Der leise Tod durch Unverwaltbarkeit

Bürokratischer Ausschluss im #Kunstregime

Der vielleicht präziseste Mechanismus des heutigen #Kunstregimes lässt sich so beschreiben:
Es funktioniert nicht mehr primär durch laute Verbote oder offene moralische Verdammung. Das wäre zu riskant, zu sichtbar, zu angreifbar.
Stattdessen operiert es über die kalte, saubere Logik der Verwaltbarkeit.

Bürokratischer Ausschluss ist keine Abweichung vom System.
Er ist sein Normalzustand.


Kein Ausschluss wegen der Person – sondern wegen Inkompatibilität

Der Ausschluss erfolgt nicht persönlich.
Das Regime sagt nie: „Du bist problematisch.“
Es sagt: „Dein Vorhaben ist leider nicht kompatibel mit unseren Strukturen.“

Das klingt neutral, sachlich, vernünftig.
Der Künstler wird nicht als Person disqualifiziert, sondern als administratives Risiko.
Nicht falsch – sondern nicht integrierbar.


Bürokratischer Ausschluss ist unsichtbar

Das ist der entscheidende Punkt.
Es gibt keine rote Karte, kein Hearing, kein öffentliches Urteil.

Es gibt:

  • keine Einladung
  • keinen Anruf
  • keine Rückmeldung
  • keine Förderzusage

Nur Stille.

Viele Künstler merken jahrelang nicht, dass sie längst draußen sind.
Das ist die perfekte Form der Zensur: eine, die sich nicht als Zensur zu erkennen gibt.


Typische Gründe für bürokratische Exklusion

Besonders hart trifft es Künstler, die:

  • mit realem Risiko arbeiten (physisch, rechtlich, emotional)
  • keine saubere Outcome-Story liefern können
  • sich weigern, ihre Arbeit in Diversity-, Nachhaltigkeits- oder Inklusionskategorien einzuordnen
  • zu teuer, zu langsam oder zu eigen sind
  • Prozesse statt Produkte erzeugen

Das Paradox ist offensichtlich:
Gerade die stärksten, eigenständigsten Positionen sind am wenigsten verwaltbar – und fallen deshalb zuerst durchs Raster.


Abgrenzung: Warum dieser Ausschluss der wirksamste ist

Gegen normative oder identitäre Ausgrenzung kann man protestieren.
Man kann argumentieren, Skandale auslösen, Gegenöffentlichkeit erzeugen.

Gegen den Satz „Das passt nicht in den Rahmen“ gibt es kein Mittel.
Er tarnt sich als Sachzwang.
Er wirkt unpolitisch.
Er ist unangreifbar.


Die psychologische Wirkung

Der bürokratische Ausschluss produziert keine Märtyrer.
Keine Helden.
Keine sichtbaren Opfer.

Der ausgeschlossene Künstler bleibt allein zurück – oft mit dem Gedanken:
„Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug.“

Das ist die perfideste Wirkung des Systems:
Es individualisiert ein strukturelles Problem.


Der harte Satz

Das #Kunstregime schließt nicht aus, was es verurteilt –
sondern was es nicht verwalten kann.


Fazit

Der bürokratische Ausschluss ist kein Bug.
Er ist das Betriebssystem des heutigen Kunstfeldes.

Er ist leise.
Er ist effizient.
Er ist sauber.

Und er ist absolut tödlich für alles, was wirklich lebendig ist.

Die Kunst stirbt heute nicht durch Verbot.
Sie stirbt durch Unverwaltbarkeit.

4 Kommentare zu „Der leise Tod durch Unverwaltbarkeit“

  1. das war immer schon so, vielleicht ist man jetzt etwas geschickter,. Van Goghs sah sich auch einem ganz undurchsichtigem Nebel der Meinungen ausgesetzt. Wenn die Invisibilisierung sich auflöst dreht sich alles um und es gibt kein Argument wieso der, die Künstlerin nicht genommen werden sollte!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, Gunter – der Verweis auf Van Gogh ist wichtig und legitim.
      Ja! Unsichtbarkeit, Ablehnung und ein „Nebel der Meinungen“ hat es immer gegeben. Kunstgeschichte ist voll davon, dass Anerkennung zeitversetzt erfolgt.

      Mein Punkt setzt jedoch an einer anderen Ebene an.

      Bei Van Gogh (und vielen anderen historischen Beispielen) handelte es sich um kontingente Unsichtbarkeit: widersprüchliche Geschmäcker, rivalisierende Schulen, fehlende Resonanz, Zufall, Armut.

      Das Feld war unübersichtlich, offen, konflikthaft. Genau deshalb konnte sich der Nebel irgendwann auflösen – und die Bewertung kippen.

      Was ich heute beobachte, ist etwas strukturell anderes:
      eine systematische Invisibilisierung durch Verwaltbarkeit.

      Der Unterschied ist ausschlaggebend:

      • Früher wusste niemand genau, warum jemand nicht genommen wurde.
      • Heute weiß das System sehr genau, wen es nicht nehmen kann – ohne es je auszusprechen.

      Es geht nicht mehr primär um Meinung, Geschmack oder Irrtum, sondern um Kompatibilität:
      Passt ein Werk in Förderlogiken?
      Ist es vermittelbar, absicherbar, erklärbar?
      Lässt es sich institutionell verantworten?

      Wenn Invisibilisierung heute „kippt“, dann fast ausschließlich bei Arbeiten, die nachträglich kompatibel gemacht werden können. Sie werden also erklärbar, rahmbar, diskursfähig. Genau darin liegt die neue Grenze.

      Dein Satz

      „Wenn die Invisibilisierung sich auflöst, gibt es kein Argument, warum der Künstler nicht genommen werden sollte“

      trifft historisch zu –
      gilt aber nur dort, wo das System noch offen genug ist, sich korrigieren zu lassen.

      Meine These ist:
      Das heutige #Kunstregime reduziert genau diese Offenheit. Es produziert keine klaren Fehlurteile mehr, sondern saubere Nicht-Entscheidungen. Und gegen die lässt sich später kaum noch „umdrehen“, weil sie nie als Irrtum sichtbar waren.

      Gerade deshalb ist dein Einwand wichtig. Er markiert den Punkt, an dem sich entscheidet, ob wir noch von Geschichte oder bereits von Verwaltung sprechen.

      Danke dafür! Das schärft die Debatte.

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    1. Ja. Gott sei Dank.
      Und genau darin liegt unser gemeinsamer Punkt.

      Kunst ist ihrem Wesen nach unverwaltbar.
      Meine Diagnose setzt dem nichts entgegen – > sie setzt davor an.

      Nicht die Kunst selbst wird verwaltbar gemacht,
      sondern der Zugang zu Sichtbarkeit, Förderung, Ausstellung und Kanonisierung.

      Das #Kunstregime versucht nicht, Kunst zu beherrschen.
      Es versucht, sie vorzusortieren.

      Was nicht verwaltbar erscheint,
      wird gar nicht erst eingelassen.

      Unverwaltbarkeit bleibt also bestehen –
      aber sie wird an den Rand gedrängt, privatisiert, verzögert, vereinzelt.

      Dass Kunst sich diesem Zugriff letztlich entzieht,
      ist kein Gegenargument,
      sondern der letzte Beweis ihrer Notwendigkeit.

      In diesem Sinn gilt:
      Unverwaltbarkeit ist kein historischer Zustand,
      sondern eine ständig neu zu erkämpfende Eigenschaft.

      Und genau dieser Kampf wird für den Künstler zunehmend schwerer.
      Entweder er passt sich an –
      oder er wird ignoriert, unsichtbar gemacht, weggedrückt.

      Die Kunst im #Kunstregime muss deshalb nicht schlecht sein.
      Aber sie ist angepasst.
      Und sie ist, bei aller Professionalität, letztlich tot:

      Nicht, weil sie verboten würde,
      sondern weil sie gar nicht mehr wagt.

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