Bürokratische Konformität

Administrativer Anpassungsdruck im #Kunstregime

Bürokratische Konformität bezeichnet jene Form der Anpassung, bei der künstlerisches Handeln primär durch formale Verfahren, administrative Anforderungen und institutionelle Abläufe gesteuert wird.
Man handelt nicht aus Überzeugung, nicht aus Angst vor moralischer Kritik, sondern weil Prozesse, Anträge, Versicherungen, Haftungsfragen und Dokumentationspflichten bestimmte Optionen praktisch unmöglich machen.

Im #Kunstregime ist bürokratische Konformität der langsamste, aber zugleich verlässlichste Mechanismus der Entschärfung.


Position im Modell

Bürokratische Konformität im #Kunstregime

Vertikale Achse: niedrige Identifikation
→ Der Akteur identifiziert sich nicht mit den Regeln.
Er hält sie oft selbst für absurd, überzogen oder kunstfremd.

Horizontale Achse: maximaler externer Anpassungsdruck
→ Organisationen, Förderstellen, Träger, Rechtsabteilungen und Versicherungen definieren den Handlungsrahmen.

Bürokratische Konformität entsteht dort, wo ästhetische Entscheidungen in Verwaltungsentscheidungen übersetzt werden.


Funktionsweise

Bürokratische Konformität wirkt nicht über Moral, sondern über Machbarkeit.

Typische Fragen lauten:

  • Ist das versicherbar?
  • Ist das genehmigungsfähig?
  • Gibt es Haftungsrisiken?
  • Ist das förderkonform?
  • Ist das dokumentierbar?
  • Lässt sich das evaluieren?
  • Passt es in die Budgetlogik?
  • Ist es archivierbar?

Was hier nicht beantwortbar ist, verschwindet, ohne je als Verbot ausgesprochen zu werden.

Das Werk wird nicht abgelehnt.
Es wird administrativ unmöglich.


Typische Erscheinungsformen im Kunstbetrieb

  • Ausschluss riskanter Materialien (Feuer, Körperflüssigkeiten, Instabilität, Unberechenbarkeit)
  • Verzicht auf performative oder offene Formate zugunsten dokumentierbarer Resultate
  • Zwang zur Projektbeschreibung vor Entstehung des Werks
  • Standardisierung von Ausstellungsformaten
  • Evaluation nach quantifizierbaren Kriterien
  • Antragsprosa, die das Werk vorab festlegt
  • Kontextualisierungspflicht als Verwaltungsanforderung

Charakteristisch ist:
Niemand sagt „Das darfst du nicht“.
Alle sagen: „So geht das leider nicht.“


Warum bürokratische Konformität so effektiv ist

Bürokratische Konformität ist wertfrei im Ton, aber maximal wirksam.

Sie:

  • moralisiert nicht
  • diskutiert nicht
  • argumentiert nicht

Sie organisiert.

Gerade deshalb ist sie kaum angreifbar.
Wer widerspricht, gilt nicht als mutig, sondern als „unprofessionell“, „naiv“ oder „schwierig“.

Das System wirkt sachlich, neutral, alternativlos.


Abgrenzung zu den anderen Konformitätsformen

  • Informative Konformität:
    Anpassung an vermeintliche Expertise.
  • Normative Konformität:
    Anpassung aus Angst vor moralischer Sanktion.
  • Identifikatorische Konformität:
    Anpassung aus innerer Überzeugung.
  • Bürokratische Konformität:
    Anpassung, weil Verfahren es erzwingen – auch gegen eigene Überzeugungen.

Bürokratische Konformität ist die unpersönlichste, aber stabilste Form der Anpassung.


Folgen für die Kunst

  • Verdrängung des Unberechenbaren
  • Reduktion von Prozesshaftigkeit
  • Ausschluss des Körperlichen
  • Entpolitisierung durch Formalisierung
  • Ersatz von Risiko durch Planung
  • Ersatz von Erfahrung durch Dokumentation

Kunst wird ordnungskompatibel.

Nicht, weil Künstler es wollen,
sondern weil alles andere nicht mehr administrierbar ist.


Fazit

Bürokratische Konformität ist die Infrastruktur des #Kunstregime.
Sie braucht keine Moral, keine Ideologie, keine Überzeugung.

Sie funktioniert durch Formulare, Fristen, Zuständigkeiten und Haftungsausschlüsse.

Kunst wird hier nicht kritisiert.
Sie wird abgewickelt.

Der Ausstieg aus bürokratischer Konformität ist deshalb kein ästhetischer Akt allein,
sondern ein organisatorischer Bruch:
die bewusste Inkaufnahme von Inkompatibilität, Ineffizienz und Nicht-Verwertbarkeit.

Solange dieser Bruch nicht erfolgt,
bleibt ästhetische Autonomie eine Aktennotiz.

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