Jonathan Meese wird in Debatten über das #Kunstregime häufig als Trumpfkarte ausgespielt.
Als Beweis dafür, dass radikale, unberechenbare, überschießende Kunst auch heute noch sichtbar, erfolgreich und institutionell präsent sein könne.
Wer Meese nennt, meint: Seht her, es geht doch.
Hierin liegt der Denkfehler.
Meese ist kein Gegenargument, sondern ein Sonderfall, der das Regime eher bestätigt als widerlegt.
1. Meese ist kanonisiert – nicht geduldet
Jonathan Meese ist nicht „trotz“ seiner Exzesse erfolgreich, sondern nach ihrer Kanonisierung.
Seine Bildsprache, seine Gesten, seine Übertreibungen sind seit Jahren lesbar, erwartbar, verwertbar.
Was einst als Risiko erschien, ist heute Markenzeichen.
Institutionen wissen, was sie bekommen:
- expressive Malerei
- kalkulierte Grenzüberschreitung
- kontrollierte Skandalisierung
- sichere Wiedererkennbarkeit
Das ist keine Bedrohung mehr, sondern Planbarkeit.
Meese provoziert nicht gegen das System –
er erfüllt eine Rolle, die das System für ihn bereithält.
2. Das Regime braucht Ausnahmen – um sich zu stabilisieren
Jedes funktionierende Regime braucht Figuren, die als Beweis seiner Offenheit dienen.
Der „Hofnarr“, der „Exzessive“, der „Radikale“, der zeigen darf, wie weit es geht.
Aber gerade diese Figuren markieren die Grenze.
Sie sagen implizit:
So sieht Radikalität aus – alles andere ist unnötig.
Damit werden tausend andere Positionen unsichtbar,
die nicht laut genug, nicht spektakulär genug,
nicht ikonisch genug sind.
Meese entlastet das System.
Er beweist, dass man niemanden mehr reinlassen muss.
3. Meese trägt einen klaren Zeitstempel
Gunter Lierschofs Hinweis ist hier entscheidend:
Auch Meese trägt einen Zeitstempel.
Er steht für eine spezifische Phase:
- Nach-„Junge Wilde“
- Post-Provokation
- Malerischer Exzess als Identität
Und genau wie bei den „Jungen Wilden“ gilt:
Ein Zeitstempel ist kein ästhetisches Urteil –
er ist ein Verfallsdatum im System.
Dass Meese noch präsent ist, heißt nicht, dass seine Position heute neu entstehen dürfte.
Sie dürfte es nicht.
Ein junger, unbekannter Meese mit denselben Gesten,
ohne Namen, ohne Geschichte, ohne institutionellen Kredit
würde heute nicht eingeladen.
4. Das Regime akzeptiert keine Wiederholung des Risikos
Der zentrale Punkt ist nicht, was Meese malt,
sondern wann und unter welchen Bedingungen.
Das #Kunstregime erlaubt:
- das Ergebnis vergangener Risiken
- aber nicht mehr den Prozess des Risikos selbst
Es feiert die Ikonen von gestern
und blockiert die Unberechenbarkeit von heute.
Meese ist deshalb kein Gegenargument,
sondern der Beweis dafür, dass das System nur noch das Überlebende zeigt –
nicht mehr das Gefährdete.
5. Das eigentliche Gegenargument fehlt
Ein echtes Gegenargument wäre:
- ein unbekannter Künstler
- ohne Diskursanker
- ohne Förderlogik
- ohne institutionelle Absicherung
der heute sichtbar wird,
heute scheitern darf,
heute nicht verwaltbar ist –
und trotzdem bleibt.
Dieses Beispiel gibt es kaum noch.
Und genau das ist der Punkt.
Fazit
Jonathan Meese widerlegt die Diagnose des #Kunstregimes nicht.
Er illustriert sie.
Er zeigt:
- wie Risiko nachträglich entschärft wird
- wie Exzess zur Marke wird
- wie Unberechenbarkeit archiviert wird
Das Problem ist nicht, dass solche Künstler existieren.
Das Problem ist, dass neue kaum noch entstehen dürfen.
Nicht weil sie verboten wären.
Sondern weil sie zu früh, zu roh, zu unklar, zu unverwaltbar sind.
Das #Kunstregime liebt das Wagnis –
wenn es vorbei ist.
Lebendige Kunst aber entsteht vor ihrer Absicherung.

Christoph Steindor – Gerahmte Landschaft, 2023, Acryl auf Holz (195 cm x 120 cm)