Formen der Konformität im Kunstfeld

Eine kunsttheoretische Präzisierung

1. Informative Konformität – Epistemische Delegation im ästhetischen Feld

Diese Form der Anpassung beruht auf der Annahme, die Mehrheit verfüge über überlegene ästhetische Urteilsfähigkeit. Im Sinne Bourdieus handelt es sich um eine Delegation des Geschmacks an das Feld selbst.
Kuratoren, Jurys und Diskurscluster fungieren als epistemische Autoritäten, deren Entscheidungen stilistische Trends erzeugen. Die Wiederholung bestimmter Themen – etwa ökologische Motive oder identitätspolitische Narrative – ist so weniger Ausdruck individueller Überzeugung als Manifestation feldinterner Machtstrukturen.
Problem: Die ästhetische Differenz schrumpft, weil künstlerische Produktion zunehmend die bereits validierten Formen reproduziert.

2. Normative Konformität – Der Zwang zur Anschlussfähigkeit

Hier wirkt nicht Wissen, sondern sozialer Druck. Kunstinstitutionen generieren – oft unbewusst – normative Erwartungshorizonte, die definieren, welche ästhetischen und diskursiven Positionen als legitim gelten.
Ausstellungen, Förderlogiken und digitale Resonanzräume fungieren als Dispositive, die Abweichung sanktionieren und Übereinstimmung belohnen.
Die jüngeren Debatten um Kontextsensibilität und Repräsentationskritik sind hierfür exemplarisch: Nicht die werkimmanente Qualität entscheidet, sondern die Frage der institutionellen Risikoverwaltung.
Konsequenz: Künstlerische Autonomie wird durch Erwartungskonformität ersetzt; das Werk verliert seine Widerständigkeit.

3. Identifikations-Konformität – Mimetische Orientierung an Feld-Eliten

Diese Form der Konformität entsteht durch die ästhetische Nachahmung symbolisch aufgeladener Vorbilder. Sie ist eng mit der Logik des Art Worlds (Becker) verknüpft, in der ästhetische Innovation durch Anerkennungsstrukturen vermittelt wird.
Künstler übernehmen Strategien, Materialien oder diskursive Rahmungen erfolgreicher Akteure, um sich deren symbolisches Kapital anzueignen.
Im digitalen Raum – etwa im NFT- oder KI-Kunstbereich – wird diese mimetische Dynamik beschleunigt: Algorithmen verstärken diejenigen Stile, die bereits Reichweite besitzen, wodurch sich der Einheitsbrei nicht nur sozial, sondern technisch stabilisiert.
Ergebnis: Originalität erscheint als Ausnahme und nicht mehr als Grundbedingung künstlerischer Praxis.

4. Bürokratische Konformität – Die Verwaltung als ästhetischer Agent

Diese Kategorie verweist auf die von Niklas Luhmann beschriebene Systemlogik der Kunstorganisationen: Institutionen sichern ihre eigene Anschlussfähigkeit, indem sie Risiken minimieren.
Daraus entsteht ein administrativer Formalismus, der nicht inhaltlich motiviert ist, sondern organisationsbezogen. Entscheidungen – etwa die Vermeidung historisch „heikler“ Materialien oder das Zurückhalten bestimmter Arbeiten – werden getroffen, um potenzielle Irritationen präventiv auszuschalten.
Hier tritt die paradoxe Rolle der Verwaltung hervor: Während sie Kunst ermöglichen soll, begrenzt sie zugleich die radikale Offenheit, die das Kunstsystem auszeichnet.
Folge: Kunst wird nicht mehr durch ästhetische Kriterien gesteuert, sondern durch Compliance-Logiken.

4 Kommentare zu „Formen der Konformität im Kunstfeld“

  1. Die ästhetische Differenz schrumpft, ist damit die ästhetische Differenzierung zwischen Bild und Text gemeint? Bin nicht sicher. Aus dem Grund, weil künstlerische Produktion zunehmend die bereits validierten Formen nach bekannten Mustern reproduziert. Künstlerische Autonomie wird nicht ersetzt und wenn sie ersetzt wird, dann war’s keine Autonomie. #Einheitsbrei, dieser deiner Argumentation stimme ich vollens zu. Orginalität? Original scheint die Ausnahme, das Unbekannte, Namenlose, nicht Genannte. Grundbedingung klingt nach Fundament, Rahmenbedingung usw. kunstschaffender und künstlerischer PRAXIS (hier klafft es zwischen Theorie und Praxis // impliziten und expliziten Wissen usw.) // Was sind für dich »heikle« Materialien? Welche Formen von Irritationen sollen ausgeschaltet werden? Durch romantische und idealistische Vorstellungen wurde/ werden bis heute vermutlich bestimmte ästhetische Kriterien (Kunstmarkt) gesteuert. Was möchtest du mit Compliance-Logiken zum Ausdruck bringen, die Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen oder wie in der Betriebswirtschaftslehre definiert und in Luhmann’s Zettelkasten: https://niklas-luhmann-archiv.de/bestand/zettelkasten/zettel/ZK_1_NB_45-4a1b_V

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    1. Liebe Birgit,

      vielen Dank für die sehr scharfe und produktive Rückfrage.

      Ja, mit dem „Schrumpfen der ästhetischen Differenz“ meine ich zunächst einmal nicht primär Bild vs. Text (obwohl das auch mitläuft, sondern die immer kleiner werdende Spanne zwischen dem, was als „zeitgenössische Kunst“ noch durchgeht, und dem, was sofort als unzustellbar, unfinanzierbar, unkuratierbar oder einfach „too much“ aussortiert wird.

      Der verfügbare ästhetische Möglichkeitsraum wird enger, nicht weil die Technik fehlt, sondern weil vier Konformitätsdrucke gleichzeitig wirken.

      Zu deinen konkreten Fragen:

      „Heikle“ Materialien (Punkt 4) Damit meine ich ganz wörtlich Stoffe und Praktiken, die früher noch selbstverständlich ins Museum durften und heute fast überall präventiv aussortiert werden, weil sie Compliance-Probleme erzeugen:

      • echte Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma, Urin, Menstruationsblut – außer sie kommen von Hermann Nitsch oder aus den 1990er Jahren)
      • rohes Fleisch, Kadaver, starke Verwesungsgerüche (Pekar, Teresa Margolles vor 2010: ja; heute kaum noch ohne massiven Warnhinweis- und Versicherungsaufwand)
      • unvermittelte Darstellungen sexualisierter oder kolonialer Gewalt, die nicht sofort diskursiv „gerahmt“ und damit entschärft sind
      • alles, was eine echte physische Gefährdung des Publikums darstellt (Feuer, Stromschläge, unkontrollierte Tiere – siehe frühe Vienna Actionism oder Santiago Sierra vor 2005)

      Diese Materialien werden nicht mehr wegen mangelnder künstlerischer Qualität abgelehnt, sondern weil sie Störungen im Systembetrieb erzeugen: Versicherung, Presseabteilung, Social-Media-Backlash, Fördergeber, Gebäudereinigung, Arbeitsschutz etc.

      Die Verwaltung wird zum ästhetischen Agenten.

      Compliance-Logiken

      Genau der Luhmann-Zettel, den du verlinkst, ist der gemeint. Compliance ist hier nicht nur „Regeltreue“, sondern die systemische Selbstbeschränkung von Organisationen, um Irritationen von außen (Recht, Politik, Öffentlichkeit) zu vermeiden und die eigene Reproduktion zu sichern. Im Kunstbetrieb heißt das heute:

      • „Trigger-Warnungen“ nicht aus Rücksicht, sondern aus Haftungsangst
      • „Safe Spaces“ nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil ein Shitstorm die nächste Förderrunde gefährdet
      • „Diversity-Checklisten“ nicht aus Gerechtigkeitssinn, sondern weil sie in Anträgen verlangt werden

      Das Romantisch-Idealistische (das du ansprichst) ist dabei nicht verschwunden – es wird nur umcodiert: Der „geniale“ Künstler von heute ist nicht mehr der, der das Tabu bricht, sondern der, der die neuen Tabus (Hate Speech, Cultural Appropriation, Ableismus etc.) perfekt antizipiert und elegant umschifft.

      Das ist die neue Form von „Originalität“: die perfekte Vorwegnahme aller möglichen Kritik.

      Und genau da klafft die Lücke zwischen Theorie und Praxis, die du ansprichst: In der Theorie feiern wir immer noch das Andere, das Namenlose, das Unverfügbare – in der Praxis wird genau das mit vierfacher Konformität präventiv entsorgt.

      Deshalb meine These:

      Der Einheitsbrei ist kein Zufall und keine bloße Faulheit, sondern das hochstabile Ergebnis von vier sich wechselseitig verstärkenden Konformitätsformen.

      KI-Bildgeneratoren sind dabei nur das aktuell sichtbarste Symptom; sie machen den Einheitsbrei nur schneller und billiger.

      Trifft das deine Beobachtung, oder siehst du die entscheidende Zäsur woanders?

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  2. danke Christoph für deinen kommentar zum kommentar „Schrumpfen der ästhetischen Differenz“ zu „zeitgenössischer Kunst“, der heute noch durchgeht und somit bei mir angekommen ist. „Was heute sofort als unzustellbar, unfinanzierbar, unkuratierbar oder einfach „too much“ aussortiert wird“, weiß ich nicht. könntest du beispiele zeigen oder beschreiben?

    assoziation a:

    überbordend. übergroß. überschwemmend. übermächtig. überwältigend, überschichtend, übersichtslos, übergewichtig, überflüssig, überaltert, überdreht, überbesetzt, überbedeutungsgeschwängert, überproportional, übertrieben…

    „Der verfügbare »ästhetische« Möglichkeitsraum wird enger, nicht weil die Technik fehlt, sondern weil vier Konformitätsdrucke gleichzeitig wirken“.

    frage: was meinst du mit vier konformitätsdrucke, die gleichzeitig wirken?

    „Heikle“ Materialien (Punkt 4), die »ANTIFORMEN«, welche eine bewegung erzeugen, die das fertige objekt {produkt, kunstwerk, projekt} ablehnt und stattdessen den zufall und das „reine“ – verunreinigte, unbearbeitete – material in den vordergrund stellt?!

    assoziation b: bisoziation

    romantisch-idealistisches ist nicht verschwunden – es wird nur umcodiert: der „geniale“ Künstler, welchen es vermutlich niemals gab, da dieser durch einen immer noch existierenden »Geniekult« dazu gemacht wurde und bis heute wird.

    du schreibst, „dass ist nicht mehr der, der das Tabu oder mehere Tabus gleichzeitig bricht, sondern der, der die neuen Tabus (Hate Speech, Cultural Appropriation, Ableismus etc.) perfekt antizipiert und elegant umschifft. Das ist die neue Form von „Originalität“: die perfekte Vorwegnahme aller möglichen Kritik. Und genau da klafft die Lücke zwischen Theorie und Praxis, die du ansprichst: In der Theorie feiern wir immer noch das Andere, das Namenlose, das Unverfügbare – in der Praxis wird genau das mit vierfacher Konformität präventiv entsorgt“.

    ist es nicht dies »unverfügbare« in der praxis und kunsttheorie, welches thematisch in der einen oder anderen »form« immer wieder hervortritt?

    deshalb deine These:

    Der Einheitsbrei ist kein Zufall und keine bloße Faulheit, sondern das hochstabile Ergebnis von vier sich wechselseitig verstärkenden Konformitätsformen, die du mir noch nennen wirst, damit ich es nachvollziehen kann.

    KI-Bildgeneratoren sind dabei nur das aktuell sichtbarste Symptom; sie machen den Einheitsbrei nur schneller und billiger, sofort für jede:n verfügbar?

    hierzu fällt mir sofort ein: slop! in jedem slot: zeitfenster – kunstprojekt – deadline.

    datei:facebook ai slop, „shrimp Jesus“ 2.jpg – in jeder variante zu prompten.

    trifft dies deine beobachtung, oder siehst du die entscheidende zäsur woanders?

    mein beobachten reduziere ich aktuell auf aktionen, gespräche, geschriebenes und auch publiziertes. einladungen zu vernissage/finissage sage ich zumeist ab. #kunsttalk mit und um die #kunsttalks herum, kunsttalkmatter: Kunstgesprächssache, kunsttalk_matters Kunstgespräche sind wichtig/bedeutend & finden in unterschiedlichen formen, räumen und ebenen statt. performances, in denen ich zumeist offensichtlich schweige und gar nichts sage, sondern nur darstelle, spontan mit material (analog:digital) experimentiere und gestikuliere. kontext und zusammenhang sind »kunstprojekte 16«, die andauernd laufen, wobei die fragestellung im vordergrund ist „wie verändert sich kunst, wenn man sie als FORSCHUNG versteht?“

    das sprechen über spurensichernde kunst baut auf diesem deutungsapriori der spurwahrnehmung auf. dabei wird von potenziell spurfähigen material ausgegangen, welches sowohl “Kunst ohne Werk” als auch kunst mit werk/werken oder einen nachlass, ebstücke etc. betreffen kann. dementsprechend betrifft es auch nft, ai/ki bild-, video- und textprodukte/: produktionen: ebenso wie bücher, lyrik, poesie, kurzprosa, konzepte, briefe, bibliotheken, skulpturen, gemälde etc. // st¨cke, die heute eventuell noch in eine glasvitrine, die räumlichkeit oder das archiv eines museums, stalls, fabrikhalle, sammlung etc. passen. es gibt »speicherprobleme«, allerorts!

    spurkunst

    ist kein klarer materialkanon, keine durchgängig verbindende stilistik, kein manifest und auch keine schule oder akademie. spurkunst ist keine richtung (wobei ich heute am nikolaustag: Nikolaus Lang, Nancy Kitchel, Christian Boltanski etc. nenne). hinzu kommen habituelle elemente, klischeehafte versatzstücke {ich liebe klischee}, bücher, bilder von natur- und raumforschenden am rande der zivilisation, felduntersuchungen im eigenen vorgarten, liebesbriefe aus dem toaster …

    austragungsort

    mit dem begriff künstlerische forschung in der zeitgenössischen kunst wird heute mehr verdeckt und verschleiert als aufklärt

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  3. Liebe Birgit,

    du wirst es mir verzeihen, wenn ich an dieser Stelle etwas grundsätzlich werde:
    Du bist – und das meine ich wirklich analytisch, nicht polemisch – die perfekte Verkörperung des vierten Konformitätsdrucks, den ich beschrieben habe.

    Nicht weil du brav wärst.
    Nicht weil du systemhörig wärst.
    Sondern weil du radikal demokratisierst, bis Kunst keine Differenz mehr behaupten kann.

    In deiner Welt:

    • Makramee = Salzkriechen = Michelangelo
    • Prozess = Werk
    • Teilhabe = Ästhetik
    • „machen“ = „können“
    • und alles ist Kunst, weil alles Kunst sein soll

    Das ist keine Kritik.
    Das ist eine soziologisch präzise Beobachtung.

    Du sagst:
    „Jeder ist Künstler.“
    Und ich weiß, woher das kommt – Beuys hat es so schön und folgenreich formuliert.

    Der Unterschied ist nur:
    Beuys konnte das sagen, weil er selbst ein Genie war.
    Und er wusste exakt, was er damit anrichtet.

    Du aber meinst es wörtlich.
    Für dich ist das kein Angriff auf das Kunstsystem –
    für dich ist es eine Einladung an das Leben selbst.

    Und gerade das ist der Punkt, an dem sich unsere Perspektiven trennen.

    Worum es mir geht

    Ich sage:
    Wer sich wirklich auf Kunst einlässt, spürt sofort den Unterschied zwischen:

    • einem Kristall in einer Salzwasserwanne
      und
    • einer Idee, die dir das Hirn verbrennt.

    Zwischen:

    • einem Makramee-Knoten
      und
    • einem Michelangelo, der dir zeigt, was ein Mensch eigentlich sein könnte.

    Zwischen:

    • einem netten Prozess
      und
    • einem Werk, das als Zumutung, Risiko, „too much“ wahrgenommen wird.

    Dieses Unverfügbare, diese ästhetische Überforderung, diese Ernsthaftigkeit
    genau sie verschwindet, wenn man alles zu Kunst erklärt.

    Das ist die ultimative Form der Konformität:
    Nicht durch Regulierung, nicht durch Zensur, nicht durch Bürokratie –
    sondern durch Nivellierung.

    Wenn alles Kunst ist, ist nichts mehr Kunst.
    Wenn jeder Künstler ist, existiert kein Genie mehr.

    Das ist keine Entwertung deiner Praxis.
    Es ist die Beschreibung zweier völlig unterschiedlicher kultureller Modi.Und ja: Genau deshalb erzeugt dein Ansatz Sicherheit

    Wenn es keine Genies geben darf, kann niemand scheitern.
    Wenn alles Kunst ist, kann niemand jemanden übertreffen.
    Wenn Salzlauge Kunst ist, braucht niemand Michelangelo auszuhalten.
    Wenn Prozess = Kunst, gibt es keinen Maßstab, der weh tut.

    Das ist herrlich demokratisch – aber ästhetisch vollkommen harmlos.

    Und genau darum sage ich:

    Die Demokratisierung des Kunstbegriffs ist die eleganteste Selbstentwaffnung der Kunst.

    Keine Tabus mehr.
    Kein „too much“ mehr.
    Kein Risiko mehr.
    Nur noch: alles ist möglich, also ist nichts mehr notwendig.Mein Satz, neu gefasst, aber klarer denn je

    „Wer Kunst nicht begreift oder begreifen will, erklärt sie zum Forschungsprozess.
    Wer sie begreift, erkennt das Genie – ob es einem gefällt oder nicht.“

    Das ist kein Angriff.
    Das ist die triviale Tatsache, dass ästhetische Differenz nun einmal existiert,
    auch wenn wir sie sozialpolitisch gerne entschärfen möchten.

    Du verteidigst die Welt der Salzkruste.
    Ich rede von der Welt der Zumutung.

    Beide existieren.
    Aber sie sind nicht das Gleiche.

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