Günter hat mir geschrieben, und sein Einwand ist so einfach wie treffend:
Viel interessanter als die Frage, was ein Bild nicht ist, wäre die Erzählung, wovon es handelt.
Das ist der Punkt.
Nicht der Kunstbetrieb interessiert hier. Den brauchen wir nicht.
Er muss sich nicht bekämpfen, denn auch der Kampf wäre nur eine weitere Form von Abhängigkeit.
Und Abhängigkeit ist nicht das Terrain, auf dem diese Bilder entstanden sind.
Diese Arbeiten sind nicht gemacht worden, um gelesen, eingeordnet oder verwaltet zu werden.
Sie sind auch nicht entstanden, um sich an Erwartungen zu orientieren, weder an institutionelle noch an diskursive.
Sie sind aus einer Situation heraus entstanden.
Aus Überforderung, Spannung, Nähe, Enttäuschung.
Aus einer Reise, die mehr verlangte, als sie geben konnte.
Aus einem Moment, in dem Malerei nicht Entscheidung, sondern Notwendigkeit war.
Darum geht es hier:
Nicht darum, was diese Bilder im Kunstfeld sind oder nicht sind.
Sondern darum, wovon sie handeln.
Und das lässt sich nicht über Programme, Kontexte oder Positionierungen erzählen.
Sondern nur über das, was da war – und was sich in einer Nacht Bahn gebrochen hat.
Freunde genügen.
Die Bilder genügen.
Der Rest ist Stille.

Doppelbildnis im Hotelzimmer, 255 x 130 cm, Acryl und Marmormehl auf Jute
Malerei im Ausnahmezustand
Die Reise nach Rom war von Erwartungen geprägt, die sich nicht einlösen ließen.
Spannungen bestimmten den Alltag. Streit. Überforderung. Eine Stadt, die zu viel war.
Ein Kind, das all das aufnehmen musste.
Als ich malte, wusste ich nicht, was entstehen würde.
Ich wusste nur: Es muss raus.
In einer Nacht entstanden drei großformatige Bilder – ohne Plan, ohne Korrektur, wie im Rausch.
Danach war ich vollkommen erschöpft.
Heute lese ich diese Arbeiten nicht als Reisebilder, sondern als Zustandsbilder.
1. Doppelbildnis im Hotelzimmer
Zwei Menschen in äußerer Nähe, innerlich voneinander entfernt.
Kein Dialog, keine Pose, keine Behauptung von Harmonie.
Der Raum – ein Hotelbad – ist funktional, kühl, vorübergehend.
Die Farbigkeit wirkt warm, fast golden, aber sie deckt etwas zu.
Was früher wie Geborgenheit erschien, zeigt sich heute als erzwungene Ruhe, als Stillhalten.
Das Bild handelt von Entfremdung in Nähe.
Nicht laut, sondern müde.
2. Johanna in Rom
Ein offenes Lachen.
Und gerade darin die größte Ambivalenz.
Das Kind wirkt lebendig, strahlend, präsent – und ist zugleich emotional überfordert.
Die Stadt, die Streitereien, die Reizüberflutung: alles ist da.
Und trotzdem behauptet sich ein Moment von Lebenslust.

Johanna in Rom, 175 x 130 cm, Acryl und Marmormehl auf Jute
Dieses Bild ist kein idyllisches Kinderporträt.
Es ist ein Seismogramm.
Ein kurzer Ausschlag nach oben – gegen die Schwere der Situation.
3. San Salvador (Day & Night)
Ein Tisch. Zwei Gläser. Schriftfragmente.
Tag und Nacht kippen ineinander.
Das Stillleben wird zur Flucht in den Alltag:
ein Glas Wein, ein Glas Wasser – kleine Pausen, während innerlich alles in Bewegung bleibt.

San Salvador (Day & Night), 175 x 130 cm, Acryl und Marmormehl auf Jute
Die Malerei ist hier am rohesten, am unruhigsten.
Sie zeigt keinen Ort, sondern einen Zustand permanenter Spannung.
Die Nacht der Entstehung
Diese Bilder sind nicht geplant worden.
Sie sind passiert.
Die Malweise ist kein Stil, sondern Notwendigkeit.
Farbe als Entladung. Form als Rest.
Was sich nicht sagen ließ, hat sich gemalt.
Die Erschöpfung danach war real und steckt deshalb in jedem Bild.
Gesamtbetrachtung
Die „Römischen Bilder 2006“ sind kein Reisetagebuch.
Sie sind ein stilles Drama in drei Akten:
- Nähe, die nicht mehr trägt
- ein Kind, das mehr fühlt, als es tragen kann
- der Versuch, im Alltäglichen Halt zu finden
Die WM, die Stadt, die äußeren Ereignisse bilden nur den Hintergrund.
Im Zentrum steht eine Belastung, ungefiltert und ohne moralische Auflösung.
Diese Bilder sind nicht schön.
Fazit
Die „Römischen Bilder“ zeigen Malerei als Verarbeitung, nicht als Behauptung.
Sie verweigern Erklärung, Trost und Glättung.
Sie halten etwas fest, das sonst verloren gegangen wäre.
Und sie tun es ohne Rücksicht auf Erwartungen; weder damals noch heute.