Die Serie „Wir lesen im Kaffeesatz“ (2006) ist eine radikale, materialbasierte Werkgruppe, in der Malerei, Sprache und Affekt ineinandergreifen. Sie arbeitet mit Kaffeesatz, Acryl, Papier/Bütten und fragmentierten Texten und untersucht Macht, Kränkung, Gehorsam und sprachliche Gewalt. Es sind keine Illustrationen von Aussagen, sondern Spuren von Situationen, in denen Sprache zur Zumutung wird. Die Serie ist roh, leise-aggressiv und konsequent unversöhnlich.

Wir lesen im Kaffeesatz, 2006 – „Verpiss dich!“, „Du dummes, kleines Ding!“, „Wenn du nicht gehorchst, dann hat das Konsequenzen!“, „Kannst du nicht hören?“ Acryl und Kaffee auf Bütten
Worum es in der Serie geht
1. Sprache als Druckmittel
Die Titel – „Verpiss dich!“, „Du dummes, kleines Ding!“, „Wenn du nicht gehorchst, dann hat das Konsequenzen!“, „Kannst du nicht hören?“ – sind keine literarischen Sätze.
Sie sind Befehle, Drohungen, Entwertungen, wie sie im Alltag fallen, oft beiläufig, oft ohne Zeugen.
Die Bilder zeigen nicht die Sprecher, sondern die Folgen solcher Sätze.
2. Kaffeesatz als Material und Metapher
Kaffeesatz steht für:
- Rest, Abfall, Sediment
- etwas, das übrig bleibt, nachdem Energie verbraucht ist
- den Versuch, aus Unlesbarem Sinn zu ziehen
„Wir lesen im Kaffeesatz“ meint daher nicht Wahrsagerei, sondern:
Wir versuchen Bedeutung dort zu finden,
wo Kommunikation bereits beschädigt ist.
Die Bilder sind Ablagerungen von Gesprächen, nicht wie deren Darstellung.
3. Formale Sprache der Serie
- Keine klaren Kompositionen, keine Zentren
- Fragmentierte Textreste, teils lesbar, teils verschüttet
- Erdige, verschmutzte Farbigkeit
- Oberfläche wichtiger als Motiv
Die Malerei ist reaktiv, nicht planend.
Sie entsteht aus Notwendigkeit, nicht aus Konzept.
Inhaltlich
Die Serie beschäftigt sich früh mit Themen, die später im Diskurs um Macht, Sprache und Kontrolle zentral wurden – ohne sie theoretisch zu rahmen.
Sie zeigt:
- informelle Gewalt
- emotionale Disziplinierung
- das Unsichtbarwerden von Subjekten
Nicht politisch im programmatischen Sinn,
sondern existentiell.
Im Kontext des heutigen Kunstfeldes
Heute muss man diese Arbeiten:
- psychologisieren
- kontextualisieren
- absichern
2006 entstehen sie ohne Schutz, ohne Erklärung, ohne Antrag.
Darin liegt ihre Stärke.
Sie sind nicht anschlussfähig, aber wahr.
Nicht gefällig, aber notwendig.
Was bleibt?
„Wir lesen im Kaffeesatz“ ist eine Serie über das,
was bleibt, wenn Kommunikation scheitert
und Macht sich nicht mehr rechtfertigt.
Es sind Bilder:
- über Verletzung ohne Pathos
- über Sprache ohne Dialog
- über Malerei als letzter Ort, an dem etwas gesagt werden kann,
ohne wieder bewertet zu werden.
In der Rückschau ist die Serie prophetisch:
Sie zeigt früh, was später systemisch wird.
Nicht Schönheit.
Aber Präzision.