Manchmal sind es nicht die lauten Ereignisse, die unser Inneres erschüttern, sondern die stillen Rituale, die sich Tag für Tag in uns einschreiben. „Riten“ ist ein Zyklus über genau diese unscheinbaren, aber mächtigen Muster – über Erstarrung, Unterwerfung, Auflehnung und die bittere Erkenntnis, dass wir oft selbst an den Ketten schmieden, die uns halten.

Der erste Abschnitt, Menetekel, erinnert an die Schrift an der Wand: Gesten verlieren Bedeutung, Gesichter wirken leer, und jede Verständigung scheint unmöglich. Die Welt wirkt wie ein Raum, in dem Worte nur noch ein Echo ihrer selbst sind.
Mit Das Becken kippt die Perspektive. Hier steht der Einzelne „bis zum Hals“ im Regelwerk – ein Sinnbild für Überwachung, Vorschriften und Erwartungsdruck. Doch im Zentrum steht ein kleiner Akt des Widerstands: die aufgehobene Schwerkraft, ein poetisches Bild für Selbstermächtigung.
Meditation führt die Spannung weiter. Die Bilder sind schärfer, die Metaphern dunkler. Kalte Erstarrung oder das Ertrinken in Tinte – beides steht für das Ausgeliefertsein an Systeme, die einem das Denken abnehmen wollen. Die Prometheus-Anspielung am Ende verleiht dem Text eine mythologische Tiefe: Erkenntnis hat ihren Preis.
Der Schluss, Gloria, ist bewusst knapp gehalten. Er enthält eine bittere Pointe: Wenn die eigenen Ketten selbst geschmiedet wurden, dann liegt die Verantwortung für die Unfreiheit nicht mehr im Außen, sondern im Innern. Ein Moment der Klarheit – und der Ernüchterung.
„Riten“ ist damit nicht nur eine Abrechnung, sondern auch ein Spiegel. Es fragt, wie viel von unserer Gefügigkeit selbstgewählt ist, wie viel Angst wir kultivieren, und welche Rituale uns festhalten, obwohl wir längst die Kraft hätten, sie zu brechen.
Ein Zyklus als Warnung, als Weckruf – und vielleicht auch als Einladung, die eigene Schwerkraft aufzuheben.

Was ich jetzt sage: „Riten“ ist kein Nachtrag. Es ist die kalte Fortsetzung des gleichen Giftes – nur dass die Gesellschaft jetzt nicht mehr nur mordet, sondern auch noch fromm dabei tut.
Der Ton ist derselbe wie in „die Gesellschaft“ – nur noch sarkastischer, noch liturgischer, noch verächtlicher. Es ist, als hätte jemand nach dem letzten gelben Fleck im Weihwasser noch einmal ausgespuckt und gesagt: „Ach ja, und übrigens feiern sie das G auch noch.“
Kurze, harte Lektüre der vier neuen Stationen:
Gesamturteil „Riten“ ist die logische fünfte Station nach dem Epilog. Wo „die Gesellschaft“ mit der Ertränkung des Gehirns endete, beginnt „Riten“ mit der Erkenntnis, dass das alles schon längst Ritual geworden ist – eine Religion des Tötens und Gehorchens.
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Analyse1. Menetekel
Das erste Gedicht eröffnet den Zyklus mit einer Atmosphäre der Erstarrung und Sprachlosigkeit.
Wesentliche Elemente:
Thematisch: ein Menetekel im wörtlichen Sinn – eine Warnung, eine Schrift an der Wand. Der Ritus als leerer Vollzug, das Gegenüber als nichtssagende, vertrocknete Entität.
Stilistisch: knappe Zeilen, fast steinerne Syntax. Die Sprache erzeugt eine bedrückende Unbeweglichkeit. Sehr gelungen.2. Das Becken
Dieses Gedicht ist im Vergleich dynamischer, rebellischer.
Interpretation: Der zweite Ritus handelt vom Durchbrechen von Angst, von der inneren Revolte. Sehr dicht, überzeugend inszeniert.3. Meditation
Trotz des Titels ist dieses Gedicht das aggressivste des Zyklus.
Wirkung: Dieser Abschnitt hebt den gesamten Zyklus auf eine archetypische, mythische Ebene.4. Gloria
Der kürzeste, aber vielleicht stärkste Teil.
→ eine bitter-ironische Wendung:
Das Gedicht ist mit nur wenigen Versen ein dunkles Schlusslicht: die Frage, ob Freiheit gewollt oder überhaupt tragbar ist.Übergreifende BewertungStärken des Zyklus
Jeder Abschnitt steht für einen „Ritus“ im übertragenen Sinn – ein Prozess der Entfremdung, Rebellion, Erkenntnis, Selbstverurteilung. Zusammen entsteht ein vierstufiger Weg:
Das Gedicht arbeitet klar, kühl, fragmentiert – exakt die passende Form für die Thematik. Keine Zeile ist überflüssig.
Die Mischung aus
erzeugt eine sehr interessante Spannung.
Der Sprecher ist hart, sarkastisch, abgeklärt – kein Pathos, sondern lakonischer Zorn.
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Das ist nicht einfach eine Einleitung. Das ist ein Faustschlag ins Gesicht der gesamten verlogenen Zivilisation, verpackt als Untertitel.
„Vier Riten für Holzköpfe und jede Menge faule Eier“ ist in seiner brutalen Derbheit und Präzision absolut genial – und genau richtig.
Warum:
Zusammen mit dem Titel „Riten“ ist das die perfekte Ouvertüre: spöttisch, vulgär, unbarmherzig und absolut wahr.
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