Wenn die ästhetische Differenz schrumpft

Über Konformität, heikle Materialien und die Logik der Compliance im Kunstfeld

In Diskussionen über Gegenwartskunst fällt immer häufiger der Satz, die „ästhetische Differenz“ schrumpfe. Gemeint ist damit nicht vorrangig die klassische Unterscheidung zwischen Bild und Text, sondern der immer enger werdende ästhetische Möglichkeitsraum: jene Zone, in der Kunst noch als zulässig, vermittelbar, ausstellbar oder finanzierbar gilt.
Der Befund lautet: Nicht die Technik fehlt, nicht die Vorstellungskraft, sondern die Felder der Legitimierbarkeit werden kleiner.

Warum ist das so?

Ein zentrales Argument ist, dass künstlerische Produktion zunehmend jene Formen reproduziert, die bereits validiert sind. Nicht zwingend aus Opportunismus oder Bequemlichkeit, sondern weil vier Konformitätsdrucke gleichzeitig wirken: epistemische, normative, identifikatorische und bürokratische Anpassungen.

Das Ergebnis: Originalität wird zur Ausnahmeerscheinung, das Unbekannte und Unbenannte verliert an Terrain, bevor es überhaupt sichtbar werden kann.


Was schrumpft hier eigentlich?

Wenn von ästhetischer Differenz die Rede ist, geht es um den Abstand zwischen dem, was Kunst sein könnte, und dem, was Kunst sein darf.
Dieser Abstand wird kleiner – nicht, weil Künstler (ich) an Mut verlieren, sondern weil das Feld selbst sich zunehmend über seine Randbedingungen definiert: Kuratierbarkeit, Förderfähigkeit, Kontextualisierbarkeit, Risikominimierung.

Damit entsteht eine paradoxe Situation:
Je stärker das Kunstsystem formal Autonomie beschwört, desto enger werden seine strukturellen Leitplanken.


Über „heikle“ Materialien – und warum sie heute kaum noch möglich sind

„Heikle Materialien“ meint sehr konkret jene Stoffe, Praktiken oder Darstellungsformen, die früher selbstverständlich in Museen gezeigt wurden, heute jedoch präventiv aussortiert werden. Nicht aus ästhetischen, sondern aus administrativen Gründen.

Dazu gehören:

  • Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma, Urin, Menstruationsblut)
  • rohes Fleisch, Kadaver, Verwesungsprozesse
  • ungerahmte Darstellungen sexualisierter oder kolonialer Gewalt
  • performative Risiken wie Feuer, Strom oder Tiere

Viele dieser Formen waren integraler Bestandteil avantgardistischer Praxis.
Heute lösen sie vor allem eines aus: Compliance-Probleme.

Die Folge: Kunst wird nicht an ihrer ästhetischen Kraft gemessen, sondern an ihrer Störanfälligkeit für Versicherungen, Öffentlichkeitsarbeit, Social-Media-Resonanz und Haftungsfragen.


Selbstzensur als Symptom: das gelbe Rechteck

Ein besonders sprechendes Beispiel dafür ist die Selbstzensur, die Künstler inzwischen bereits vor jeder institutionellen Begegnung vollziehen.
Mein Bild mit der Warnaufschrift „Those who give up art reduce the risk of fatal illness“ zeigt genau diese Dynamik:

  • Körper werden anonymisiert.
  • Gesichter werden überdeckt.
  • Brüste, Genitalien oder politische Symbole werden hinter gelben Flächen versteckt.
  • Die ursprüngliche künstlerische Geste wird in ein administrierbares Produkt überführt.

Diese Selbstzensur ist keine Schamfrage und kein ästhetisches Statement.
Sie ist das Resultat einer tief verinnerlichten Erwartung:

„Zeige nur, was niemandem schaden kann und niemandem schaden könnte, der Schaden reklamieren möchte.“

Damit entsteht eine Art vorauseilende Compliance:
Nicht Institutionen zensieren das Werk; das Werk zensiert sich selbst, um institutionell überhaupt anschlussfähig zu bleiben.

Selbstzensur wird so zum ästhetischen Filter, der den Möglichkeitsraum bereits an der Quelle verengt.


Compliance-Logiken: Wenn Organisationen Kunst formatieren

Compliance bedeutet im organisationalen Sinne mehr als Regeltreue.
Es meint die systemische Selbstbeschränkung, die ein System vornimmt, um Irritationen zu vermeiden und seine eigene Reproduktion zu sichern.

Im Kunstbetrieb zeigt sich das heute so:

  • Triggerwarnungen entstehen weniger aus Fürsorge als aus Haftungsprävention.
  • Safe Spaces werden eingerichtet, weil ein Shitstorm die nächste Förderrunde gefährden könnte.
  • Diversity-Checklisten dienen primär der Antragstechnik, nicht der Gerechtigkeit.

Das romantische Ideal des „genialen Künstlers“ ist nicht verschwunden.
Es hat lediglich eine neue Kodierung erhalten:

Originalität besteht heute darin, alle potenziellen Kritikformen vorwegzunehmen,
nicht darin, ein Risiko einzugehen.


Die Kluft zwischen Theorie und Praxis

In der Theorie feiern wir weiterhin das Andere, das Unverfügbare, das Namenlose.
In der Praxis aber wird genau dieses Andere durch vierfache Konformität bereits im Keim neutralisiert:

  • informativ (Was ist gerade „State of the Art“?)
  • normativ (Was wird akzeptiert oder sanktioniert?)
  • identifikatorisch (Was machen die erfolgreichen Künstler?)
  • bürokratisch (Was ist versicherbar, vermittelbar, risikofrei?)

Der viel zitierte Einheitsbrei ist damit kein Zufall.
Er ist die strukturstabile Folge eines überregulierten ästhetischen Feldes.

KI-Bildgeneratoren verschärfen diesen Trend lediglich:
Sie reproduzieren das Erwartbare eben schneller und billiger.


Eine offene Frage

Wenn der ästhetische Möglichkeitsraum schrumpft, wird Kunst nicht ärmer an Objekten, sondern ärmer an Irritationen.


Die entscheidende Frage lautet daher:

An welcher Stelle kippt Kunst heute von autonomer Formgebung in administrierbare Gestaltung – und merken wir den Moment überhaupt noch?

3 Kommentare zu „Wenn die ästhetische Differenz schrumpft“

    1. Lieber Gunter,

      „Stacheldrahtzaun“ trifft es perfekt.

      Was mich wirklich erschreckt: Die meisten Künstler und Kuratoren bauen diesen Zaun inzwischen selbst mit auf, aus lauter Angst, dass ihnen sonst jemand zuvorkommt.

      Die wenigen, die sich trotzdem nicht beeindrucken lassen, zahlen einen Preis, der früher noch heldenhaft-romantisch daherkam und heute schlicht existenzvernichtend ist. Deshalb traut sich kaum noch jemand, ihnen Raum oder Bühne zu geben.

      Am Ende landet die wirkliche, wahrhaftige (radikale) Kunst genau dort, wo sie niemanden mehr stört: im Abseits, in Nischen, umgeben von Ignoranz und Beliebigkeit. Was zählt, sind Publikationen, Likes und Traffic, kurz: Verkaufbarkeit.

      So verliert sie genau die Sprengkraft, die sie früher einmal hatte.

      Der Zaun schützt nicht die Gesellschaft vor der Kunst. Er schützt die Institutionen vor sich selbst.

      Und genau das ist der Punkt, der mich nicht loslässt: Wie, um alles in der Welt, kann man diesen verdammten Zaun wieder einreißen oder wenigstens ein paar Löcher reinschneiden, durch die wieder Luft und Gefahr durchkommt?

      Hast du eine Idee? Kennst du jemanden, der es gerade versucht?

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    2. Lieber Gunter (Teil 2),

      dein „Stacheldrahtzaun“ hat mich nicht losgelassen. Gestern Abend saß ich noch lange wach und hab zwei neue Texte geschrieben.

      „Beim Fährmann“ und „Aufbruch“.

      Beides entstanden in einem Zug, nach Mitternacht, nach drei Bier und nach deinem einen Satz.

      Die Stimme ist gebrochen, das Metrum stolpert, die Reime sind dreckig, und es gibt keine einzige Stelle, an der man sich gemütlich anlehnen könnte. Genau so, wie es sein soll.

      Jetzt stehen sie da, nackt und hässlich und wahr.

      Danke. Manchmal reicht ein Satz, um ein Loch in den Zaun zu schneiden.

      Hab’s auf die Startseite gepackt.

      https://pokemonfury.com/2025/12/08/kunstzertifikat-aufbruch-ein-gedicht-uber-die-kunst-des-freiwilligen-ruckzugs/

      https://pokemonfury.com/2025/12/08/kunstzertifikat-beim-fahrmann-gebrauchsanweisung-zur-selbstverwertung/

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