Der Teufelskreis des freien Künstlers im #Kunstregime

Die Grafik beschreibt keinen individuellen Werdegang und kein persönliches Scheitern. Sie macht einen systemischen Mechanismus sichtbar, der im gegenwärtigen #Kunstregime wirksam ist. Entscheidend ist: Der Ausgangspunkt dieses Kreislaufs ist nicht Mangel oder Unfähigkeit, sondern freie künstlerische Arbeit.

Am Anfang steht eine Praxis, die aus innerer Dringlichkeit entsteht. Der Künstler arbeitet autonom, ohne sich vorab an thematische Prioritäten, moralische Erwartungshorizonte oder institutionelle Diskurse anzupassen. Diese Freiheit ist jedoch genau der Punkt, an dem der erste Filter greift: der Relevanzfilter. Gefördert wird nicht, was notwendig ist, sondern was als gesellschaftlich relevant ausgewiesen werden kann. Relevanz wird dabei nicht im Werk selbst gesucht, sondern über Themenkataloge, Diskursnähe und erwartbare Lesarten definiert. Freie Kunst, die sich diesem Raster entzieht, gilt als nicht anschlussfähig.

Damit verbunden ist ein Sprach- und Haltungsfilter. Erwartet wird eine kontrollierte, sensible, inklusive Sprache sowie eine Haltung, die Distanz und Ironie wahrt. Ambivalenz, Härte, Vulgarität oder existenzieller Ernst werden nicht als ästhetische Mittel gelesen, sondern als Risiko. Sprache wird nicht mehr als Material verstanden, sondern als moralischer Ausweis. Wer diesen Filter nicht bedient, scheidet früh aus.

Hinzu kommt der Risikofilter. Institutionen sind auf Reputationssicherung ausgerichtet. Kontroversen gelten nicht als produktiver Teil von Kunst, sondern als Störung. Freie Kunst ist jedoch strukturell riskant, weil sie sich nicht vorab absichern lässt. Der Risikofilter bevorzugt daher glatte, konfliktarme Arbeiten – nicht die notwendigen.

Diese Filter wirken, bevor überhaupt eine ästhetische Bewertung stattfindet. Sie führen dazu, dass freie Arbeiten nicht verboten werden, sondern nicht ausgewählt. Förderung bleibt aus. Was folgt, ist keine romantische Außenseiterexistenz, sondern Prekarität. Der Künstler muss seine Existenz über den allgemeinen Arbeitsmarkt sichern. Ein Brotberuf oder Nebenjobs werden notwendig, Zeit und Energie verlagern sich. Die künstlerische Arbeit rutscht in Randzeiten.

An diesem Punkt greift ein weiterer Filter indirekt: der Zeit- und Projektfilter. Förderung ist projektförmig organisiert, zeitlich begrenzt, planbar. Freie Kunst folgt jedoch keiner Projektlogik. Sie braucht offene Zeit, Wiederholung, Scheitern. Wer unter prekären Bedingungen arbeitet, kann diese Zeit nicht aufbringen.

Die Konsequenz ist ein Rückgang der Produktivität – nicht im schöpferischen Sinn, sondern im messbaren Output. Es entstehen weniger Arbeiten, weniger Ausstellungen, weniger sichtbare Ergebnisse. Das System liest diesen Rückgang nicht als strukturelle Folge, sondern als individuelles Defizit.

Mit dem geringeren Output sinkt die Sichtbarkeit. Der Künstler verschwindet aus dem institutionellen Radar. Hier greift der Legitimationsfilter: Förderlogiken verlangen Nachweise – Ausstellungen, Kataloge, Rezensionen, Referenzen. Sichtbarkeit ist Voraussetzung für Förderung, nicht ihr Ergebnis. Wer unsichtbar ist, gilt als nicht legitimiert.

Damit verschlechtern sich die Förderchancen weiter. Der nächste Antrag – sofern er überhaupt noch gestellt wird – scheitert mit noch größerer Wahrscheinlichkeit. Der Kreis schließt sich. Am Ende steht Unsichtbarkeit als stabiler Zustand: kein Konflikt, kein Risiko, keine Störung des Systems.

Der springende Punkt ist, dass dieser Kreislauf funktional ist. Die Filter wirken nicht repressiv, sondern präventiv. Sie verbieten nichts, sie sortieren vor. Das #Kunstregime filtert nicht schlechte Kunst, sondern unverwaltbare Freiheit. Risiko wird nicht sanktioniert, sondern nicht belohnt. Autonomie wird nicht bekämpft, sondern in Bedeutungslosigkeit übersetzt.

Der freie Künstler scheitert in diesem Kreislauf nicht an sich selbst. Er wird strukturell aussortiert, solange er frei bleiben will. Der Teufelskreis ist kein persönliches Drama. Er ist ein Ordnungsprinzip.

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