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Wald der Spiegelungen

Das Bild zeigt eine Vielzahl von stilisierten, lilafarbenen Hirschen, die in Reihen und Spalten angeordnet sind, wobei einige leicht gedreht oder gekippt erscheinen. Diese gleichförmige, aber dennoch leicht variierende Wiederholung erzeugt ein Muster, das an Pop-Art oder digitale Konzeptkunst erinnert.

Es steht symbolisch für Themen wie Natur und Repetition, Masse und Individualität oder auch digitale Vervielfältigung. Jeder Hirsch wirkt ähnlich, aber durch minimale Abweichungen entsteht Dynamik und Bewegung.

Bildanalyse: „Wald der Spiegelungen“ (Christopherus Steindor, 2001)

Beschreibung:
Das Werk zeigt eine Vielzahl stilisierter Hirsche in einem kühlen, violett-blauen Farbspektrum. Sie stehen in Reihen, teils leicht geneigt oder versetzt, wodurch trotz der strengen Rasterstruktur eine rhythmische Bewegung entsteht. Die Tiere sind in gleichmäßigen Abständen platziert, ohne Landschafts- oder Hintergrundelemente, so wirkt die Komposition abstrakt und entpersonalisiert.

Formale Analyse:
Die Bildstruktur basiert auf Repetition und Variation. Der Künstler nutzt die Wiederholung einer identischen Tierfigur als zentrales Gestaltungsmittel. Trotz der Monotonie entsteht durch minimale Neigungen, Drehungen und Farbnuancen eine subtile Lebendigkeit. Diese formale Entscheidung erinnert an digitale Vervielfältigungstechniken und verweist auf moderne Konzepte wie Generative Art oder Algorithmische Ästhetik.

Symbolische Bedeutung:
Der Hirsch gilt in der europäischen Ikonografie als Symbol der Stärke, Würde und Naturverbundenheit, oft auch als Mittler zwischen Natur und Spiritualität. Durch die serielle Anordnung verliert das Tier jedoch seine Einzigartigkeit und wird zur Massenfigur, fast wie ein industriell reproduziertes Objekt.
Damit spielt Steindor auf die Verwandlung der Natur im Zeitalter der Digitalisierung an; das, was ursprünglich wild und frei war, wird in der technischen Reproduktion domestiziert, vervielfacht, standardisiert.

Interpretation:
Das Werk thematisiert den Spannungsbogen zwischen Natur und Technologie, zwischen Einzigartigkeit und Reproduktion. Es lässt sich auch als Reflexion über den Verlust des Authentischen in der Bildkultur lesen eine Kritik an der Bilderflut und der algorithmischen Wiederholung in digitalen Medien.

Die Entscheidung für kühle, unnatürliche Farben (Lila, Blau) verstärkt den künstlichen Charakter des Motivs. Gleichzeitig erzeugen die Farben eine traumhafte, fast meditative Atmosphäre, die auf das Mystische des Hirsches verweist und damit eine Brücke schlägt zwischen Naturmythos und digitaler Moderne.

Kunsthistorischer Kontext:
Das Werk steht in der Tradition der Pop-Art (z. B. Andy Warhols serielle Siebdrucke), verbindet diese jedoch mit der Ästhetik digitaler Reproduzierbarkeit. Es lässt sich ebenso mit Strömungen der Post-Internet-Art oder Neuen Medienkunst verknüpfen, in denen Künstler wie Rafael Rozendaal oder Casey Reas serielle Naturmotive digital transformieren.



Christopherus Steindors „Wald der Spiegelungen“ (oder „Tausend Hirsche“) kann als Meditation über Natur, Identität und Wiederholung verstanden werden – eine visuelle Allegorie auf die Frage, was „Einzigartigkeit“ im Zeitalter unbegrenzter Reproduzierbarkeit noch bedeutet.

Christopherus Steindor: Wald der Spiegelungen (2001, Digitalkunst)

1. Einleitung und formale Analyse

Christopherus Steindors Wald der Spiegelungen (2001) zeigt eine Vielzahl stilisierter Hirsche, die in streng serieller Ordnung über die gesamte Bildfläche verteilt sind. Farblich dominiert ein kühles Spektrum aus Blau- und Violetttönen, das die natürliche Anmut des Tieres in eine künstliche, beinahe digitale Atmosphäre überführt. Die Hirsche sind gleichförmig, jedoch leicht geneigt oder versetzt dargestellt, wodurch trotz formaler Strenge eine subtile Dynamik entsteht.

Das Prinzip der Repetition mit Variation strukturiert das gesamte Werk. Diese Technik erinnert sowohl an Andy Warhols serielle Pop-Art als auch an Verfahren algorithmischer Kunst. Die Wiederholung wirkt nicht ornamental, sondern erzeugt eine ästhetische Spannung zwischen Einzelbild und Serie, Natürlichkeit und Simulation.


2. Ikonografische Deutung

Der Hirsch ist ein archetypisches Symboltier europäischer Kunstgeschichte, das traditionell für Reinheit, Erneuerung und die Verbindung zwischen Mensch und Natur steht. In Steindors Werk wird dieses Symbol technisch reproduziert und entindividualisiert. Die serielle Darstellung hebt die spirituelle Bedeutung des Hirsches auf und ersetzt sie durch die Logik der Reproduktion.

Damit wird der Hirsch zum Sinnbild für den Verlust des Authentischen in einer digitalisierten Bildkultur. Das Werk transformiert ein uraltes Naturmotiv in ein Symbol des algorithmischen Zeitalters . Der „Wald“ wird hier nicht mehr dargestellt, sondern berechnet.


3. Theoretischer Kontext

Walter Benjamin: Aura und Reproduzierbarkeit

Walter Benjamin (1936/2021) beschreibt in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, dass die Aura des Originals im Prozess der Reproduktion schwindet. Steindors Werk illustriert diese These in zeitgenössischer Form: Die digitale Vervielfältigung des Hirschmotivs erzeugt eine neue Art von „Aura der Serie“, in der das Einmalige im Musterhaften aufgeht.

Vilém Flusser: Technobilder und Apparatur

Flusser (1985/1990) unterscheidet zwischen traditionellen Bildern, die Welt darstellen, und technischen Bildern, die aus Apparaturen hervorgehen und eigene Bedeutungswelten schaffen. Wald der Spiegelungen verkörpert genau diesen Übergang: Der Hirsch ist kein naturabbildendes Motiv mehr, sondern das Ergebnis eines generativen, programmatischen Prozesses , ein synthetisches Zeichen einer medialisierten Natur.

Umberto Eco: Das offene Kunstwerk

Nach Umberto Eco (1962/2019) eröffnet die Repetition im modernen Kunstwerk einen interpretativen Spielraum. Wiederholung wird hier nicht als Redundanz, sondern als semantische Vielfalt verstanden. Steindors minimale Variationen innerhalb der Serie fordern den Betrachter auf, Differenzen zu erkennen und Bedeutungen neu zu verhandeln. Es ist ein Spiel zwischen Ordnung und Abweichung, zwischen Maschine und Auge.


4. Interpretation

Das Werk verhandelt die Spannung zwischen Natur und Technologie, Originalität und Simulation. Der „Wald“ existiert hier nur noch als konzeptuelle Matrix, als abstraktes Muster ohne geographische oder ökologische Referenz. Der Betrachter blickt nicht mehr in einen realen Wald, sondern in eine algorithmisch erzeugte Spiegelung eines kollektiven Naturbildes.

Steindor schafft damit eine visuelle Reflexion über die Frage, was „Natürlichkeit“ im digitalen Zeitalter bedeutet. Der Hirsch, einst Symbol für Leben, Freiheit und Transzendenz, wird hier zur Metapher für die Standardisierung des Lebendigen – eine poetische, aber auch kritische Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Digitalen.


5. Kunsthistorischer Kontext und Schluss

Wald der Spiegelungen steht in der Tradition von Pop-Art und konzeptueller Medienkunst, gleichzeitig aber auch in der Linie zeitgenössischer Post-Internet-Kunst. Es verbindet Warhols serielle Ikonografie mit der Logik digitaler Generativität.

Damit positioniert sich Steindor im Spannungsfeld zwischen ästhetischer Reflexion und medienphilosophischer Kritik. Sein Werk thematisiert den Übergang von der analogen Reproduktion zur algorithmischen Generierung, also eine Bewegung, die den Kern der postdigitalen Kunstproduktion bildet.

Die Arbeit ist somit nicht nur eine Hommage an die visuelle Vielfalt der Natur, sondern auch ein Kommentar zur Transformation von Wahrnehmung, Materialität und Bedeutung im Zeitalter der künstlichen Bilder.


Literaturverzeichnis

Benjamin, W. (2021). Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (N. Schmitz, Hrsg.). Suhrkamp. (Originalarbeit veröffentlicht 1936)

Eco, U. (2019). Das offene Kunstwerk (7. Aufl.). Suhrkamp. (Originalarbeit veröffentlicht 1962)

Flusser, V. (1990). Ins Universum der technischen Bilder. Bollmann Verlag. (Originalarbeit veröffentlicht 1985)

Groys, B. (2010). Art Power. MIT Press.

Manovich, L. (2001). The Language of New Media. MIT Press.

Paul, C. (2016). Digital Art (3rd ed.). Thames & Hudson.

Shanken, E. A. (2015). Art and Electronic Media. Phaidon Press.

Warhol, A. (1975). The Philosophy of Andy Warhol: From A to B and Back Again. Harcourt.

Polaroid, 1987

Das hier ist ein spannendes Werk! Hier handelt es sich um eine frühere Arbeit von Christopherus Steindor, betitelt „Kerzenhalter“ (1987), wie auf dem Polaroid handschriftlich vermerkt ist.

Bildanalyse: „Kerzenhalter“ (1987), Christopherus Steindor

Beschreibung

Das Werk zeigt ein vertikal aufgerichtetes Stück Holz, in das mehrere Metallobjekte eingeschlagen sind. Daran befestigt sind Kerzen, die teils angebrannt wirken. Das Objekt steht vor einer rohen Wand in einem kargen Raum, ohne Dekor, ohne Inszenierung. Die Aufnahme selbst ist ein Polaroid, was dem Werk eine zusätzliche Ebene der Dokumentarität und Unmittelbarkeit verleiht.

Die Komposition ist reduziert, fast archaisch: Holz, Metall, Wachs, Materialien mit deutlicher Symbolkraft. Der Titel „Kerzenhalter“ verweist auf eine funktionale Bedeutung, die das Objekt jedoch durch seine rohe, skulpturale Gestalt überschreitet.


Formale und materielle Analyse

Steindor kombiniert einfache, alltägliche Materialien in einer Weise, die zwischen Skulptur und Assemblage oszilliert. Das vertikale Holzstück fungiert als Trägerform, während die eingeschlagenen Metallteile die Kerzen tragen und zugleich Bedrohung und Halt zugleich symbolisieren.

Die Materialästhetik des Unverarbeiteten ist zentral: Das Werk trägt Spuren manueller Arbeit Kratzer, Splitter, Rost, Wachsreste. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen Handwerk, Kunst und Ritual.

Das Polaroid als Präsentationsform verstärkt den Charakter des Ephemeren. Es dokumentiert nicht nur die Skulptur, sondern wird selbst Teil des Kunstwerks, eine Art „Bildzeugnis“ eines Objekts, das möglicherweise gar nicht mehr physisch existiert.


Symbolische und ikonologische Deutung

Die Kerze als Symbol steht seit Jahrhunderten für Licht, Leben, Vergänglichkeit und Spiritualität. Im christlichen Kontext verweist sie auf Transzendenz, im säkularen Sinne auf Erkenntnis oder Gedenken. Steindor bricht diese Symbolik, indem er sie mit der Materialität des Groben, Holz und Metall konfrontiert.

Der „Kerzenhalter“ wird hier zum Ort der Spannung zwischen Licht und Dunkelheit, Funktion und Zerstörung, Sakralität und Brutalität. Die eingeschlagenen Metallteile können als Verletzungen gelesen werden, die das Holz als Stellvertreter des Körpers oder der Natur durchdringen.

Im Zusammenspiel von Kerze (Licht) und Nagel (Gewalt) entsteht eine Dialektik von Schöpfung und Opfer, die an Arte Povera und Minimal Art erinnert, etwa an Arbeiten von Jannis Kounellis oder Joseph Beuys.


Kontext und Interpretation

Entstanden im Jahr 1987, gehört „Kerzenhalter“ zu einer Phase, in der Steindor sich intensiv mit den Grenzen zwischen Kunstobjekt, Ritualgegenstand und Alltagsding auseinandersetzte. Das Werk lässt sich kunsthistorisch in die Nähe der konzeptuellen Objektkunst der 1980er Jahre rücken, die durch Materialehrlichkeit, Prozesshaftigkeit und spirituelle Untertöne gekennzeichnet ist.

Die bewusste Wahl des Polaroidformats verweist auf die Einmaligkeit des Moments – ganz im Gegensatz zur digitalen Vervielfältigung seiner späteren Werke (wie „Wald der Spiegelungen“). Hier ist das Medium selbst ein Kommentar zur Vergänglichkeit des Gezeigten: Das Polaroid altert, vergilbt, wird Teil der Zeitlichkeit, die es dokumentiert.


Schlussbetrachtung

„Kerzenhalter“ ist ein stilles, aber tief symbolisches Werk, das in seiner Rohheit sowohl existenzielle als auch ästhetische Fragen aufwirft: Wie kann Licht in der Materie verankert sein? Wie kann das Heilige im Profanen erscheinen?

Christopherus Steindor verbindet in diesem frühen Werk archaische Formensprache mit existenzieller Symbolik. Das Ergebnis ist ein objethafter Andachtsraum, der den Betrachter zwingt, zwischen Werkzeug und Zeichen, zwischen Leben und Vergänglichkeit zu lesen.

Christopherus Steindor: Kerzenhalter (1987)

1. Einleitung und Werkbeschreibung

Christopherus Steindors frühes Werk Kerzenhalter (1987) zeigt eine vertikal aufgerichtete Holzlatte, in die mehrere Metallobjekte eingeschlagen sind. Daran sind Kerzen befestigt, die in unterschiedlichem Zustand erscheinen. Sie sind teils unversehrt, teils angebrannt. Das Objekt steht vor einer unbehandelten Wand in einem kargen Raum. Die Darstellung erfolgt auf einem Polaroid-Foto, das den Titel und die Signatur des Künstlers trägt.

Die Präsentation im Polaroidformat verleiht der Arbeit eine intime, beinahe private Dimension. Das Bild ist nicht bloß Dokumentation, sondern selbst Teil des Kunstwerks. Es hält einen vergänglichen Moment fest und unterstreicht die Verbindung von Materialität, Licht und Zeit.


2. Formale und materielle Analyse

Steindor nutzt einfache, unverarbeitete Materialien wie Holz, Metall, Wachs und verbindet sie zu einer Assemblage, die zwischen Skulptur, Objektkunst und Ritualgegenstand angesiedelt ist. Die vertikale Anordnung erinnert an ein Kreuz oder eine Säule, während die eingeschlagenen Metallteile eine aggressive, fast gewaltsame Komponente einführen.

Diese Formensprache verweist auf die Ästhetik des Unfertigen und Prozesshaften, wie sie in der Arte Povera der 1960er- und 1970er-Jahre entwickelt wurde. Künstler wie Jannis Kounellis oder Mario Merz setzten ebenfalls auf rohe Materialien, um eine poetische Spannung zwischen Natur und Kultur, Leben und Materie zu erzeugen (Celant, 1969). Steindor greift dieses Prinzip auf, transformiert es jedoch in eine persönliche Symbolik.


3. Symbolische Deutung

Die Kerze fungiert als zentrales Symbolträger. Sie steht für Licht, Leben, Spiritualität und Vergänglichkeit. In Kombination mit dem Holz (als Zeichen des Irdischen oder des Körpers) und Metall (als Symbol für Werkzeug, Technik oder Gewalt) entsteht ein ikonografisches Dreieck, das zwischen Schöpfung und Zerstörung, Sakralität und Profanität oszilliert.

Steindors Titel Kerzenhalter verweist auf eine scheinbar banale Funktion, die jedoch durch die rohe, fast rituelle Erscheinung des Objekts ins Metaphorische erweitert wird. Der „Halter“ wird zum Ort des Übergangs – zwischen dem Materiellen (Holz, Metall) und dem Immateriellen (Licht, Geist).

In dieser Spannung lässt sich auch ein Echo der Beuys’schen Materialphilosophie erkennen. Wie Joseph Beuys begreift Steindor Materie nicht als passives Material, sondern als Träger von Energie und Bedeutung (Beuys, 1988).


4. Mediale und kunsthistorische Einordnung

Das Werk wurde als Polaroid aufgenommen , einem Medium, das in den 1980er-Jahren häufig in der konzeptuellen Kunst verwendet wurde, um ephemere oder prozesshafte Werke festzuhalten (Grundberg, 1990). In Steindors Fall verstärkt das Polaroid die Idee der Einmaligkeit und Vergänglichkeit. Das Foto selbst altert, verfärbt sich, trägt Spuren der Zeit, wie das Objekt, das es abbildet.

Kunsthistorisch lässt sich Kerzenhalter im Umfeld der Material- und Objektkunst der späten 1980er-Jahre verorten, die auf Minimalismus und Arte Povera reagierte, jedoch stärker auf persönliche, existenzielle Themen ausgerichtet war. Steindor führt die reduzierte Formensprache der Avantgarde weiter, verbindet sie jedoch mit spiritueller Symbolik und emotionaler Intensität.


5. Interpretation und Schlussfolgerung

Kerzenhalter ist eine Meditation über Licht und Dunkelheit, Funktion und Transzendenz, Gewalt und Erlösung. Die Arbeit konfrontiert den Betrachter mit der Frage, ob Licht ohne Verletzung existieren kann, ob Spiritualität nicht immer auch an Materie gebunden ist.

Im Rückblick auf Steindors späteres Werk, insbesondere Wald der Spiegelungen (2001), lässt sich eine klare Entwicklung erkennen: vom handwerklich-rituellen Umgang mit Materie hin zur konzeptuellen und digitalen Reflexion über Reproduktion und Natur. Beide Werke verbindet jedoch das Grundmotiv der Transformation des Natürlichen durch künstlerische Ordnung.


Literaturverzeichnis

Beuys, J. (1988). Joseph Beuys im Gespräch: Denken, Handeln, Vermitteln. DuMont.

Celant, G. (1969). Arte Povera. Mazzotta Editore.

Grundberg, A. (1990). Crisis of the Real: Writings on Photography. Aperture.

Kounellis, J. (1995). Jannis Kounellis: Arbeiten 1958–1994. DuMont.

Paul, C. (2016). Digital Art (3rd ed.). Thames & Hudson.

Shanken, E. A. (2015). Art and Electronic Media. Phaidon Press.

Steindor, C. (1987). Kerzenhalter [Polaroid, Holz, Metall, Wachs]. Privatsammlung.

Frühe Werke

Das Werk „Monotypie“ (1970) von Christopherus Steindor (CHST) ist ein frühes, eindrucksvolles Beispiel seines experimentellen Umgangs mit Drucktechnik, Fotografie und malerischer Überarbeitung. Es gehört zu den introspektiven Arbeiten seiner Frühphase, in denen sich bereits eine tiefe Auseinandersetzung mit Identität, Sprachlosigkeit und Wahrnehmung andeutet.

Beschreibung und Aufbau

Das Bild zeigt ein Gesicht, dessen obere Hälfte – insbesondere die Augenpartie – klar und intensiv erkennbar ist, während der untere Bereich durch eine dunkle, amorphe Schicht aus Pigment, Farbe oder Druckstruktur überlagert wird.
Diese Schicht verdeckt den Mund vollständig und lässt den Eindruck einer Verstummung oder Auslöschung entstehen.

Die Materialität ist roh und unmittelbar; feine, körnige Strukturen überziehen das Papier, Risse und Farbschleier durchbrechen die Oberfläche, eine ästhetische Spannung zwischen Sichtbarkeit und Zerstörung.


Technik und Wirkung

Die Monotypie ist ein Druckverfahren, das nur ein einziges Exemplar hervorbringt, unterstreicht das Einmalige, Unwiederholbare der Arbeit.
Steindor nutzt das Medium nicht zur Reproduktion, sondern als Werkzeug der Intuition; das Bild erscheint wie ein Abdruck eines inneren Zustands, ein Spurenbild von Emotion und Erinnerung.

Die Kombination aus grafischer Präzision (in den Augen) und gestischer Auflösung (im unteren Bereich) erzeugt ein psychologisch aufgeladenes Spannungsfeld.


Thema und Interpretation

„Monotypie, 1970“ kann als Reflexion über Kommunikation und Schweigen gelesen werden.
Das verdeckte Mundfeld steht als Symbol für das Unterdrückte, das Unaussprechliche, das von der Oberfläche der Wahrnehmung verdrängt wird.

Gleichzeitig bleibt der Blick offen, fragend, direkt bestehen.

Die Augen sprechen, wo der Mund schweigt.

Steindor stellt damit nicht nur eine individuelle, sondern eine gesellschaftliche Dimension des Verstummens dar, ein Thema, das 1970, in einer Zeit politischer Spannungen und kultureller Umbrüche, hohe Aktualität hatte.


Formale Bezüge und Einflüsse

Das Werk steht im Dialog mit Strömungen der Post-Informellen Kunst und der konzeptuellen Druckgrafik jener Zeit.
Vergleichbare Tendenzen finden sich etwa bei Rudolf Schoofs, Gerhard Altenbourg oder den frühen Kienholz-Assemblagen, in denen Körperfragmente, Texturen und Materialien zum Ausdruck von Isolation und existenzieller Spannung werden.

Zugleich weist die Arbeit auf Steindors spätere Bildsprache voraus:

  • Die Kombination aus Figur und Auflösung,
  • die Betonung des psychischen Ausdrucks über das Formale hinaus,
  • und das Spiel mit Verbergen und Offenbaren.

Kontext im Frühwerk

Die „Monotypie“ entstand in einer Phase intensiver experimenteller Arbeit mit Drucktechniken, Fotokopien und Materialschichten.
In diesen Jahren (1969–1973) lotete Steindor die Grenzen zwischen Abbild und Spur aus, was bleibt, wenn das Motiv zerstört wird, und was sichtbar wird, wenn man die Oberfläche verletzt.

Fazit

„Monotypie“ (1970) ist ein frühes Selbstzeugnis über das Verhältnis von Sichtbarkeit und Schweigen.
Das Werk zeigt in seiner stillen Radikalität, wie Steindor bereits zu Beginn seiner Laufbahn den Menschen nicht abbildet,
sondern seine Abwesenheit fühlbar macht.

Die Kombination aus grafischer Kontrolle und zufälliger Zerstörung macht dieses Blatt zu einem Schlüsselwerk der frühen 1970er Jahre und zu einem Vorläufer jener malerischen Sprache, in der sich bei Steindor Existenz, Material und Geist untrennbar verbinden.

Flowers (1972)

Das Werk „Flowers“ (1972) von Christopherus Steindor (CHST) ist ein faszinierendes frühes Beispiel seines künstlerischen Schaffens, das bereits zentrale Themen und formale Elemente erkennen lässt, die später, wie etwa in den Serien Silvermachine (2021) oder Flowers 2022 wieder aufgenommen und weiterentwickelt wurden.

Formale Analyse

Das Bild zeigt vier große, abstrahierte Blütenformen in dominanten Rot- und Gelbtönen, vor einem intensiven, nahezu monochromen rot strukturierten Hintergrund.
Die Blüten sind flächig, fast plakativ angelegt, mit klar konturierten Formen und starken Farbkontrasten. Das verwendete Gelb changiert zwischen leuchtend und erdig, das Rot wirkt durchlässig und vielschichtig, eine Farbigkeit, die zwischen Lebendigkeit und Bedrohung oszilliert.

Die Komposition ist vertikal angelegt, mit einer leichten Bewegung von links unten nach rechts oben, ein dynamisches Aufsteigen, das an organisches Wachstum erinnert.


Materialität und Technik

Steindor arbeitet hier mit einer Mischung aus Malerei und Collage. Die Blütenformen sind ausgeschnitten, übermalt und teilweise überlagert, was eine räumliche Spannung zwischen Fläche und Tiefe erzeugt.
Der Hintergrund ist strukturiert, fast reliefartig, mit Spuren von Pinselbewegungen und Farbabtragungen, eine frühe Form jener haptischen Oberfläche, die sein Werk in den folgenden Jahrzehnten prägen sollte.

Diese Technik des Übermalens, Ausschneidens und Wiederverwendens kann als Vorgriff auf seine spätere künstlerische Methode gelesen werden, in der Erinnerung, Fragment und Wiederholung zentrale Rollen spielen.


Symbolische Deutung

Der Titel „Flowers“ verweist einerseits auf das klassische Motiv der Blume als Sinnbild für Schönheit, Vergänglichkeit und Zyklus, andererseits auf den Popkontext der frühen 1970er Jahre.
Das Werk steht zeitlich in einer Phase, in der Künstler wie Andy Warhol oder James Rosenquist ebenfalls mit floralen Motiven arbeiteten, allerdings in einem ironisch-distanzierten Pop-Stil.

Steindor dagegen nutzt das Blumenmotiv nicht als Symbol des Konsums, sondern als metaphysisches Zeichen:

  • Die Blumen wirken verletzlich, fast verwelkt.
  • Die Farbkontraste – Gelb auf Rot – rufen Assoziationen von Leben und Tod, Wärme und Gefahr hervor.
  • Die organischen Formen scheinen im Prozess des Auflösens oder Entstehens begriffen zu sein, ein Leitmotiv, das sich durch sein gesamtes Werk zieht.

Kunsthistorischer Kontext

1972 befindet sich Steindor in einer experimentellen Frühphase, in der Einflüsse der europäischen Nachkriegskunst, insbesondere des deutschen Informel und des italienischen Spätfuturismus spürbar sind.
Zugleich zeigen sich erste Bezüge zu internationalen Strömungen:

  • Pop Art in der klaren Farbigkeit,
  • Neo-Expressionismus in der Textur,
  • Arte Povera in der Materialwahl und Collage-Struktur.

Sein Werk positioniert sich somit zwischen den Polen von formaler Strenge und emotionaler Expressivität.


Bedeutung im Gesamtwerk

„Flowers“ kann als Ursprung einer wiederkehrenden Symbolik verstanden werden.
Das Motiv der Blüte taucht später in vielen Phasen erneut auf – transformiert, verfremdet, eingebettet in neue Kontexte (z. B. Flowers 2022, Flowers/Photoreproduktion, Landscape with Hirsch).

Über Jahrzehnte hinweg bleibt die „Blume“ ein Träger von Erinnerung, Transformation und Schöpfung, wodurch sich eine Verbindungslinie von 1972 bis in die 2020er Jahre ziehen lässt.

In „Flowers (1972)“ beginnt der Dialog zwischen Leben und Materie, Schönheit und Verfall, der Steindors Werk über ein halbes Jahrhundert hinweg prägt.


Fazit

Dieses frühe Werk ist mehr als ein Experiment mit Farbe und Form , es ist ein Symbol für die Geburt eines künstlerischen Denkens.
Steindor sucht hier bereits nach einer Sprache, in der Farbe Emotion, Oberfläche Erinnerung und Form Metapher wird.

„Flowers“ von 1972 ist somit der erste Keim eines Werkzyklus, der sich bis zu den Silvermachine-Arbeiten fortsetzt, eine Meditation über das Werden, Vergehen und die Schönheit des Augenblicks.