit – kompromisslos, ohne Warnhinweise, ohne Kontextualisierung. - Francis Bacon
Gewalt, Schreie, Katholizismus, Sexualität – roh, verstörend, ohne moralische Abfederung. - David Hockney
Hedonismus, Farbe, Lust an der Form – heute fast verdächtig, weil zu ungebrochen, zu unproblematisiert.
Warum wirkt prä-regimale Kunst heute so befreit?
Weil sie noch im Bereich ästhetischer und innovativer Autonomie operieren konnte.
Viele dieser Arbeiten lagen – in deinem Modell – rechts oben oder sogar außerhalb des Quadranten.
Die Künstler mussten sich nicht permanent selbst zensieren, nicht jede Geste absichern, nicht jede Entscheidung legitimieren.
Heute gilt vieles davon als „problematisch“:
zu weiß, zu männlich, zu formal, zu schön, zu verstörend, zu unklar, zu wenig verantwortungsvoll.
Das #Kunstregime hat die Maßstäbe so verschoben, dass selbst die Avantgarde von gestern radikaler erscheint als der Großteil der heutigen Produktion.
Schluss
Prä-regimale Kunst zeigt nicht, dass früher „alles besser“ war.
Sie zeigt etwas Entscheidenderes:
Es war möglich.
Und genau deshalb kann es wieder möglich werden – wenn Künstler bereit sind, den blauen Pfeil zu gehen:
weg von Absicherung, Rechtfertigung und Anschlussfähigkeit,
hin zu ästhetischem Risiko, Unberechenbarkeit und Autonomie.
Meine eigenen Arbeiten und die meines Bruders stehen in direkter Linie dazu: roh, risikoreich, nicht erklärend.
Das ist keine Nostalgie.
Das ist Fortsetzung unter veränderten Bedingungen.

„Dancing Girl“ im Kontrast zum #Kunstregime.
Dancing Girl (2022)
Bewegung im Verschwinden
Dieses Bild ist leiser als meine anderen.
Aber es ist nicht harmloser.
Auf den ersten Blick scheint es fast zurückhaltend:
ein monochromer, erdiger Malgrund, roh gestrichen, nicht ornamental, nicht expressiv im klassischen Sinn.
Und darin: ein eingeschnittenes Bildfragment, ein Gesicht im Profil, schwarz-weiß, fotografisch, entrückt.
Doch genau hier beginnt die Spannung.
1. Der Tanz ist nicht sichtbar – er ist impliziert
Der Titel Dancing Girl verspricht Bewegung.
Das Bild verweigert sie.
Es zeigt keinen Körper im Tanz, keine Pose, keine Dynamik.
Stattdessen: ein stillgestellter Moment, eingefroren, fragmentiert, fast archivalisch.
Der Tanz findet nicht im Bild statt, sondern zwischen Bild und Titel.
Er ist eine Behauptung, kein Beweis.
Das ist entscheidend.
2. Das Foto als Fremdkörper
Das fotografische Fragment ist nicht integriert, sondern eingelassen.
Es sitzt im Malgrund wie eine Wunde oder ein Fenster.
- Es ist nicht übermalt.
- Es ist nicht ironisiert.
- Es ist nicht erklärt.
Die Malerei umkreist das Foto, aber sie vereinnahmt es nicht.
Sie lässt es stehen, fremd, zeitlich verschoben, still.
Damit verweigere ich eine der zentralen Geste des #Kunstregime:
die vollständige diskursive Aneignung des Materials.
3. Malerei als Sediment, nicht als Ausdruck
Die Malerei ist nicht expressiv im Sinne von „Gefühl zeigen“.
Sie ist sedimentär.
Schichten, Abrieb, Korrekturen, Leerstellen.
Keine Farbdramaturgie, keine symbolische Aufladung.
Das Braun ist kein Zeichen.
Es ist Erde, Staub, Haut, Vergangenheit.
Im #Kunstregime müsste Farbe etwas bedeuten.
Hier trägt sie.
4. Weiblichkeit ohne Programm
Das „Girl“ ist weder Objekt noch Subjekt im gängigen Sinn.
Kein Empowerment.
Keine Kritik.
Keine Sexualisierung, keine Dekonstruktion.
Das Gesicht bleibt unangreifbar.
Gerade das ist heikel – und stark:
Ich entziehe das Bild einer der aggressivsten Erwartungsstrukturen der Gegenwartskunst, nämlich der sofortigen moralischen Lesbarkeit von Körpern.
5. Wo das Werk im Modell liegt
Dancing Girl liegt nicht im Zentrum des Regimes, aber auch nicht als frontal-aggressiver Ausbruch.
Ich verorte es so:
- außerhalb der Identifikations-Konformität (keine Haltung, kein Bekenntnis)
- außerhalb der normativen Konformität (keine moralische Agenda)
- außerhalb der informativen Konformität (kein Wissen, kein Diskurs)
Aber auch:
nicht als lauter Bruch, sondern als stillgelegte Zone.
Das Werk geht nicht nach rechts oben durch Explosion,
sondern durch Entzug.
6. Warum das Bild gefährlich ist
Dancing Girl ist gefährlich, weil es:
- keine Erklärung anbietet
- keinen Diskurs bedient
- keine Verantwortung performt
Es zeigt eine Figur – und lässt sie allein.
In einer Kunstwelt, die permanent erklärt, schützt und kontextualisiert,
ist das ein Akt der Zumutung.
Fazit
Dancing Girl tanzt nicht für das Publikum.
Es tanzt nicht für den Diskurs.
Es tanzt nicht für das Regime.
Der Tanz ist bereits vorbei,
oder er hat nie stattgefunden.
Was bleibt, ist eine Spur.
Und genau darin liegt seine Freiheit.

Federn (CHST 2022)
Federn
Gegenpol zu Dancing Girl
Ich lese es nicht als Fortsetzung, sondern als Gegenpol zu Dancing Girl – und als eine andere, ebenso radikale Form des Entzugs vom #Kunstregime.
Lesart: Verhüllte Präsenz
Auf den ersten Blick wirkt das Bild beinahe sakral:
Goldgrund, eine zentral platzierte Figur, umgeben von weißen Federn.
Assoziationen an Ikone, Reliquiar, Heiligenschein drängen sich auf.
Doch genau diese Lesbarkeit wird sofort unterlaufen.
1. Das Gold ist kein Glanz, sondern Fläche
Der Goldton funktioniert hier nicht als Transzendenz oder Erhebung.
Er ist dumpf, unrein, gestrichen, nicht poliert.
Kein sakraler Glanz, sondern ein materieller Hintergrund, fast schwer, fast erdrückend.
Das Gold trägt nicht – es umschließt.
Im #Kunstregime wäre Gold sofort lesbar:
Kapital, Macht, Kritik, Ironie.
Hier bleibt es stumm.
2. Die Federn als Verhinderung, nicht als Schmuck
Federn stehen ikonografisch für Leichtigkeit, Engel, Reinheit.
Hier tun sie das Gegenteil.
Sie verdecken.
Sie verwischen.
Sie nehmen dem Gesicht seine Schärfe.
Die Figur wird nicht erhöht, sondern vernebelt.
Das ist für mich wesentlich:
Es gibt keine klare Sicht, keine Identifikation, kein Zugriff.
3. Das Gesicht als Spur, nicht als Porträt
Das zentrale Gesicht ist wie gezeichnet (es ist verfremdet), nicht gemalt.
Es wirkt fragil, brüchig, wie aus einem anderen Medium oder einer anderen Zeit.
Es ist kein Porträt im klassischen Sinn.
Es ist eine Spur von Anwesenheit.
Im #Kunstregime werden Gesichter sofort politisch gelesen.
Hier entziehe ich sie genau dieser Lesbarkeit.
4. Weiblichkeit ohne Narrativ
Wie bei Dancing Girl gibt es kein Programm:
keine Opfererzählung,
keine Empowerment-Geste,
keine Dekonstruktion.
Die Figur wird weder exponiert noch geschützt.
Sie wird umgeben.
Das ist eine feine, aber radikale Verschiebung:
Nicht Sichtbarkeit als Wert, sondern Unverfügbarkeit.
5. Material als Haltung
Federn sind heikel.
Sie sind körpernah, intim, fast kitschig, leicht zu diskreditieren.
Im zeitgenössischen Kunstbetrieb gelten sie schnell als dekorativ oder sentimental.
Gerade deshalb sind sie hier ein Risiko.
Ich benutze hier ein Material, das sich der diskursiven Aufwertung entzieht.
Kein Text rettet es.
Keine Theorie adelt es.
Das ist ein bewusster Schritt gegen die ästhetische Hygiene des Regimes.
Position im Modell
Dieses Werk liegt noch weiter außerhalb des Regimes als Dancing Girl.
Nicht durch Aggression.
Nicht durch Zumutung.
Sondern durch Verhüllung.
Wenn das erste Bild entzieht,
dieses versiegelt.
Es verweigert:
- Zugriff
- Deutung
- Anschluss
Nicht laut, sondern endgültig.
Fazit
Dieses Bild will nicht gesehen werden.
Es will bewahrt werden – aber nicht verstanden.
Es ist keine Ikone und keine Kritik.
Es ist ein Behältnis für etwas, das sich entzieht.
In einer Kunstwelt, die alles sichtbar, erklärbar und verwertbar machen will,
ist das vielleicht die radikalste Geste überhaupt.
Nicht sprechen.
Nicht zeigen.
Nicht erklären.
Sondern bedecken.