Aktenordner der Vernichtung

Ich habe letzte Nacht vier Gedichte geschrieben. Die vier Gedichte aus Die Gesellschaft lassen sich erstaunlich präzise in jene Tradition einordnen, aus der die intensivsten Stimmen des Alten Testaments stammen: die Klagepsalmen, die Klagelieder Jeremias, die zornigen Anrufungen Hiobs und die düsteren Gerichtsdichtungen der Propheten.

Was sie verbindet, ist nicht nur der Schmerz, sondern ihre ontologische Struktur:
Das Leid wird nicht beschrieben, sondern vor Gott oder vor der Welt ausgebreitet, ohne Filter, ohne Höflichkeit, ohne Entlastung.

Die Texte stehen genau in dieser Linie.

Die Klage beginnt im Privaten – wie im Buch der Psalmen

Die Klagepsalmen arbeiten häufig mit der Erfahrung des Verrats und der Unzuverlässigkeit der Nächsten:

„Mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat gegen mich seine Ferse erhoben.“ (Ps 41,10)

Mein Gedicht Das Urteil macht etwas Vergleichbares:
Die Familie – jene erste, intime Gemeinschaft – wird zum Ort des Unheils.
Wie in den Psalmen stammt das Leid nicht von Feinden, sondern von den eigenen Angehörigen.

Dies entspricht dem Grundmuster vieler Klagelieder:
Das Böse kommt von dem Ort, der eigentlich Schutz bieten soll.

Damit positioniert sich das Gedicht direkt in der Struktur biblischer Klage.


Die radikale Sprache: die Tradition des „unverschämten Gebets“

In der jüdisch-christlichen Tradition gibt es die Idee des chutzpah prayer – des frechen, schon fast respektlosen Gebets.
Hiob tut es.
Jeremia tut es.
Die Psalmen tun es ununterbrochen.

Sie schreien Gott an, beschimpfen ihn, werfen ihm Unterlassung vor.
Sie beschreiben sich selbst als „Wurm, kein Mensch“ (Ps 22,7).

Mein „verrecken“ steht genau in dieser Linie.

Es ist eine Sprache, die keine Rücksicht auf religiöse Schicklichkeit nimmt.
Sie ist das Gegenteil des modernen moralischen Wohlfühlchristentums.
Sie ist prophetisch:
Die Wahrheit ist wichtiger als der Ton.

Damit ordnet sich das Gedicht in die härteste Schicht biblischer Sprache ein.


Die Zerlegung des Körpers – ein Motiv aus Klageliedern und Hiob

Das Gedicht Zusammenfassung zeigt eine Körperzerlegung, die erschüttert:
Hände, Füße, Augen, Ohren – nicht mehr vereint, sondern einzeln aufgehängt.

Das entspricht der Bildwelt der biblischen Klage:

  • In den Klageliedern Jeremias werden Körperteile beschrieben wie Beweisstücke einer zerstörten Stadt.
  • In Hiob wird der Körper zum Ort des Schmerzes, der Entstellung, der Scham.

Die biblische Klage trennt Körper und Seele nicht.
Sie klagt mit Haut, Wunden, Knochen.

Das Gedicht knüpft daran an, indem der Mensch sich selbst in Einzelteile auflöst, genauso schonungslos wie die biblischen Texte den Körper als Träger des Leids verwenden.


Der Soldat – die prophetische Kritik am Kollektiv

Aufbrechen endet mit dem Befehl:

„Reih dich ein / Soldat.“

Das ist die Sprache der Propheten, besonders Amos, Hosea und Jeremia.
Dort wird das Volk immer wieder als Heer beschrieben, das in die falschen Schlachten zieht:
der Schlacht der Gier, der Gewalt, der Verworfenheit.

Der Soldat in deinem Gedicht ist kein Krieger – er ist ein gebrochener Mensch, der marschieren muss.

Damit wird das Gedicht zum Kommentar über das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, wie es die Propheten immer wieder anklagen:
Das Volk hat den Einzelnen verschlungen.


Das Ritual ohne Trost – ein Echo der Klagelieder

Der Epilog ist eine liturgische Miniatur:
Kerzen, Wiederholung, Weihwasser.

Doch die Handlung ist nicht tröstlich, sondern leer.
Das Gehirn wird in Weihwasser getaucht – eine groteske Reinigungsgeste, die keine Gnade findet.

Das entspricht exakt der Theologie der Klagelieder, die beschreiben, wie:

  • die Tempelliturgie verstummt,
  • Opfer nichts mehr bedeuten,
  • und Gott schweigt.

Der Ritualakt deiner letzten Zeilen ist ein erschöpftes Sakrament, ein Echo einer Religion, die noch da ist, aber nicht mehr wirkt.

Diese Erfahrung ist biblisch tief verankert.


Der Kern: Klage als Wahrheit

Der wichtigste Punkt ist dieser:
In der jüdisch-christlichen Tradition ist Klage kein Zeichen des Unglaubens, sondern der tiefsten Glaubenswahrheit.
Klage ist der Mut, Gott oder die Welt mit der Realität zu konfrontieren.

Meine Gedichte stehen exakt in dieser Tradition.

Sie sagen:
Was zerstört ist, soll beim Namen genannt werden.
Was tot ist, soll nicht verklärt werden.
Was fehlt, soll sichtbar bleiben.

Die Psalmen tun genau das.

Und deshalb ist Die Gesellschaft nicht antireligiös.
Es ist – wie die Klagelieder, wie Hiob, wie die Psalmen von David –
ein literarischer Akt der Wahrheit.


Schluss: Ein moderner Psalm

Meine Gedichte sind keine Gebete – aber sie sind psalmisch.
Sie schreien nicht zu Gott, aber sie klagen vor der Welt.
Sie erkennen Leid nicht als Defekt, sondern als Wahrheit.
Und sie lassen, wie die Psalmen, die Hoffnung aus:
Nicht, weil es sie nicht gäbe, sondern weil Klage ihr Raum gehört.

Damit stehen sie in direkter Linie mit der ältesten Form jüdisch-christlicher Poesie:
der Klage, die Gott beim Namen nennt – und die Welt ebenfalls.

Die Gesellschaft

24.11.2015

I. Das Urteil

„Ich hasse dich nicht,

Ich verurteile dich.“

spricht die Schwester

zum Bruder.

„Du widerst mich an,

was hätte ich sein können,

ohne dich.“

belehrt die Mutter

ihr Kind.

Eure Brüste

sind

ohne

Milch.

Als

Kinder der Liebe

verrecken

wir

alle.

II. Zusammenfassung

Da hängen

meine Hände

fein aufgereiht

perlenkettengleich.

Nehmt

meine Füße,

hängt sie

dazu.

Meine Augen

und

Ohren

nehmt sie.

Das brauche ich

dann

auch

nicht

mehr.

III. Aufbrechen

Nachdem

du dich

entleert

hast

können wir endlich

weitergehen.

Deine Schuhe

sind

durchweicht.

Deinen Mantel

hast du

geteilt.

Reih dich ein

Soldat.

IV. Epilog

So zünde ich

eine Kerze

an

und

noch

eine

und

noch

eine

und

tauche

mein

Gehirn

in

Weihwasser.

Nachtgedanken

In der Dichtung „Nachtgedanken“ trifft radikale Klarheit auf die schonungslose Dunkelheit innerer und äußerer Wirklichkeiten. Die Texte fragen nicht höflich an, sie reißen Schleier herunter. Was bleibt, sind Splitter einer Gesellschaft, die sich in Überfluss, Ideologien, Selbsttäuschungen und Lärm verliert – und ein lyrischer Blick, der all dies seziert, ohne sich selbst auszusparen. Zwischen Sarkasmus, Verzweiflung und nüchterner Beobachtung entsteht ein Mosaik aus Szenen, das gerade deshalb wirkt, weil es jede bequeme Illusion verweigert. Dies ist kein Trostgedichtband, sondern eine Einladung, den Abgründen der Gegenwart einen Moment länger ins Gesicht zu schauen.

Blues

„Blues“ ist eines der seltenen Gedichte, in denen Pathos und Spott, Mythos und Alltag, Verletzlichkeit und Zorn in wenigen Zeilen aufeinandertreffen. Es spricht aus einer Stimme, die alles gesehen zu haben scheint – Herzbruch, Stürme, Götteratem – und dennoch zu dem ernüchternden Schluss kommt, dass die Welt ihre Dramen oft selbst inszeniert. Das Gedicht steht exemplarisch für den Ton der Nachtgedanken: ungeschönt, direkt, zugleich poetisch und scharf. Wer diesen Text liest, erkennt schnell, dass hier kein Trost gespendet wird, sondern eine Haltung sichtbar wird – eine Mischung aus Müdigkeit, Klarblick und stiller Sorge.


Blues

Dieses Lied
hat alles
ein
gebrochenes
Herz
Sturmwarnung
und
den Atem
Odins.

Heult doch
den
Mond an
verschüttet
Milch.

Ich
mache mir
Sorgen

Interpretation von „Blues“

„Blues“ spielt mit den Elementen eines archetypischen Klagelieds:
Ein gebrochenes Herz, drohendes Unwetter, eine mythologische Überhöhung („Atem Odins“). Diese drei Motive bilden eine Bühne, die zunächst an große Tragödien erinnert. Doch der Text verweigert sich genau dieser romantischen Verklärung.

Bereits im zweiten Teil wird die Dramatik gebrochen:
„Heult doch den Mond an…“ – ein sarkastischer Kommentar, der das Pathos der vorherigen Zeilen unterläuft. Der Mond, traditionell Symbol für Sehnsucht, Einsamkeit und höhere Ordnung, wird zur Projektionsfläche für pubertäre oder selbstmitleidige Gefühlsausbrüche. Das „verschüttet Milch“ verstärkt dieses Entzaubern: Aus Sturm und Mythos wird plötzlich alltägliche, beinahe lächerliche Lappalie.

Diese Konfrontation von großer Geste und banaler Realität ist zentral für die Wirkung des Gedichts. Die lyrische Stimme zeigt damit eine doppelte Perspektive:
Einerseits erkennt sie Schmerz und existenzielles Zittern an – andererseits verweigert sie die Selbstdramatisierung, die in modernen Debatten, Medien und persönlichen Tragikomödien oft mitschwingt.

Die letzte Zeile – „Ich mache mir Sorgen.“ – fungiert als überraschender Wendepunkt. Sie wirkt ehrlich, unironisch und entwaffnend. Nach der Abwertung des künstlichen Klagens bleibt eine echte, kleine, stille Sorge übrig. Ausgerechnet die kürzeste Aussage trägt die größte emotionale Schwere.

Zentrale Themen

  • Entzauberung von Pathos: Große Bilder werden bewusst zerstört.
  • Spannung zwischen Mythos und Alltag: Odin vs. verschüttete Milch.
  • Authentizität vs. Selbstinszenierung: Wer heult wirklich? Wer tut nur so?
  • Der müde Beobachter: Zynismus als Schutzschild – mit einem Rest Menschlichkeit.

Fazit

„Blues“ ist ein Gedicht über die Schwierigkeit, zwischen echtem Schmerz und gespielter Tragik zu unterscheiden – in anderen und vielleicht auch in sich selbst. Es erkennt die theatrale Ebene des Leidens, ohne das Leiden selbst zu leugnen. Die letzte Zeile zeigt, dass trotz aller Ironie ein empathischer Kern bleibt.

Literarisches Massaker

Der Gedichtzyklus „Totenmesse“ entfaltet sich wie eine fortschreitende Reise durch Zerfall, Überdruss, Anklage und schließlich Entlarvung. Die Gedichte bilden eine zusammenhängende poetische Bewegung, die von der gesellschaftlichen Ebene über die politische und körperliche bis hin zur metaphysischen reicht und zuletzt in eine metapoetische Erkenntnis mündet. Sie verfolgen die innere Logik einer Verdichtung: Die Welt bricht nicht plötzlich zusammen – sie zerfällt Schicht für Schicht, bis das lyrische Ich schließlich erkennt, dass selbst der angekündigte Untergang ein Spiegel seiner eigenen Sprache ist.

Am Beginn steht der gesellschaftliche Verfall. Die ersten Gedichte zeigen eine Welt, die sich selbst verdummt, ihre Erinnerungskultur auslöscht, Denkmäler niederreißt und die Toten beschmutzt. Diese Zerstörung von Kultur und Gedächtnis geschieht nicht durch äußere Feinde, sondern durch die Menschen selbst, die sich in ihrer eigenen Gleichgültigkeit und Aggression genüsslich suhlen. Die Sprache des lyrischen Ich ist dabei bewusst fragmentarisch, schneidend, fast predigend. Die Anklage hat rabbinische, prophetische Züge – doch ohne Heilsversprechen. In dieser Phase etabliert sich der Grundton: der Blick eines Beobachters, der nicht mehr am Erhalt der Zivilisation interessiert ist, weil er deren Selbstzerstörung als unvermeidlich erkennt.

Es folgt die wirtschaftlich-ökonomische Ebene des Zerfalls. Hier werden Menschen zu austauschbaren Funktionen in einem Versuchsaufbau, zu Verlustposten, Kostenpunkten, statistischen Größen. Die Sprache wird sachlicher, kälter. Die Gedichte entlarven die moderne Gesellschaft als Kontrollapparat, der Zonen, Zertifikate, Verbote und Sicherheitsrituale produziert, während gleichzeitig ein grenzenloser Überfluss sinnlos verschleudert wird. Der Mensch wird in einem paradoxen Zustand gezeigt: einerseits überreguliert, andererseits vollständig entwertet. Er stirbt „unerwartet“, obwohl alles überwacht scheint. Diese nüchterne Formel verleiht dem Zyklus einen fatalistischen Unterton – ein lakonisches Memento mori inmitten administrativer Hybris.

Der Zyklus wendet sich dann dem Körper und der Identität zu – der innersten Zone des Menschen. Diese Gedichte sind vulgär, konfrontativ und bewusst entstellend. Sie führen vor, wie moderne Diskurse den Menschen auf Sexualität, Geschlecht und öffentliche Wahrnehmung reduzieren. Die Gesellschaft wird sexualpolitisch überhitzt, der Mensch zum Träger oder Nichtträger bestimmter Körpermerkmale erklärt, zum Objekt demoskopischer Auswertung, zur statistischen Größe seiner vermeintlichen Potenz oder Impotenz. Diese Ironisierung des Identitätsdiskurses wird verstärkt durch die gleichzeitige Umkehr von Stärke und Schwäche: „Helden“ beten in Teestuben, während öffentlich inszenierte Männlichkeitsbilder zerfallen. Die Gedichte dieser Phase zeigen die Auflösung innerer Identität im Brennglas einer Gesellschaft, die sich selbst anatomisch-politisch zerlegt.

An diesem Punkt setzt die apokalyptische Eskalation ein. Die Menschheit wird nicht mehr nur kritisiert oder analysiert – sie wird als überflüssig erklärt. Die Gedichte sprechen davon, die Menschheit solle „sterben“, „Platz machen“, sich „verpissen“ und verschwinden, damit neue Opfer, neue Lämmer, eine neue Ordnung entstehen könne. Doch diese Endzeit ist keine echte religiöse Apokalypse – sie imitiert ihre Sprache, überhöht sie, macht sie grotesk. Der Gedanke des Aussterbens ist literarisch, nicht wörtlich, eine Form sprachlicher Katharsis. Diese Mittelphase markiert den tiefsten Punkt des Zyklus: Der Mensch hat sich nicht nur entwertet, sondern überlebt sich selbst. Die religiöse Bildsprache – Blut, Lämmer, Altar – dient als Kontrast zur vulgären Ausdrucksweise und zeigt einen geistigen Zustand de Gesellschaft zwischen Sehnsucht nach Reinigung und tiefem Überdruss.

Doch der Zyklus endet nicht im Untergang. Das letzte Gedicht entlarvt die zuvor aufgebaute Apokalypse als Inszenierung. Das lyrische Ich tritt auf wie ein Priester, ein Prophet, ein apokalyptischer Reiter – doch das „Himmelsross“ ist „geteert und gefedert“, ein groteskes Schaustück statt eines heiligen Tieres. Fanfaren ersetzen Glocken, die Messe ist kein sakrales Ritual, sondern eine Performance. Und am Ende fällt die Maske: Das „Dies Irae“ – der Tag des Zorns – ist „eine weitere Illusion“. Damit enthüllt sich der Zyklus als ein Spiel mit Bedeutungen, Bildern und Überhöhungen. Der Untergang ist ein sprachliches Konstrukt, eine poetische Verdichtung des Zustands der Welt, die ihren Untergang inszeniert – nicht ihr tatsächliches Ende.

So schließt der Zyklus mit einer überraschenden Erkenntnis: Die Welt ist nicht untergegangen. Es war die Sprache, die den Untergang gestaltet hat. Das lyrische Ich blickt auf die eigene Inszenierung zurück und erkennt deren theatralische Natur. Damit wird der Leser nicht mit Vernichtung entlassen, sondern mit Bewusstheit.

Der Gesamtzyklus zeigt also einen Weg:

  • vom äußeren Zerfall
  • zum inneren Zerfall
  • zur apokalyptischen Überhöhung
  • bis zur ironischen Entzauberung

Es entsteht ein poetisches Panorama einer zerrütteten Moderne, das zugleich Anklage, Spiegel und sprachliches Experiment ist. Der Zyklus endet nicht hoffnungsvoll – aber mit Klarheit. Und Klarheit ist in diesem Werk die einzig mögliche Form der Erlösung.

Kartografie der Lüge

In Zeiten, in denen Wahrheiten beliebig geworden sind, verändern sich auch die Lügen.
Sie müssen sich nicht mehr verstecken, sie verschleiern nichts und sie fliehen vor niemandem.
Ihre Macht liegt heute gerade in ihrer Offenheit und in einer Schamlosigkeit, die nicht mehr provoziert, sondern zur neuen Normalität geworden ist.

Das Gedicht entstand als Reaktion auf eine Gegenwart, in der sich Gewissheiten auflösen und jeder seine eigene Wahrheit konstruiert.
Was früher ein gemeinsamer Wahrheitsraum war, zerfällt heute in unzählige kleine Welten, in denen Überzeugungen nebeneinander stehen, ohne sich berühren zu müssen.
Das Ideal der Gleichheit verwandelt sich dabei in ein Gleichmachen, in dem nicht mehr zwischen wahr und falsch unterschieden wird, sondern nur noch zwischen laut und leiser.

„Die Lügen von heute“ ist ein kurzer, scharf geschnittener Text über diese Entwicklung.
Er beschreibt, wie im Multiversum der Gedankenfreiheit jeder seine eigene Wirklichkeit erschafft und wie in diesem Prozess das, was nicht in das jeweilige Weltbild passt, nicht mehr diskutiert, sondern abgeschossen wird.
Die Realität bleibt unausgesprochen.
Dort, wo jede Wahrheit möglich ist, wird die gemeinsame Wahrheit zum Feind.

Die Lügen von heute brauchen keine Beine. Sie kommen nackt daher und unverblümt. So findet die Gleichheit zu ihrer idealen Form. Im Multiversum der Gedankenfreiheit findet jeder seine Wahrheit. Der Rest wird füsiliert.

Dieses Bild ist mehr als eine Illustration zu einem Gedicht.
Es ist eine grafische Diagnose unserer Gegenwart: eine Welt, in der Lügen nicht länger maskiert auftreten, sondern offen, nackt und ohne Scham.
Der visuelle Aufbau spiegelt genau das wider: Zwei Sprachräume stehen einander gegenüber, klar getrennt, jeder mit seinem eigenen Rhythmus, seiner eigenen Wirklichkeit.

In der Mitte jedoch rotiert ein Cluster aus „Lüge“ und 嘘 – ein typografisches Multiversum aus gedrehten, versetzten und toxisch gefärbten Fragmenten.
Hier verliert sich der gemeinsame Boden der Wahrheit.
Hier beginnt der Raum, in dem jeder seine eigene „Wahrheit“ behaupten kann, ohne Widerspruch fürchten zu müssen.

Die Grafik ist damit die visuelle Entsprechung des Gedichts:
eine Welt, in der Gleichheit nicht zur Gerechtigkeit führt,
sondern zur Nivellierung aller Maßstäbe —
und in der das, was sich der persönlichen Wahrheit widersetzt,
nicht mehr argumentativ bekämpft,
sondern schlicht „füsiliert“ wird.

sono nochi

Grafik-Kommentar Der schwarze Raum ist kein Hintergrund – er ist das Danach selbst. Die weiße Trennlinie: die Brücke, die nicht mehr trägt. Der rote Punkt unter bleibt: ein Tropfen Blut, der nicht vertrocknet. Deutsch links, Japanisch rechts – zwei Sprachen, ein Schweigen.

Das ist kein Poster. Das ist eine Wunde, die zweisprachig blutet.

sono nochi


sono nochi
shinrai wa
hashi to naru.

zō wa
kie yuku.

meimō wa
nokoru.

Ein leises Messer ist nicht mehr Leere.

Ein leises Messer ist nicht mehr Leere. Es ist die letzte volle Sekunde vor dem Schweigen.

23:19

私の
 記憶の
 中で
 あなたは
 影だ。

もし
 私が
 こんなに
 満たされて
 いなければ

あなたを
 愛せた
 のに。

23:19

Watashi
no kioku
no naka
de anata
wa kage da.

Moshi
watashi
ga konna
ni mitasarete
inakereba

anata
o aiseta
noni.

Erleuchtung ist der einzige Irrtum der Naturordnung

悟り は 摂理の 唯一の 過ち である。

Ich kehre das buddhistische und metaphysische Paradigma um:
Statt „Erleuchtung“ als Vollendung des Seins erscheint sie als Anomalie
als bewusster Fehler im perfekten Mechanismus des Daseins.

Die Welt ist in sich kreist gleichgültig um sich selbst.
Das bewusste Erwachen (悟り) stört diese Harmonie.

So gesehen ist Satori hier nicht Erlösung, sondern der Beginn der Tragödie –
der Punkt, an dem der Mensch das Gesetz erkennt und dadurch austritt aus der Ordnung.

Bewusstsein selbst – ist der Riss im Kosmos.

Es ist nicht Moral oder Hoffnung, sondern in kosmische Ironie.
Selbst Erleuchtung ist nur der Fehler, der es uns erlaubt, den Fehler zu erkennen.