Das Bild „Johanna“ aus der Serie „Römische Bilder 2006“ dient mir hier als Referenz für etwas, das im heutigen #Kunstregime kaum noch vorgesehen ist: Ambivalenz als ästhetische Stärke.

Das dargestellte Gesicht entzieht sich einer eindeutigen Lesart. Es ist weder klar freundlich noch klar bedrohlich, weder psychologisch erklärbar noch symbolisch festzulegen. Der Blick bleibt offen, das Lächeln ungesichert, die Stimmung schwebend. Darin liegt seine Qualität: Das Bild zwingt zu keiner Haltung, es fordert kein Einverständnis, es liefert keine Botschaft.
Ambivalenz entsteht hier nicht als intellektuelles Spiel, sondern aus der Malerei selbst, aus Farbe, Geste, Verdichtung und Auflösung. Das Werk vertraut darauf, dass ein Bild mehr sein darf als das, was sich sofort erklären lässt.
Im heutigen Kunstbetrieb gilt genau diese Offenheit als problematisch. Ambivalenz ist schwer vermittelbar, moralisch nicht absicherbar und diskursiv riskant. Sie lässt offen, ob Zustimmung oder Kritik, Begehren oder Distanz gemeint ist. Deshalb wird sie zunehmend ersetzt durch Eindeutigkeit, Kontextualisierung und pädagogische Rahmung.
Das #Kunstregime verbietet Ambivalenz nicht. Es sorgt dafür, dass sie gar nicht erst entsteht. Werke werden so konzipiert, dass sie lesbar, erklärbar und anschlussfähig sind, nicht, weil Künstler es wollen, sondern weil das System Unklarheit als Gefahr behandelt.
Dieses Bild erinnert an eine andere Haltung: an eine Zeit, in der Kunst dem Betrachter etwas zutraute. Heute wird genau dieses Zutrauen systematisch abgebaut. Mit ihm verschwindet nicht nur das Risiko, sondern auch die Tiefe. Ambivalenz war nie ein Mangel – sie war eine Form von Freiheit.
Einordnung des gezeigten Werks
1. Malerische Haltung
Was sofort auffällt, ist die Primatstellung der Farbe vor der Form:
- Das Gesicht ist nicht konstruiert, sondern entsteht im Farbauftrag.
- Konturen sind instabil, teilweise nur angedeutet, teilweise aufgelöst.
- Die Physiognomie dient nicht der Wiedererkennbarkeit, sondern als Träger eines Zustands.
Das ist keine Identitätsdarstellung, sondern ein Ereignis im Gesicht.
2. Affekt statt Botschaft
Das Lächeln ist entscheidend – aber nicht im illustrativen Sinn:
- Es ist nicht eindeutig freundlich,
- nicht ironisch gebrochen,
- nicht psychologisch erklärt.
Es wirkt eher wie ein Moment zwischen Nähe und Fremdheit, fast schon unheimlich. Genau diese Ambivalenz wäre heute problematisch, weil sie keine moralisch sichere Lesart anbietet.
3. Verhältnis zum #Kunstregime
In der Logik des heutigen Systems wäre dieses Bild schwierig, weil es:
- keine klare Diskursadresse hat
- keine politische oder identitäre Markierung anbietet
- keine Erklärung mitliefert
- nicht pädagogisch entschärft ist
Es ist nicht anschlussfähig, sondern eigenständig.
Damit fällt es aus allen vier Konformitätsachsen heraus:
- nicht informativ (keine Autorität spricht aus ihm),
- nicht normativ (keine moralische Eindeutigkeit),
- nicht identifikatorisch (keine Szenecodes),
- nicht bürokratisch (keine Verwertungslogik mitgedacht).
4. Zeitliche Verortung
Das Bild gehört eindeutig in den prä-regimalen Raum:
Eine Zeit, in der ein Gesicht noch gemalt werden durfte,
ohne erklären zu müssen, warum dieses Gesicht existiert.
Heute müsste man dieses Bild:
- thematisch einordnen,
- psychologisch rahmen,
- gesellschaftlich begründen.
Damals durfte es einfach da sein.
5. Präzisierung zur Einordnung
Dieses Gesicht will nichts vertreten.
Es will nichts sagen.
Es ist einfach passiert.
viel interessanter, wie das was das Bild nicht ist, wäre eine Erzählung, wovon das Bild handelt?
Was interessiert der Kunstbetrieb, den brachen wir nicht
der hat sich an uns zu orientieren!
Ihn zu bekämpfen ist auch eine Abhängigkeit !
ich brauche keine Kunstbetrieb
Freunde genügen!
grüße aus den Bergen
Günter
LikeGefällt 1 Person
Lieber Günter,
ja, das ist es!
Mich interessiert tatsächlich weniger, was ein Bild ist oder nicht ist,
sondern wovon es handelt und aus welcher Situation heraus es entsteht.
Der Kunstbetrieb spielt dabei wirklich keine Rolle, weder als Gegner noch als Maßstab.
Ihn zu bekämpfen hieße, sich weiter an ihm auszurichten.
Das ist nicht mein Anliegen.
Diese Bilder sind nicht gemacht worden, um zu passen, zu überzeugen oder gelesen zu werden.
Sie sind entstanden aus Erfahrung, Überforderung, Nähe, Spannung und aus dem Moment heraus, in dem Malerei notwendig war, nicht strategisch.
Freunde genügen.
Das Gespräch genügt.
Wenn ein Bild trägt, trägt es auch ohne Betrieb.
Grüße vom Arbeitsplatz
Christoph
LikeLike