Trojanische Bilder – Furcht vor Kunst

Warum dieses Werk nicht ins #Kunstregime passt

Auf den ersten Blick scheint dieses Bild genau das zu sein, was das gegenwärtige Kunstsystem gut kennt und gut kann:
Collage, Appropriation, Gewalt- und Werbebilder, expressive Übermalung, viel Rot.
Eine Ästhetik, die seit Jahren als institutionenkritisch gilt und problemlos ausstellbar ist.

Genau hier beginnt das Missverständnis.

Bordell 2025, Collage, Acryl und Lack auf Holz, 180 x 120, CHST 2025

Das #Kunstregime hat eine Ästhetik der Kritik so weit standardisiert, dass echte Abweichung zunächst wie Konformität aussieht.
Die Formen der Kritik sind verfügbar, gelernt, kanonisiert.
Sie erzeugen Zustimmung, nicht Irritation.

Dieses Bild spielt mit dieser Erwartung – und unterläuft sie.


Die Falle der Lesbarkeit

Im Kunstregime ist Kritik nur dann akzeptabel, wenn sie lesbar ist.
Sie braucht Kontext, Erklärung, Haltung, moralische Absicherung.
Gewalt, Erotik, Körper dürfen erscheinen – aber nur gebrochen, distanziert, gerahmt.

Dieses Werk verweigert genau das.

Die Fragmente sind nicht sauber dekonstruiert, sondern brutal zerschnitten, verschmiert, übermalt.
Es gibt keine Ironie, keine didaktische Distanz, keine beruhigende Oberfläche.
Das Bild will nicht erklären. Es will wirken.

Und das ist der erste Bruch.


Lust und Gewalt ohne Sicherheitsnetz

Die Körper bleiben Körper.
Sie sind verführerisch, aggressiv, pornografisch, unerquicklich.
Sie werden nicht „kritisch gemacht“, nicht entschärft, nicht pädagogisch eingehegt.

Im #Kunstregime ist das nicht vorgesehen.
Dort muss alles, was stört, zugleich entschuldigt werden.

Dieses Bild entschuldigt nichts.


Rot ist hier kein Zeichen

Das viele Rot funktioniert nicht symbolisch.
Es ist kein Code für Blut, Kapitalismus oder Wut.
Es ist Material: Fleisch, Schleim, Raserei, Überfluss.

Es überflutet die Bildfläche, als wolle es die Fragmente ersticken oder verschlingen.
Nicht Bedeutung, sondern Überforderung.

Damit entzieht sich das Werk der diskursiven Ökonomie, in der alles lesbar und zitierfähig sein soll.


Keine Botschaft zum Mitnehmen

Das Kunstregime liebt Werke, die man in einem Pressetext zusammenfassen kann.
Dieses Bild verweigert diese Übersetzbarkeit.

Es sagt nichts Eindeutiges.
Es bietet keine Haltung an.
Es lässt keine saubere Kritik zurück.

Es bleibt sperrig.

Und genau darin liegt seine Autonomie.


Position im Modell

In der Kartierung des #Kunstregime liegt dieses Werk nicht innerhalb des beigen Feldes der Konformität.
Es bewegt sich entlang der Fluchtlinie nach rechts oben – weg von Anpassung, weg von Identifikation, hin zu ästhetischem Risiko und Unberechenbarkeit.

Es benutzt die Sprache des Regimes – Collage, Appropriation, politische Bildarchive –
aber es verrät sie von innen.

Das ist kein Zufall.
Das ist Strategie.


Trojanische Kunst

Dieses Bild ist ein Trojaner.
Es sieht aus, als gehöre es dazu – und genau deshalb ist es gefährlich.

Es schmuggelt etwas ein, das das System nicht kontrollieren kann:
Lust ohne Moral, Gewalt ohne Erklärung, Form ohne Botschaft.

Keine Verantwortung, kein Diskurs, keine Absicherung.
Nur Präsenz.


Das #Kunstregime fürchtet Kunst

Das #Kunstregime fürchtet keine Kritik.
Es fürchtet Kunst, die sich nicht erklären lässt.

Dieses Werk gehört nicht in die Kategorie „kritisch“.
Es gehört in die Kategorie frei.

Und vielleicht ist das heute schon Provokation genug.

Identifikations-Konformität

Die Identifikations-Konformität (Quadrant 3 des Modells) ist einer der zentralen Mechanismen, mit denen das #Kunstregime seine Homogenität stabilisiert – und zugleich der heimtückischste.
Sie wirkt nicht durch Zwang, Sanktion oder bürokratische Vorgaben, sondern durch innere Zustimmung.

Position im Diagramm

Die Identifikations-Konformität ist im oberen linken Quadranten verortet:

  • Hohe Identifikation (oben auf der vertikalen Achse)
    Der Akteur – Künstler, Kurator, Kritiker oder institutioneller Entscheider – identifiziert sich emotional und intellektuell mit den Werten, Zielsetzungen und Leitdiskursen des Regimes. Diese werden nicht als äußere Vorgaben erlebt, sondern als eigene Überzeugungen.
  • Hoher struktureller Anpassungsdruck bei geringer realer Autonomie (links auf der horizontalen Achse)
    Der Handlungsspielraum ist objektiv stark eingeschränkt durch Organisationen, Apparate, Förderlogiken, kuratorische Entscheidungen und institutionelle Rahmenbedingungen. Dieser Druck wird jedoch subjektiv nicht als Zwang empfunden, sondern als sinnvoll, notwendig oder alternativlos.

Gerade diese Kombination macht den Quadranten besonders stabil.


Funktionsweise

Identifikations-Konformität bedeutet:
Der Akteur tut genau das, was das Regime erwartet – nicht aus Angst, nicht aus Opportunismus und nicht aus bürokratischer Trägheit, sondern aus innerer Überzeugung.

Die normativen und epistemischen Leitplanken des Systems – etwa identitätspolitische, ökologische, dekoloniale oder institutionenkritische Diskurse – sind vollständig internalisiert. Sie erscheinen nicht als Regeln, sondern als moralische Selbstverständlichkeit.

Konformität wird so zur Identität.


Typische Phänomene im zeitgenössischen Kunstbetrieb

Wie im Modell ausgewiesen, äußert sich Identifikations-Konformität unter anderem durch:

  • stilistische Homogenisierung
  • algorithmisch verstärkte Mimesis (KI-gestützte Trendverstärkung, Plattformlogiken)
  • Kanonisierung von Oberflächenästhetiken
    (bestimmte Materialien, Farbpaletten, Formate, die als „zeitgemäß“ gelten)
  • vorauseilende Anpassung an moralische oder politische Debatten, noch bevor explizite Forderungen formuliert werden

Diese Prozesse erzeugen keine offene Gleichschaltung, sondern eine ästhetische Selbstangleichung.


Warum diese Form der Konformität besonders gefährlich ist

Identifikations-Konformität benötigt weder Repression noch Belohnung.
Sie ist die perfekte Selbstverstärkung des Systems.

Der Akteur wird zum freiwilligen Wächter des Regimes. Er korrigiert sich selbst und andere, nicht weil er muss, sondern weil er überzeugt ist, dass Abweichung falsch, rückständig oder gefährlich sei.

Das erklärt die außergewöhnliche Stabilität des #Kunstregime:
Viele seiner sichtbarsten Vertreter sind keine Zyniker und keine bloßen Opportunisten, sondern echte Gläubige. Sie reproduzieren das System aus innerer Überzeugung, während sie zugleich objektiv in einem Geflecht institutioneller Zwänge agieren – Förderanträge, Kuratorenentscheidungen, Gremien, Peer-Review, institutionelle Abhängigkeiten.


Abgrenzung zu den anderen Konformitätstypen

Im Unterschied zur normativen Konformität (Quadrant 2) geht es hier nicht primär um soziale Zugehörigkeit oder Anerkennungsangst.
Im Unterschied zur informativen Konformität (Quadrant 1) geht es nicht um die Übernahme vermeintlich besserer Urteile oder Wissensbestände.
Und im Unterschied zur bürokratischen Konformität (Quadrant 4) handelt es sich nicht um bloßen Regelgehorsam.

Identifikations-Konformität beruht auf Glauben – und ist deshalb die energetischste, aktivste und ideologisch wirksamste Form der Konformität.


Epilog

Die Identifikations-Konformität ist jener Bereich des Modells, in dem das #Kunstregime seine ideologischen Hardliner hervorbringt: Akteure, die das System nicht nur mittragen, sondern mit Überzeugung verteidigen.

Sie erklärt, warum Kritik am #Kunstregime so häufig als „reaktionär“, „rückständig“ oder „gefährlich“ diskreditiert wird. Die Kritik richtet sich hier nicht nur gegen Strukturen, sondern gegen Identitäten.

Im Diagramm ist Quadrant 3 daher bewusst weit oben links positioniert:
als Zone maximaler innerer Energie bei gleichzeitig maximaler struktureller Gefangenschaft.

Beispiele für Identifikations-Konformität im #Kunstregime

Die folgenden Beispiele stammen aus realen, aktuellen oder typischen Konstellationen des gegenwärtigen Kunstbetriebs. Sie lassen sich eindeutig Quadrant 3 des Modells zuordnen: hohe Identifikation bei gleichzeitig hohem strukturellem Anpassungsdruck.

Charakteristisch ist, dass die Akteure nicht aus Zwang oder Kalkül handeln, sondern weil sie die normativen und diskursiven Werte des Regimes aufrichtig als richtig, fortschrittlich und notwendig empfinden.


1. Der Kurator, der ausschließlich „diverse“ Positionen auswählt – aus Überzeugung

Ein etablierter Kurator einer großen Institution (Biennale, Museum, Kunstverein) stellt konsequent nur Positionen aus, die identitätspolitische, dekoloniale oder aktivistische Themen bedienen.

Er tut dies nicht, weil Förderstellen explizite Vorgaben machen – obwohl sie diese indirekt nahelegen –, sondern weil er fest davon überzeugt ist, dass alles andere „weiß“, „männlich“, „eurozentrisch“ oder politisch schädlich sei.

Abstrakte Malerei, formale Experimente oder materialbezogene Arbeiten lehnt er nicht aus Angst ab, sondern weil er sie für ästhetisch und politisch rückständig hält.

→ Konformität erscheint hier als moralische Notwendigkeit.


2. Der Professor an der Kunstakademie, der formales Risiko als „reaktionär“ abwertet

Ein Professor vermittelt seinen Studenten, dass Schönheit, Harmonie oder handwerkliche Meisterschaft verdächtig seien, da sie „bürgerliche“, „koloniale“ oder „hegemoniale“ Ästhetiken reproduzierten.

Er identifiziert sich vollständig mit der Vorstellung, Kunst müsse primär diskursiv, kritisch und politisch lesbar sein.
Studenten, die formale Eigenwege gehen, erhalten nicht nur schlechte Bewertungen, sondern werden ideologisch korrigiert – aus der ehrlichen Überzeugung heraus, sie vor falschen künstlerischen Entscheidungen schützen zu müssen.

→ Pädagogik wird zur moralischen Disziplinierung.


3. Der Künstler, der freiwillig Trigger-Warnings und Kontexttafeln integriert

Ein mittelkarrieriger Künstler arbeitet mit potenziell verstörenden Themen wie Gewalt, Sexualität oder Tod.
Er versieht seine Arbeiten von sich aus mit Warnhinweisen und erklärenden Kontexttexten – nicht auf Druck der Institution, sondern weil er überzeugt ist, dass Kunst heute „verantwortungsvoll“, „sensibel“ und „trauma-bewusst“ sein müsse.

Die moralischen Standards des Regimes sind so weit internalisiert, dass alternative Formen künstlerischer Zumutung kaum noch vorstellbar sind.

→ Selbstzensur wird als ethischer Fortschritt erlebt.


4. Der Kritiker, der Abweichung konsequent als „problematisch“ markiert

Ein einflussreicher Kunstkritiker schreibt fast ausschließlich positiv über Werke, die in das aktuelle Diskursraster passen – etwa Ökologie, Queerness, Post-Internet, Aktivismus.

Andere Positionen werden nicht ignoriert, sondern aktiv delegitimiert: als „formalistisch“, „elitär“, „nicht zeitgemäß“ oder „politisch blind“.
Diese Kritik ist nicht strategisch, sondern genuin überzeugt: Kunst wird als moralisch-politische Aufgabe verstanden, nicht als autonomes ästhetisches Feld.

→ Kritik ersetzt ästhetisches Urteil durch Gesinnungsprüfung.


5. Der Großausstellungs-Teilnehmer, der das Kollektiv über das Individuum stellt

Ein Künstler wird zu einer Großausstellung (documenta, Biennale) eingeladen und entscheidet sich bewusst gegen individuelle Autorenschaft.
Er gründet ein Kollektiv oder arbeitet mit Aktivisten zusammen – nicht aus Kalkül, sondern aus der Überzeugung, dass individuelle Autorschaft egoistisch, neoliberal oder überholt sei.

Die Absage an das Individuum wird als moralischer Fortschritt erlebt, nicht als ästhetische Entscheidung.

→ Autorenschaft wird nicht hinterfragt, sondern moralisch verworfen.


Gemeinsames Muster

In allen Fällen ist die Konformität nicht erzwungen, sondern gewollt.
Die Akteure erleben ihr Handeln als ethisch, ästhetisch und politisch überlegen.

Gerade das macht Identifikations-Konformität so wirksam für das #Kunstregime:
Sie produziert nicht nur Anpassung, sondern aktive Verteidiger des Status quo.

Wer sich in diesem Quadranten befindet, verlässt das System selten.
Er bewacht es – aus Überzeugung.


Schlussfolgerung

Die schärfste Kritik am #Kunstregime kommt deshalb kaum aus Quadrant 3.
Sie entsteht dort, wo sich Akteure der Identifikation entziehen und den riskanten Weg nach rechts oben einschlagen:
in Richtung Autonomie, ästhetischer Eigenlogik und Zumutung.

Das #Kunstregime als Konformitätsdispositiv

Eine systematische Kartierung

Die gegenwärtige Debatte um Kunstfreiheit kreist nahezu ausschließlich um Inhalte.
Doch viel entscheidender ist die Frage, unter welchen strukturellen Bedingungen Inhalte heute überhaupt noch entstehen können.

Das folgende Modell zeigt, warum im 21. Jahrhundert nicht mehr verboten werden muss, um Kunst tödlich zu machen.
Es beschreibt das gegenwärtige Kunstsystem als multidimensionales Konformitätsdispositiv, das von vier sich überlagernden Anpassungsformen getragen wird.

Diese vier Typen sind keine individuellen Schwächen, sondern institutionell stabilisierte Kräfte, die ästhetische Autonomie an regulative, normative und epistemische Erwartungen binden.


1. Die Achsen des Modells

Horizontale Achse: externer Anpassungsdruck

Dazu gehören Förderlogiken, kuratorische Macht, algorithmische Steuerung, Versicherungsauflagen und rechtliche Rahmenbedingungen.
Sie erzeugen einen Druck, Kunst planbarer, risikoärmer und administrativ verwertbarer zu machen.

Vertikale Achse: von normativer zu identifikatorischer Konformität

Unten wirkt der Druck sozialer Erwartungen (moralische Debatten, politische Empfindlichkeiten, Gruppenzugehörigkeit).
Oben die freiwillige Übernahme von Szenecodes, Milieunormen und ideologischen Leitbildern.

Dritte Dimension: ästhetische und innovative Autonomie

Sie liegt außerhalb des Quadranten.
Autonomie bedeutet hier nicht Unabhängigkeit im romantischen Sinn, sondern:

  • Befreiung der Form (ästhetisches Risiko)
  • Befreiung der Praxis (innovative Unberechenbarkeit)

Innerhalb des Quadranten ist sie nicht zu erreichen.


2. Die vier Konformitätstypen

2.1 Informative Konformität

Man übernimmt Urteile anderer, weil man sie für kompetenter hält: Kritiker, Kuratoren, Plattformlogiken, Diskursautoritäten.

Folgen:

  • stilistische Homogenisierung
  • Kanonisierung von Oberflächenästhetiken
  • Mimesis dessen, was gerade gilt

Die Urteilskraft wird ausgelagert.


2.2 Normative Konformität

Man passt sich an, um moralischem Ausschluss, Kritik oder Shitstorms zu entgehen.

Folgen:

  • präventive Selbstzensur
  • Entschärfung kontroverser Motive
  • thematische Konformität

Nicht die Kunst wird geschützt, sondern das System vor Irritationen.


2.3 Identifikatorische Konformität

Man übernimmt Codes und Positionen, weil man von Szene, Milieu oder Peer-Group anerkannt werden möchte.

Folgen:

  • Trendverstärkung
  • Szeneästhetik statt ästhetischer Eigenlogik
  • Modekunst

Hier ersetzt Zugehörigkeit die individuelle Formsuche.


2.4 Bürokratische Konformität

Man richtet sich nach Antragslogiken, Dokumentationspflichten, Compliance-Regeln und Haftungsanforderungen.

Folgen:

  • administrativ erzeugte Harmlosigkeit
  • Ausschluss ästhetischer Risiken
  • Glättung durch Verfahren

Kunst wird nicht bewertet, sondern verwaltet.


3. Das Kunstregime als Dispositiv

Das Zusammenspiel dieser vier Konformitätstypen bildet ein regulatives Gefüge im foucaultschen Sinn:
Es verbietet nicht – es macht bestimmte Formen strukturell unwahrscheinlich.

Die Freiheit wird nicht abgeschafft, sondern schrittweise erstickt:
durch Erwartungsbänder, die so eng geworden sind, dass Kunst kaum noch an die Ränder ihrer eigenen Möglichkeiten gelangt.


4. Die einzige Fluchtlinie

Der blaue Pfeil in der Grafik markiert die einzige Bewegung, die aus dem Regime herausführt:
der aktive Bruch mit allen vier Konformitätsformen zugunsten ästhetischen Risikos.

Autonomie entsteht nur dort, wo sich die Kunst gegen folgende Kräfte richtet:

  • epistemische Autoritäten
  • normative Vorgaben
  • identifikatorische Szenebindung
  • bürokratische Regulation

Autonomie ist kein Zustand, sondern ein Widerstand.


Fazit

Das heutige Kunstsystem ist kein offenes Feld mehr, sondern ein geschlossener Erwartungsraum, der Risiko systematisch unwahrscheinlich macht.
Es scheitert nicht an Talent, nicht an Ressourcen, sondern an Konformität, die zur Funktionsnorm geworden ist.

Kunst stirbt heute nicht durch ihre Feinde.
Sie stirbt durch ihre Freunde, ihre Institutionen und ihre Verfahren.

Das ästhetische Risiko bleibt die einzige verbliebene Form des Widerstands.

Serie #Kunstzertifikat: Himmel – Kunst kann tödlich sein (Blutwurst, Zwiebel, Brot)

Warum das Kunstsystem ein Konformitätssystem ist

Wer heute über Kunstfreiheit spricht, meint meist Inhalte:
Was darf gesagt, gezeigt, kritisiert oder verhandelt werden?

Doch die entscheidende Frage lautet anders:

Welche strukturellen Kräfte bestimmen, was überhaupt entstehen kann?

Die gegenwärtige Kunstproduktion bewegt sich nicht in einem neutralen Raum,
sondern in einem Feld aus Erwartungen, Vorgaben, moralischen Rasterungen,
bürokratischen Abläufen und diskursiven Leitplanken.

Diese Kräfte sind selten offen sichtbar.
Sie wirken im Hintergrund – als stiller Filter, der entscheidet,
welche Formen, Themen, Materialien, Risiken oder Zumutungen
überhaupt bis zur Realisation gelangen.

Um diese Mechanismen sichtbar zu machen, braucht es ein Modell,
das Konformität nicht moralisch bewertet, sondern strukturell analysiert.
Genau zu diesem Zweck dient die folgende Grafik.

Das Vier-Felder-Modell der Konformität

Vorstellung der Grafik: Das Vier-Felder-Modell der Konformität

Die Grafik zeigt ein Koordinatensystem mit zwei Achsen:

  • Horizontale Achse:
    AnpassungsdruckAutonomiebestreben
    → Wie stark muss der Künstler äußeren Anforderungen entsprechen?
  • Vertikale Achse:
    IdentifikationNormativität
    → Handelt der Künstler aus innerer Überzeugung oder aus äußerer Verpflichtung?

Diese beiden Achsen erzeugen vier Felder – vier Formen von Konformität,
die im Kunstsystem gleichzeitig wirken, sich überschneiden
und sich gegenseitig verstärken.

Es sind:

  1. Informative Konformität – Orientierung an vermeintlich autoritativem Wissen
  2. Normative Konformität – Anpassung an soziale Erwartungen
  3. Identifikations-Konformität – freiwillige Übernahme externer Werte
  4. Bürokratische Konformität – organisatorische und administrative Einschränkungen

Zusammen bilden sie ein Regime der ästhetischen Einschränkung,
das nicht durch Zensur entsteht, sondern durch:

  • Wissen
  • Moral
  • Selbstanpassung
  • Verwaltung

Die Grafik macht sichtbar, dass Konformität nicht nur eine Frage des Mutes ist,
sondern das Ergebnis eines komplexen, strukturellen Kräftefeldes,
das jeden Schritt künstlerischer Produktion begleitet – oft unsichtbar.


Diskussion: Warum dieses Modell für das #Kunstregime zentral ist

Das Modell zeigt dreiwesentliche Einsichten:


1. Konformität entsteht nicht aus einer Quelle, sondern aus vier unterschiedlichen Zonen

Ein Künstler kann sich gleichzeitig:

  • diskursiv anpassen
  • sozial anpassen
  • moralisch identifizieren
  • administrativ beschränken lassen

Jede dieser Zonen wirkt anders –
aber alle laufen in dieselbe Richtung:

-> Reduktion des ästhetischen Risikos.


2. Die gefährlichste Konformität ist die, die freiwillig erfolgt

Der Quadrant der Identifikations-Konformität zeigt:
Ein Künstler kann genau das vertreten, was das System von ihm erwartet –
nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung.

Das #Kunstregime braucht also keine Repression.
Es braucht nur Zustimmung.


3. Die größte strukturelle Macht liegt nicht in Moral oder Diskurs – sondern in der Bürokratie

Der Quadrant der bürokratischen Konformität zeigt:
Nicht Tabuthemen ersticken die Kunst,
sondern:

  • Versicherungsauflagen
  • Formulare
  • Risikoanalysen
  • administrative Prozesse
  • institutionelle Angst

Die Verwaltung wird zum ästhetischen Filter.
Das ist die härteste und zugleich unsichtbarste Grenze der Kunstproduktion.

In einem bürokratisch konformen System reicht es schon, wenn niemand mehr weiß, warum etwas früher verboten war – es bleibt trotzdem verboten, weil das Formular es so vorsieht.


Fazit der Grafikvorstellung

Meine Grafik erklärt, warum das heutige Kunstfeld
nicht nur pluralistisch wirkt,
sondern gleichzeitig hochgradig normiert ist.

Sie zeigt:

  • wie Konformität entsteht,
  • woher sie kommt,
  • und warum sie sich so stabil hält.

Das Modell ist keine moralische Anklage, sondern eine Diagnose.
Es beschreibt das, was im Kunstbetrieb tatsächlich wirkt –
auch wenn niemand offen darüber spricht.

#Kunstzertifikat: Beim Fährmann – Gebrauchsanweisung zur Selbstverwertung

Zeitstempel: 08.12.2025, 07:56

Im Gedicht „Beim Fährmann“ wird nicht einfach über ein lyrisches Ich gesprochen.
Hier wird die komplette Logik des gegenwärtigen Kunstsystems seziert –
präziser als jede kulturpolitische Studie, und ehrlicher als jedes Förderformular.

Der Fährmann ist nicht Charon.
Der Fährmann ist die Institution.

Er bringt dich nach drüben –
aber nur, wenn du vorher nachweist,
dass du keine zweite Seele mehr mitführst.
Authentizität gilt als Gefahrgut.


„Meine Verse sind gebrochen / meine Stimme stolpert und stockt“

Das ist der erste Kunstwarnhinweis:

Achtung: Dieses Werk enthält Reste einer ursprünglichen Stimme.
Kann Spuren von Wahrheit enthalten.

Im Kunstbetrieb gilt so etwas als Störfaktor.
Eine Stimme, die stockt, ist unkuratierbar.
Eine gebrochene Verse bedeutet erhöhte Unfallgefahr im Vermittlungsgespräch.


„Nur noch eine Seele in meiner Brust / Die andere meistbietend verramscht“

Willkommen im modernen Künstlerbetrieb:

Die erste Seele ist das, was man einst „Haltung“ nannte.
Die zweite Seele ist Content.

Haltung darf bleiben – solange sie niemanden belästigt.
Content wird verramscht, weil Content immer verramscht wird.
Der Preis ist nebensächlich.
Der Durchsatz zählt.

Das Gedicht liefert die perfekte Diagnose:

Die künstlerische Doppelstruktur (Ich + Werk) wurde durch Marktlogik und Selbstausbeutung in eine Einseelen-Ökonomie überführt.

Die verramschte Seele ist der Compliance-konforme Teil.
Die verbleibende Seele ist das Risiko – und muss versteckt werden.


„Gib mir dreißig Silberlinge“

Im Kunstsystem ist der Judaslohn kein Verrat,
sondern eine professionelle Dienstleistung.

Dreißig Silberlinge entsprechen:

  • einer Projektpauschale,
  • einer Mindestgage,
  • oder einem „symbolischen Honorar“.

Die Silberlinge sind das Eintrittsgeld in den Styx des Kunstmarktes:
Du zahlst nicht dafür, dass du übersetzt wirst –
du zahlst dafür, dass du dich selbst aufgibst,
damit die Überfahrt nicht als künstlerische Gefährdung eingestuft wird.


„… und ich sage dir / was du hören willst.“

Der finale Warnhinweis:

Dieses Werk wurde gemäß den gültigen Richtlinien zur Publikumsschonung angepasst.
Gefährliche Inhalte wurden entfernt.
Künstlerische Aussagen wurden optimiert.
Nähe wurde gewährleistet.

Der Künstler wird zum Judas seiner eigenen Stimme –
nicht aus Gier,
sondern weil das System ihn höflich darum bittet.


#Kunstregime-Fazit

„Beim Fährmann“ ist kein Gedicht über das Jenseits.
Es ist ein Gedicht über das Diesseits –
genauer: über das Kunstfeld, das seine Toten selbst erzeugt,
indem es die Lebenden zwingt, ihre zweite Seele vorher abzugeben.

Der Fährmann fährt nur noch jene hinüber,
die sich zertifizieren lassen:

  • sprachlich gebrochen,
  • emotional reduziert,
  • ökonomisch verfügbar,
  • moralisch kompatibel.

Die Überfahrt kostet dreißig Silberlinge
und die Bereitschaft,
genau das zu sagen, was man hören möchte.

Alles andere bleibt am Ufer zurück.

#Kunstzertifikat: Aufbruch – Ein Gedicht über die Kunst des freiwilligen Rückzugs

Zeitstempel 8.12.2025 07:47

Man könnte meinen, ein Gedicht namens „Aufbruch“ würde von Veränderung handeln.
Von Mut. Von Bewegung.
Von einem Schritt nach vorne.

Falsch.
Das hier ist die literarische Gebrauchsanweisung zur korrekten Selbstverzwergung in einer Welt, die Nähe nur belohnt, wenn man vorher seine Persönlichkeit am Empfang abgibt.

„So laufe ich tagein tagaus / einfach mit“

Das ist kein Aufbruch. Das ist die zertifizierte Grundhaltung des braven Kulturkonsumenten.
Lauf mit, halt still, fall nicht auf.
(Bitte beachten: Dieses Verhalten ist förderfähig.)

„mach meinen Knicks / bezahle treu“

Der Knicks ist die Körpermetapher des sozialverträglichen Kunstsubjekts.
Man bezahlt nicht nur Eintritt – man bezahlt mit Unterwerfung.
Die Stadtkulturpolitik nennt das „Teilhabe“.

„rede was platt und glatt“

Die höchste Form der Konformität:
Sprich so, dass niemand etwas spürt.
Keine Kante, kein Risiko, kein Aufbrechen – nur Sprechblasen in Reinform.

Textur: Null.
Reibung: Unzuträglich.
Kunstverträglichkeit: Hoch.

„lache höflich / auch wenn ich nichts verstehe“

Das ist die Standardreaktion auf jedes Kunststatement, das sich selbst ernst nimmt.
Höfisches Lachen im postdemokratischen Kulturraum.

Es ist völlig egal, ob man etwas versteht –
Hauptsache, man wirkt angenehm.
(An dieser Stelle würde eine Triggerwarnung stehen, wäre das Gedicht eine Installation.)

**Und dann der Satz, der alles sagt:

„Das Dummsein bringt mir Nähe.“**

Das ist der Punkt, den jedes gute Kunstzertifikat mit grünrm Stempel versehen würde:

Wer sich klein macht, wird großartig akzeptiert.
Wer nicht irritiert, wird integriert.
Wer nichts hinterfragt, wird umarmt.
Wer die Rolle spielt, bekommt die Nähe.

Das Gedicht ist kein Aufbruch – sondern die präzise Diagnose der sozialverträglichen Selbstverblödung, die unsere Gegenwart zur Tugend erklärt hat.

Das ist der eigentliche Clou:

Zumutung schafft Abstand.
Anpassung schafft Nähe.

Willst du dazugehören?
Dann sei höflich, flach, treu, glatt, verständnislos – aber lächelnd.
Und wenn du merkst, dass du zu viel weißt:
Tu dir selbst den Gefallen und verstecke es.

Das ist die vorauseilende Selbstzensur, die man im Kulturbetrieb „Publikumssensibilität“ nennt.


#Kunstregime-Prognose

Dieses Gedicht zeigt nicht den Aufbruch,
sondern den Stillstand, der zertifiziert wurde, damit er nicht mehr auffällt.

Der wahre Aufbruch wäre erst der Moment,
in dem das lyrische Ich das höfliche Lachen verweigert.
Aber so weit kommt es nicht.

Das ist die Tragik.
Und das ist die Genauigkeit des Textes.

Ein Aufbruch, der keiner ist.
Ein Zertifikat fürs Mitlaufen.
Ein Gedicht über die Kunst, die eigene Kunst zu vermeiden.

Die Nivellierer. Ein Protokoll der ästhetischen Kapitulation.

Es gibt in der Gegenwartskunst eine Figur, deren Einfluss größer ist als jeder Kurator, jedes Museum, jede Akademie:
Die Figur des Nivellierers.

Der Nivellierer ist freundlich.
Der Nivellierer ist inklusiv.
Der Nivellierer liebt Makramee, Salzkrusten, therapeutische Prozesse und den Satz „Jeder ist ein Künstler“.

Und eben darum zerstört er jede Form ästhetischer Unterscheidung mit einer Effizienz, die jede Zensur, jede Behörde, jede Cancel-Kultur vor Neid erblassen lässt.

Denn der Nivellierer hat die ultimative Waffe entdeckt:

Wenn alles Kunst ist, ist nichts mehr Kunst.
Wenn jeder Künstler ist, existiert kein Genie mehr.
Wenn jeder Ausdruck gilt, verliert Bedeutung jeden Boden.

Der Nivellierer beseitigt das Unverfügbare nicht durch Widerstand, nicht durch Kritik, nicht durch Verbot –
sondern durch Gleichsetzung.

Makramee = Salzkriechen = Michelangelo = Löwentraut = ein Meme = ein Meisterwerk = ein Restposten aus der Bastelschublade.

Die endgültige Demokratisierung des Kunstbegriffs vollzieht sich nicht durch Revolution, sondern durch warme Lauge.
Durch Teilhabe.
Durch gesundes Prozessdenken.
Durch das Versprechen, dass Kunst niemandem mehr wehtun darf.

Der Nivellierer trägt damit die eleganteste Konformitätsstrategie unserer Zeit in sich:
Er beseitigt die Gefahr der Kunst, indem er ihre Differenz auflöst.

Nicht nur die Differenz zu anderen Tätigkeiten –
sondern die Differenz in sich selbst.

Das Unverfügbare?
Aufgelöst.
Das Genie?
Verdunstet.
Das Too Much?
Verharmlost.
Der Tabubruch?
In Salz konserviert, bis er geschmacklos wird.

Die Avantgarde stirbt nicht an Verboten.
Sie stirbt an Gutgemeintheit.

Sie stirbt daran, dass niemand mehr „zu viel“ sein darf –
und niemand mehr zu wenig.

Sie stirbt daran, dass jedes Risiko sofort in ein „spannendes Forschungsprojekt“ umgecodiert wird.
Dass jede Zumutung in einen „Prozess der Auseinandersetzung“ verwandelt wird.
Dass jeder absolute Anspruch als „Exklusionsmechanismus“ diffamiert wird.

Und genau darum sage ich:

Der größte Gegner der Kunst ist nicht die Politik.
Er ist die totale Nivellierung durch allumfassende Anerkennung.

Kunst, die niemanden überfordert, ist Dekoration.
Kunst, die niemanden verletzt, ist Werbung.
Kunst, die niemanden unterschätzt, ist Pädagogik.
Kunst, die niemanden überragt, ist Handarbeit.

Das Genie existiert nicht, weil es Institutionen braucht –
es existiert, weil es Differenz erzeugt.
Weil es Wunden schlägt.
Weil es niemanden um Erlaubnis bittet.
Weil es kein Salzbad benötigt, um sichtbar zu werden.

Und deshalb bleibt mein Satz stehen,
jetzt unverhüllt, ohne Klammer und ohne Rettungsring:

**Wer Kunst nicht begreift, erklärt sie zum Forschungsprozess.

Wer sie begreift, erkennt das Genie – und erträgt die Zumutung.**

Die einen nennen es Arroganz.
Die anderen nennen es Klarheit.
Ich nenne es schlicht:

Kunst.

Wenn die ästhetische Differenz schrumpft

Über Konformität, heikle Materialien und die Logik der Compliance im Kunstfeld

In Diskussionen über Gegenwartskunst fällt immer häufiger der Satz, die „ästhetische Differenz“ schrumpfe. Gemeint ist damit nicht vorrangig die klassische Unterscheidung zwischen Bild und Text, sondern der immer enger werdende ästhetische Möglichkeitsraum: jene Zone, in der Kunst noch als zulässig, vermittelbar, ausstellbar oder finanzierbar gilt.
Der Befund lautet: Nicht die Technik fehlt, nicht die Vorstellungskraft, sondern die Felder der Legitimierbarkeit werden kleiner.

Warum ist das so?

Ein zentrales Argument ist, dass künstlerische Produktion zunehmend jene Formen reproduziert, die bereits validiert sind. Nicht zwingend aus Opportunismus oder Bequemlichkeit, sondern weil vier Konformitätsdrucke gleichzeitig wirken: epistemische, normative, identifikatorische und bürokratische Anpassungen.

Das Ergebnis: Originalität wird zur Ausnahmeerscheinung, das Unbekannte und Unbenannte verliert an Terrain, bevor es überhaupt sichtbar werden kann.


Was schrumpft hier eigentlich?

Wenn von ästhetischer Differenz die Rede ist, geht es um den Abstand zwischen dem, was Kunst sein könnte, und dem, was Kunst sein darf.
Dieser Abstand wird kleiner – nicht, weil Künstler (ich) an Mut verlieren, sondern weil das Feld selbst sich zunehmend über seine Randbedingungen definiert: Kuratierbarkeit, Förderfähigkeit, Kontextualisierbarkeit, Risikominimierung.

Damit entsteht eine paradoxe Situation:
Je stärker das Kunstsystem formal Autonomie beschwört, desto enger werden seine strukturellen Leitplanken.


Über „heikle“ Materialien – und warum sie heute kaum noch möglich sind

„Heikle Materialien“ meint sehr konkret jene Stoffe, Praktiken oder Darstellungsformen, die früher selbstverständlich in Museen gezeigt wurden, heute jedoch präventiv aussortiert werden. Nicht aus ästhetischen, sondern aus administrativen Gründen.

Dazu gehören:

  • Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma, Urin, Menstruationsblut)
  • rohes Fleisch, Kadaver, Verwesungsprozesse
  • ungerahmte Darstellungen sexualisierter oder kolonialer Gewalt
  • performative Risiken wie Feuer, Strom oder Tiere

Viele dieser Formen waren integraler Bestandteil avantgardistischer Praxis.
Heute lösen sie vor allem eines aus: Compliance-Probleme.

Die Folge: Kunst wird nicht an ihrer ästhetischen Kraft gemessen, sondern an ihrer Störanfälligkeit für Versicherungen, Öffentlichkeitsarbeit, Social-Media-Resonanz und Haftungsfragen.


Selbstzensur als Symptom: das gelbe Rechteck

Ein besonders sprechendes Beispiel dafür ist die Selbstzensur, die Künstler inzwischen bereits vor jeder institutionellen Begegnung vollziehen.
Mein Bild mit der Warnaufschrift „Those who give up art reduce the risk of fatal illness“ zeigt genau diese Dynamik:

  • Körper werden anonymisiert.
  • Gesichter werden überdeckt.
  • Brüste, Genitalien oder politische Symbole werden hinter gelben Flächen versteckt.
  • Die ursprüngliche künstlerische Geste wird in ein administrierbares Produkt überführt.

Diese Selbstzensur ist keine Schamfrage und kein ästhetisches Statement.
Sie ist das Resultat einer tief verinnerlichten Erwartung:

„Zeige nur, was niemandem schaden kann und niemandem schaden könnte, der Schaden reklamieren möchte.“

Damit entsteht eine Art vorauseilende Compliance:
Nicht Institutionen zensieren das Werk; das Werk zensiert sich selbst, um institutionell überhaupt anschlussfähig zu bleiben.

Selbstzensur wird so zum ästhetischen Filter, der den Möglichkeitsraum bereits an der Quelle verengt.


Compliance-Logiken: Wenn Organisationen Kunst formatieren

Compliance bedeutet im organisationalen Sinne mehr als Regeltreue.
Es meint die systemische Selbstbeschränkung, die ein System vornimmt, um Irritationen zu vermeiden und seine eigene Reproduktion zu sichern.

Im Kunstbetrieb zeigt sich das heute so:

  • Triggerwarnungen entstehen weniger aus Fürsorge als aus Haftungsprävention.
  • Safe Spaces werden eingerichtet, weil ein Shitstorm die nächste Förderrunde gefährden könnte.
  • Diversity-Checklisten dienen primär der Antragstechnik, nicht der Gerechtigkeit.

Das romantische Ideal des „genialen Künstlers“ ist nicht verschwunden.
Es hat lediglich eine neue Kodierung erhalten:

Originalität besteht heute darin, alle potenziellen Kritikformen vorwegzunehmen,
nicht darin, ein Risiko einzugehen.


Die Kluft zwischen Theorie und Praxis

In der Theorie feiern wir weiterhin das Andere, das Unverfügbare, das Namenlose.
In der Praxis aber wird genau dieses Andere durch vierfache Konformität bereits im Keim neutralisiert:

  • informativ (Was ist gerade „State of the Art“?)
  • normativ (Was wird akzeptiert oder sanktioniert?)
  • identifikatorisch (Was machen die erfolgreichen Künstler?)
  • bürokratisch (Was ist versicherbar, vermittelbar, risikofrei?)

Der viel zitierte Einheitsbrei ist damit kein Zufall.
Er ist die strukturstabile Folge eines überregulierten ästhetischen Feldes.

KI-Bildgeneratoren verschärfen diesen Trend lediglich:
Sie reproduzieren das Erwartbare eben schneller und billiger.


Eine offene Frage

Wenn der ästhetische Möglichkeitsraum schrumpft, wird Kunst nicht ärmer an Objekten, sondern ärmer an Irritationen.


Die entscheidende Frage lautet daher:

An welcher Stelle kippt Kunst heute von autonomer Formgebung in administrierbare Gestaltung – und merken wir den Moment überhaupt noch?

Formen der Konformität im Kunstfeld

Eine kunsttheoretische Präzisierung

1. Informative Konformität – Epistemische Delegation im ästhetischen Feld

Diese Form der Anpassung beruht auf der Annahme, die Mehrheit verfüge über überlegene ästhetische Urteilsfähigkeit. Im Sinne Bourdieus handelt es sich um eine Delegation des Geschmacks an das Feld selbst.
Kuratoren, Jurys und Diskurscluster fungieren als epistemische Autoritäten, deren Entscheidungen stilistische Trends erzeugen. Die Wiederholung bestimmter Themen – etwa ökologische Motive oder identitätspolitische Narrative – ist so weniger Ausdruck individueller Überzeugung als Manifestation feldinterner Machtstrukturen.
Problem: Die ästhetische Differenz schrumpft, weil künstlerische Produktion zunehmend die bereits validierten Formen reproduziert.

2. Normative Konformität – Der Zwang zur Anschlussfähigkeit

Hier wirkt nicht Wissen, sondern sozialer Druck. Kunstinstitutionen generieren – oft unbewusst – normative Erwartungshorizonte, die definieren, welche ästhetischen und diskursiven Positionen als legitim gelten.
Ausstellungen, Förderlogiken und digitale Resonanzräume fungieren als Dispositive, die Abweichung sanktionieren und Übereinstimmung belohnen.
Die jüngeren Debatten um Kontextsensibilität und Repräsentationskritik sind hierfür exemplarisch: Nicht die werkimmanente Qualität entscheidet, sondern die Frage der institutionellen Risikoverwaltung.
Konsequenz: Künstlerische Autonomie wird durch Erwartungskonformität ersetzt; das Werk verliert seine Widerständigkeit.

3. Identifikations-Konformität – Mimetische Orientierung an Feld-Eliten

Diese Form der Konformität entsteht durch die ästhetische Nachahmung symbolisch aufgeladener Vorbilder. Sie ist eng mit der Logik des Art Worlds (Becker) verknüpft, in der ästhetische Innovation durch Anerkennungsstrukturen vermittelt wird.
Künstler übernehmen Strategien, Materialien oder diskursive Rahmungen erfolgreicher Akteure, um sich deren symbolisches Kapital anzueignen.
Im digitalen Raum – etwa im NFT- oder KI-Kunstbereich – wird diese mimetische Dynamik beschleunigt: Algorithmen verstärken diejenigen Stile, die bereits Reichweite besitzen, wodurch sich der Einheitsbrei nicht nur sozial, sondern technisch stabilisiert.
Ergebnis: Originalität erscheint als Ausnahme und nicht mehr als Grundbedingung künstlerischer Praxis.

4. Bürokratische Konformität – Die Verwaltung als ästhetischer Agent

Diese Kategorie verweist auf die von Niklas Luhmann beschriebene Systemlogik der Kunstorganisationen: Institutionen sichern ihre eigene Anschlussfähigkeit, indem sie Risiken minimieren.
Daraus entsteht ein administrativer Formalismus, der nicht inhaltlich motiviert ist, sondern organisationsbezogen. Entscheidungen – etwa die Vermeidung historisch „heikler“ Materialien oder das Zurückhalten bestimmter Arbeiten – werden getroffen, um potenzielle Irritationen präventiv auszuschalten.
Hier tritt die paradoxe Rolle der Verwaltung hervor: Während sie Kunst ermöglichen soll, begrenzt sie zugleich die radikale Offenheit, die das Kunstsystem auszeichnet.
Folge: Kunst wird nicht mehr durch ästhetische Kriterien gesteuert, sondern durch Compliance-Logiken.

Riten – Vier Spiegel der Ohnmacht und des Widerstands

Manchmal sind es nicht die lauten Ereignisse, die unser Inneres erschüttern, sondern die stillen Rituale, die sich Tag für Tag in uns einschreiben. „Riten“ ist ein Zyklus über genau diese unscheinbaren, aber mächtigen Muster – über Erstarrung, Unterwerfung, Auflehnung und die bittere Erkenntnis, dass wir oft selbst an den Ketten schmieden, die uns halten.

Der erste Abschnitt, Menetekel, erinnert an die Schrift an der Wand: Gesten verlieren Bedeutung, Gesichter wirken leer, und jede Verständigung scheint unmöglich. Die Welt wirkt wie ein Raum, in dem Worte nur noch ein Echo ihrer selbst sind.

Mit Das Becken kippt die Perspektive. Hier steht der Einzelne „bis zum Hals“ im Regelwerk – ein Sinnbild für Überwachung, Vorschriften und Erwartungsdruck. Doch im Zentrum steht ein kleiner Akt des Widerstands: die aufgehobene Schwerkraft, ein poetisches Bild für Selbstermächtigung.

Meditation führt die Spannung weiter. Die Bilder sind schärfer, die Metaphern dunkler. Kalte Erstarrung oder das Ertrinken in Tinte – beides steht für das Ausgeliefertsein an Systeme, die einem das Denken abnehmen wollen. Die Prometheus-Anspielung am Ende verleiht dem Text eine mythologische Tiefe: Erkenntnis hat ihren Preis.

Der Schluss, Gloria, ist bewusst knapp gehalten. Er enthält eine bittere Pointe: Wenn die eigenen Ketten selbst geschmiedet wurden, dann liegt die Verantwortung für die Unfreiheit nicht mehr im Außen, sondern im Innern. Ein Moment der Klarheit – und der Ernüchterung.

„Riten“ ist damit nicht nur eine Abrechnung, sondern auch ein Spiegel. Es fragt, wie viel von unserer Gefügigkeit selbstgewählt ist, wie viel Angst wir kultivieren, und welche Rituale uns festhalten, obwohl wir längst die Kraft hätten, sie zu brechen.

Ein Zyklus als Warnung, als Weckruf – und vielleicht auch als Einladung, die eigene Schwerkraft aufzuheben.