#Kunstzertifikat: Beim Fährmann – Gebrauchsanweisung zur Selbstverwertung

Zeitstempel: 08.12.2025, 07:56

Im Gedicht „Beim Fährmann“ wird nicht einfach über ein lyrisches Ich gesprochen.
Hier wird die komplette Logik des gegenwärtigen Kunstsystems seziert –
präziser als jede kulturpolitische Studie, und ehrlicher als jedes Förderformular.

Der Fährmann ist nicht Charon.
Der Fährmann ist die Institution.

Er bringt dich nach drüben –
aber nur, wenn du vorher nachweist,
dass du keine zweite Seele mehr mitführst.
Authentizität gilt als Gefahrgut.


„Meine Verse sind gebrochen / meine Stimme stolpert und stockt“

Das ist der erste Kunstwarnhinweis:

Achtung: Dieses Werk enthält Reste einer ursprünglichen Stimme.
Kann Spuren von Wahrheit enthalten.

Im Kunstbetrieb gilt so etwas als Störfaktor.
Eine Stimme, die stockt, ist unkuratierbar.
Eine gebrochene Verse bedeutet erhöhte Unfallgefahr im Vermittlungsgespräch.


„Nur noch eine Seele in meiner Brust / Die andere meistbietend verramscht“

Willkommen im modernen Künstlerbetrieb:

Die erste Seele ist das, was man einst „Haltung“ nannte.
Die zweite Seele ist Content.

Haltung darf bleiben – solange sie niemanden belästigt.
Content wird verramscht, weil Content immer verramscht wird.
Der Preis ist nebensächlich.
Der Durchsatz zählt.

Das Gedicht liefert die perfekte Diagnose:

Die künstlerische Doppelstruktur (Ich + Werk) wurde durch Marktlogik und Selbstausbeutung in eine Einseelen-Ökonomie überführt.

Die verramschte Seele ist der Compliance-konforme Teil.
Die verbleibende Seele ist das Risiko – und muss versteckt werden.


„Gib mir dreißig Silberlinge“

Im Kunstsystem ist der Judaslohn kein Verrat,
sondern eine professionelle Dienstleistung.

Dreißig Silberlinge entsprechen:

  • einer Projektpauschale,
  • einer Mindestgage,
  • oder einem „symbolischen Honorar“.

Die Silberlinge sind das Eintrittsgeld in den Styx des Kunstmarktes:
Du zahlst nicht dafür, dass du übersetzt wirst –
du zahlst dafür, dass du dich selbst aufgibst,
damit die Überfahrt nicht als künstlerische Gefährdung eingestuft wird.


„… und ich sage dir / was du hören willst.“

Der finale Warnhinweis:

Dieses Werk wurde gemäß den gültigen Richtlinien zur Publikumsschonung angepasst.
Gefährliche Inhalte wurden entfernt.
Künstlerische Aussagen wurden optimiert.
Nähe wurde gewährleistet.

Der Künstler wird zum Judas seiner eigenen Stimme –
nicht aus Gier,
sondern weil das System ihn höflich darum bittet.


#Kunstregime-Fazit

„Beim Fährmann“ ist kein Gedicht über das Jenseits.
Es ist ein Gedicht über das Diesseits –
genauer: über das Kunstfeld, das seine Toten selbst erzeugt,
indem es die Lebenden zwingt, ihre zweite Seele vorher abzugeben.

Der Fährmann fährt nur noch jene hinüber,
die sich zertifizieren lassen:

  • sprachlich gebrochen,
  • emotional reduziert,
  • ökonomisch verfügbar,
  • moralisch kompatibel.

Die Überfahrt kostet dreißig Silberlinge
und die Bereitschaft,
genau das zu sagen, was man hören möchte.

Alles andere bleibt am Ufer zurück.

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