Es ist ungemütlich geworden.
Die Straßenbahnen fahren jetzt nur noch stündlich.
Die Mülleimer quellen über,
sie haben sich
nach dem Fasten
übergeben.
Wie satt doch
die Stadt
erscheint
mit ihrem
aufgerissenen
Asphalt.
Leitungen
wollen sie verlegen,
Leitungen.
Immer neue Leitungen.
Dabei
die
Festbeleuchtung
flackert nicht,
sie strahlt.

Daily Passionsspiel Illuminated – Stadt, Fasten, Beleuchtung
Das kurze Gedicht wirkt auf den ersten Blick wie eine beiläufige Beobachtung aus dem Stadtalltag. Straßenbahnen fahren seltener, Müll quillt über, der Asphalt ist aufgerissen, überall werden Leitungen verlegt. Doch der Titel verschiebt die Wahrnehmung sofort: „Daily Passionsspiel Illuminated“ macht aus einer Alltagsszene ein Ritual, aus Infrastruktur eine Bühne und aus der Stadt ein Ort, an dem sich täglich ein Passionsspiel vollzieht.
Diese Überlagerung von nüchterner Beschreibung und religiöser Anspielung trägt den Text.
Der Beginn ist bewusst unspektakulär. „Es ist ungemütlich geworden.“
Kein Pathos, keine große Diagnose, nur eine Stimmung. Die folgenden Bilder verstärken dieses Gefühl von Unordnung und Überlastung: Straßenbahnen fahren nur noch stündlich, Mülleimer quellen über.
Dann kommt die erste Verschiebung. Die Mülleimer haben sich „nach dem Fasten übergeben“. Das ist zugleich komisch, grob und präzise. Fasten, das eigentlich Reinigung und Disziplin bedeutet, endet im Gegenteil: im Überfluss, im Erbrechen, im Müll.
Die Stadt wirkt wie ein Körper, der zu viel aufgenommen hat und es nicht mehr verdauen kann.
In der nächsten Passage erscheint die Stadt „satt“, aber nicht gesund. Der Asphalt ist „aufgerissen“. Sattheit und Verletzung stehen nebeneinander.
Das Bild passt zu einer Gesellschaft, die materiell versorgt ist und gleichzeitig permanent im Umbau steht. Die wiederholte Zeile „Leitungen wollen sie verlegen, / Leitungen. / Immer neue Leitungen.“ verstärkt diesen Eindruck.
Es wird gebaut, erweitert, angeschlossen, versorgt – doch das Ziel bleibt unklar.
Die Stadt scheint nicht zu wachsen, um zu leben, sondern um weiter funktionieren zu können.
Infrastruktur ersetzt Sinn.
Der Bruch kommt am Ende. Während alles andere brüchig, überfüllt oder aufgerissen ist, steht die Festbeleuchtung stabil da.
Sie flackert nicht, sie strahlt. Genau hier gewinnt das Gedicht seine eigentliche Schärfe.
Die Beleuchtung ist kein spontanes Fest, sondern eine installierte Oberfläche.
Sie gehört zur gleichen Welt wie die Leitungen.
Sie ist organisiert,
geplant,
angeschaltet.
Wenn man an die vorösterliche Zeit denkt, passt diese Beleuchtung nicht recht. Die christliche Fastenzeit ist liturgisch zurückhaltend.
Umso auffälliger ist es, dass in vielen Städten heute während eines Fastenmonats neue öffentliche Beleuchtungen sichtbar werden.
Dadurch entsteht eine Situation, in der Verzicht und Festlichkeit gleichzeitig im Stadtbild stehen.
Das Gedicht nennt das nicht ausdrücklich, aber es spielt mit dieser Spannung.
Fasten,
Überfluss,
Baustellen und
strahlende Dekoration
fallen zusammen.
Der Titel „Passionsspiel“ bleibt dennoch christlich geprägt. Er gibt dem Ganzen einen Deutungsrahmen des Leidens und der Wiederholung.
Doch dieses Passionsspiel findet nicht mehr in einer Kirche statt, sondern im Alltag der Großstadt.
Es wiederholt sich täglich. Deshalb „Daily“.
Das Leiden besteht nicht in einem einmaligen Opfer, sondern im dauernden Funktionieren einer Welt, die immer weiter baut, versorgt, feiert und gleichzeitig ungemütlicher wird.
Der Text erklärt nicht, sondern zeigt nur. Er wirkt nicht wie ein Kommentar, sondern wie ein Protokoll.
Er sagt nicht, dass etwas falsch ist.
Er zeigt eine Stadt, die gleichzeitig fastet, sich übergibt, Leitungen verlegt und festlich beleuchtet ist.
Die Dinge passen nicht mehr zusammen, aber sie laufen weiter.
Die Festbeleuchtung am Schluss ist deshalb kein Trost. Sie ist das stabilste Element im Gedicht – und gerade das macht sie unheimlich.
Alles andere wackelt.
Nur das Strahlen funktioniert.
Das tägliche Passionsspiel besteht darin, dass die Oberfläche leuchtet, während darunter der Asphalt aufgerissen wird.
