Eine Antwort auf Gunter Lierschof
Gunters Text zu Sinn, Lebenswelt und Interpenetration ist kein Kommentar im üblichen Sinn. Er ist ein theoretischer Einschnitt. Einer, der die Debatte um Kunst, Freiheit und Systembedingungen nicht weiter emotionalisiert, sondern sie auf eine tiefere Ebene zwingt: auf die Ebene dessen, was soziale Systeme überhaupt leisten können – und was nicht.
Wer Luhmann ernst nimmt, kann nicht einfach über „Institutionen“, „Macht“ oder „Ideologie“ sprechen, ohne zu klären, wie Sinn entsteht, wie Systeme sich koppeln und wie Autonomie überhaupt denkbar ist. Genau das leistet Gunters Text.
Interpenetration als Möglichkeitsform
Mit dem Begriff der Interpenetration beschreibt Luhmann das Zusammenwirken autonomer Systeme:
Person und Gesellschaft, Psyche und Kommunikation, Recht, Wirtschaft, Moral, Liebe.
Diese Systeme bleiben geschlossen – und sind doch durchlässig. Sie verständigen sich über Codes, ohne sich aufzulösen.
Gunters Hinweis zeigt:
Interpenetration ist keine Norm, kein Ideal, kein Heilsversprechen. Sie ist eine strukturelle Möglichkeit, die sich evolutionär ausbildet – langsam, kontingent, widersprüchlich.
Sinn entsteht dabei nicht durch Eindeutigkeit, sondern durch Mehrdeutigkeit, Wiederholung, Attraktivität, symbolische Generalisierung. Moral ist in diesem Modell kein stabiler Kitt, sondern eine instabile Brücke, die Differenzen eher erzeugt als beseitigt.
Bis hierhin gibt es keinen Dissens.
Wo die Zeitdiagnose einsetzt
Mein Begriff des #Kunstregime setzt nicht an dieser theoretischen Ebene an, sondern eine Stufe darunter: bei der historischen Organisation dieser Möglichkeiten.
Ich beschreibe nicht, was Interpenetration leisten kann,
sondern was im gegenwärtigen Kunstfeld aus ihr gemacht wird.
Die zentrale These lautet:
Im heutigen Kunstbetrieb werden genau jene offenen Sinnprozesse, die Luhmann beschreibt, vorzeitig geschlossen.
Nicht verboten.
Nicht zensiert.
Sondern präventiv reguliert.
– Mehrdeutigkeit wird als Risiko markiert.
– Attraktivität wird algorithmisch vorselektiert.
– Wiederholung wird normiert.
– Moral wird nicht als Differenzgenerator genutzt, sondern als Stabilisierungscode.
Das Ergebnis ist kein repressives System, sondern ein hoch stabiles Erwartungsregime, in dem bestimmte Formen von Kunst strukturell unwahrscheinlich werden.
Moral oder Differenz?
Hier berühren sich Gunters Text und meine Diagnose besonders scharf.
Wenn Moral – wie Luhmann zeigt – keine Identitäten garantiert, sondern Gegenkräfte anzieht, dann liegt das Problem nicht in Moral selbst. Das Problem beginnt dort, wo Moral funktional überdehnt wird: als Vorabfilter, als Absicherungsinstrument, als Ersatz für ästhetisches Risiko.
Genau das geschieht im Kunstfeld:
Moral wird nicht mehr als offene Differenz erlebt, sondern als präventiver Erwartungscode. Kunst muss vorab zeigen, dass sie „verantwortungsvoll“, „sensibel“, „richtig positioniert“ ist.
Damit wird Sinn nicht gesteigert, sondern reduziert.
Lebenswelt, aber unter welchen Bedingungen?
Gunters Rückgriff auf Lebenswelt, Mythos, Palmena, Domodossola verweist auf etwas Wesentliches:
Sinn entsteht nicht zuerst im System, sondern im Ereignis, im Dazwischen, im Nicht-Normierten.
Gerade deshalb ist die Frage heute nicht, ob solche Sinnstiftungen möglich sind,
sondern wie lange sie sich gegen ihre sofortige Rahmung halten können.
Was früher einfach geschah, wird heute erklärt.
Was früher irritierte, wird heute kontextualisiert.
Was früher offen blieb, wird heute abgesichert.
Was Gunters Text leistet
Gunters Beitrag schärft die Debatte, weil er zweierlei verhindert:
Er verhindert, dass die Kritik am #Kunstregime moralisch oder kulturpessimistisch missverstanden wird.
Und er verhindert, dass Systemtheorie folgenlos abstrakt bleibt.
Er zwingt dazu, sauber zu unterscheiden zwischen
theoretischer Möglichkeit und historischer Wahrscheinlichkeit.
Oder anders gesagt:
Luhmann erklärt, warum Sinn, Differenz und Autonomie möglich sind.
Das #Kunstregime beschreibt, warum sie im Kunstfeld immer unwahrscheinlicher werden.
Beides widerspricht sich nicht.
Im Gegenteil: Erst zusammen wird sichtbar, wo das Problem wirklich liegt.
Nicht in der Kunst.
Nicht in den Künstlern.
Sondern in der Art, wie ihre Möglichkeiten organisiert, gefiltert und vorab begrenzt werden.