und warum ihre Verwaltbarkeit zu ihrem Tod führt
Kunst war nie sicher.
Sie war immer ein Risiko – ästhetisch, sozial, existenziell. Wer Kunst machte, setzte etwas aufs Spiel: Reputation, Einkommen, manchmal sogar körperliche Unversehrtheit. Genau darin lag ihre Kraft.
Heute ist dieses Risiko weitgehend verschwunden. Nicht, weil Künstler plötzlich feige geworden wären. Sondern weil das System, in dem Kunst entsteht und sichtbar wird, Risiko systematisch aussortiert.
Die entscheidende Veränderung betrifft nicht die Kunst selbst, sondern ihre Bedingungen.
1. Das Missverständnis: Kunstfreiheit als Inhaltsfrage
In aktuellen Debatten wird Kunstfreiheit fast ausschließlich als Frage des Inhalts verhandelt:
Was darf gezeigt werden? Was verletzt? Was überschreitet Grenzen?
Dabei liegt das eigentliche Problem tiefer.
Kunst stirbt heute nicht an verbotenen Motiven, sondern an struktureller Vorselektion.
Nicht das Werk wird zensiert.
Der Zugang zum Feld wird reguliert.
2. Verwaltbarkeit als neues Auswahlkriterium
Das #Kunstregime funktioniert nicht repressiv. Es operiert administrativ.
Erfolgreich ist, was:
- erklärbar ist
- moralisch absicherbar ist
- diskursiv anschlussfähig ist
- projektfähig ist
- kalkulierbar ist
- keine unkontrollierbaren Affekte erzeugt
Kurz: was verwaltbar ist.
Was sich nicht in Anträge, Konzepte, Vermittlungsformate, Budgets und Risikoabwägungen übersetzen lässt, verschwindet – nicht durch Verbot, sondern durch Nicht-Einlass.
Das System sagt nicht:
„Das darfst du nicht.“
Es sagt:
„Das passt leider nicht in den Rahmen.“
3. Warum Verwaltbarkeit das Wagnis zerstört
Wagnis bedeutet Ungewissheit.
Nicht zu wissen, ob ein Werk funktioniert, verstanden wird, akzeptiert wird.
Verwaltbarkeit dagegen verlangt:
- Vorhersehbarkeit
- Absicherung
- Eindeutigkeit
- Kontrolle
Ein Werk, das vorab erklärt, kontextualisiert und moralisch eingehegt ist, kann nicht mehr wirklich riskant sein. Es darf irritieren, aber nur in genehmigten Dosen. Es darf stören, solange die Störung pädagogisch abgefedert wird.
Das Ergebnis ist eine Kunst, die professionell, korrekt und oft intelligent ist –
aber ungefährlich.
4. Der leise Tod der Kunst
Kunst stirbt heute nicht dramatisch.
Sie wird nicht verboten, verbrannt oder verfolgt.
Sie stirbt leise:
- durch Anpassung
- durch Selbstzensur
- durch vorsorgliche Glättung
- durch projektförmige Planung
- durch die Angst, nicht anschlussfähig zu sein
Was übrig bleibt, ist eine Kunst, die funktioniert –
aber nicht mehr wagt.
Eine Kunst, die etwas sagt,
aber nichts riskiert.
5. Unverwaltbarkeit als letzte Freiheit
Kunst ist ihrem Wesen nach unverwaltbar.
Das war sie immer.
Neu ist nur, dass Zugänge verwaltet werden: Sichtbarkeit, Förderung, Ausstellung, Kanonisierung. Unverwaltbare Kunst wird nicht bekämpft – sie wird an den Rand gedrängt, privatisiert, vereinzelt, verzögert.
Dass Kunst sich diesem Zugriff dennoch entzieht, ist kein Trostargument.
Es ist ein Befund.
Unverwaltbarkeit ist heute kein Zustand mehr,
sondern eine ständig neu zu erkämpfende Eigenschaft.
6. Fazit
Die Kunst im #Kunstregime muss nicht schlecht sein.
Aber sie ist angepasst.
Und eine Kunst, die sich nicht mehr traut,
ist – unabhängig von Qualität, Intelligenz oder moralischer Haltung –
ästhetisch tot.
Nicht, weil sie nichts darf.
Sondern weil sie nichts mehr wagt.
Wenn Kunst wieder leben soll,
muss sie riskieren, nicht genommen zu werden.
Alles andere ist Verwaltung.

Christoph Steindor – Flowers 2024 (Ausschnitt)