Brauchen wir den Kunstbetrieb – oder lässt er Kunst verschwinden?

„Viel interessanter, als was ein Bild nicht ist, wäre eine Erzählung, wovon das Bild handelt.
Was interessiert der Kunstbetrieb – den brauchen wir nicht.
Freunde genügen.“

— Günter Lierschof

Günters Satz trifft einen wunden Punkt.
Er ist weder polemisch noch resigniert, sondern gelassen – und gerade deshalb präzise.

Christoph Steindor – Lichtfeld, 2025

Kunst entsteht nicht im Kunstbetrieb.
Sie entsteht aus Erfahrung, Spannung, Notwendigkeit.
Aus Situationen, die sich nicht organisieren lassen.

In diesem Sinn stimmt es:
Wir brauchen den Kunstbetrieb nicht.

Und doch reicht dieser Satz allein nicht aus.

Der Unterschied

Denn wir leben in einer Zeit, in der der Kunstbetrieb zwar nicht mehr entscheidet, was Kunst ist, sehr wohl aber entscheidet, was sichtbar bleibt.

Dort, wo er Künstler und Werke unsichtbar macht,
verschwinden auch wichtige Arbeiten aus der gemeinsamen Wahrnehmung.

Nicht, weil sie schwach wären.
Nicht, weil sie niemanden berühren.
Sondern weil sie keinen Ort mehr haben, an dem sie erscheinen dürfen.

Wie Kunst heute verschwindet

Große Werke verschwinden heute nicht durch Verbote oder Skandale.
Sie verschwinden leise:

– durch Nicht-Einladung
– durch Nicht-Ausstellung
– durch Nicht-Besprechung
– durch Nicht-Sammlung
– durch Nicht-Archivierung

Was nicht gezeigt wird, existiert öffentlich nicht.
Was öffentlich nicht existiert, wird auch nicht erinnert.

So verschwindet Kunst ohne Widerstand.

Warum gerade starke Werke betroffen sind

Es trifft vor allem Arbeiten, die:

– sperrig sind
– ambivalent bleiben
– sich nicht erklären lassen
– kein Thema „bedienen“
– kein Sicherheitsnetz mitliefern

Also genau jene Werke, von denen Günter spricht, wenn er sagt,
dass es interessanter ist zu fragen, wovon ein Bild handelt,
als es über Kriterien zu definieren.

Der Kunstbetrieb bevorzugt heute nicht das Notwendige,
sondern das Vermittelbare.

Nicht das Drängende,
sondern das Anschlussfähige.

Nicht das Offene,
sondern das Verwaltbare.

Das strukturelle Paradox

Der Kunstbetrieb versteht sich als Bewahrungsinstanz.
In der Praxis bewahrt er vor allem das, was in seine Ordnung passt.

Alles andere wird ausgelagert:
in Ateliers,
in Freundeskreise,
in private Räume,
in Nachlässe,
in Vergessenheit.

Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Struktur.

Günters Satz – weitergedacht

„Freunde genügen.“
Ja.

Aber Freunde müssen hinschauen.
Erinnern.
Weitertragen.

Denn große Werke verschwinden nicht von selbst.
Sie werden unsichtbar gemacht.

Und genau hier liegt die Aufgabe heute:
nicht den Kunstbetrieb zu bekämpfen –
sondern Räume zu schaffen, in denen Bilder bleiben dürfen.

Jenseits von Betrieb.
Jenseits von Kriterien.
Dort, wo man noch fragt, wovon sie handeln.

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