Erfolg im #Kunstregime

Über Auswahlkriterien, Kompatibilität und den stillen Ausschluss des Lebendigen

Die Frage, warum bestimmte Künstler sichtbar werden und andere verschwinden, wird im Kunstbetrieb meist mit Verweis auf Qualität, Zeitgeist oder individuelle Leistung beantwortet. Diese Erklärungen greifen zu kurz. Wer das gegenwärtige Kunstfeld nüchtern betrachtet, erkennt: Erfolg ist heute weniger eine Frage ästhetischer Stärke als eine Frage struktureller Kompatibilität.

Das, was ich als #Kunstregime bezeichne, funktioniert nicht repressiv. Es verbietet kaum noch etwas offen. Stattdessen operiert es über Auswahlmechanismen, die leise, effizient und weitgehend unsichtbar sind. Kunst wird nicht zensiert – sie wird gefiltert.

Auswahl statt Urteil

Im Zentrum steht kein ästhetisches Urteil, sondern eine Verwaltungslogik. Gefördert, ausgestellt und kanonisiert wird, was anschlussfähig ist: an Diskurse, an Institutionen, an moralische Erwartungshorizonte und an bürokratische Verfahren. Das Regime fragt nicht: Ist das Werk notwendig?
Es fragt: Ist es erklärbar? Ist es vermittelbar? Ist es risikolos?

Daraus ergeben sich klare, wenn auch selten offen benannte Auswahlkriterien.

Die impliziten Erfolgskriterien

Erfolgreiche Kunst im #Kunstregime erfüllt in der Regel mehrere der folgenden Bedingungen:

  1. Diskursive Anschlussfähigkeit
    Werke müssen sich eindeutig an bestehende Diskurse andocken lassen. Themen wie Identität, Trauma, Erinnerung, Macht oder Ökologie sind nicht zufällig dominant. Sie garantieren Lesbarkeit und Übersetzbarkeit in kuratorische Sprache.
  2. Moralische Unbedenklichkeit
    Kunst darf irritieren, aber nicht verstören. Ambivalenz wird akzeptiert, solange sie pädagogisch gerahmt ist. Affekte ohne moralische Einordnung gelten als Risiko.
  3. Institutionelle Verwaltbarkeit
    Projekte müssen planbar, dokumentierbar und rechtlich unproblematisch sein. Ein Werk, das sich nicht in Anträge, Budgets und Outcomes übersetzen lässt, fällt durchs Raster – unabhängig von seiner Qualität.
  4. Biografische Erzählbarkeit
    Auch der Künstler selbst muss kompatibel sein: mit einer klaren Geschichte, einer konsistenten Position, einer erklärbaren Entwicklung. Brüche, Schweigen oder private Mythologien stören.
  5. Selbstregulation
    Der wirksamste Mechanismus ist die vorauseilende Anpassung. Künstler lernen, was erwartet wird, und produzieren entsprechend – nicht aus Überzeugung, sondern aus rationalem Kalkül.

Diese Kriterien werden selten ausgesprochen. Gerade deshalb sind sie so effektiv.

Gegenbeweis – Karl-Heinz Steindor „Mutter“ (2007), Acryl auf Leinwand

Was dabei verloren geht

Was durch dieses System systematisch ausgeschlossen wird, ist nicht das Skandalöse, sondern das Unverwaltbare: Werke, die zu privat sind, zu widersprüchlich, zu körperlich, zu still oder zu existenziell. Kunst, die nicht erklärt werden will. Kunst, die keine Haltung „liefert“, sondern Erfahrung.

Ein Beispiel dafür ist das Gemälde „Mutter“ von Karl-Heinz Steindor. Nicht, weil es „gegen“ etwas gerichtet wäre, sondern weil es sich jeder Übersetzung entzieht. Das Bild trägt keine Botschaft, sondern eine Lebensspur. Auf seiner Rückseite befindet sich ein handschriftliche Text. Kein Statement, sondern eine Erinnerung. Keine Kontextualisierung, keine Absicherung, kein Diskurs.

Aus Sicht des #Kunstregimes wäre ein solches Werk heute problematisch:
zu privat,
zu wenig vermittelbar,
nicht projektfähig,
nicht anschlussfähig.

Aus Sicht der Kunst ist genau das seine Stärke.

Fazit

Das #Kunstregime scheitert nicht an bösem Willen. Es scheitert an seiner eigenen Effizienz. Es bevorzugt das Planbare, das Erklärbare, das moralisch Abgesicherte – und erzeugt so ein Feld hoher Konformität bei geringer ästhetischer Zumutung.

Kunst stirbt in diesem System nicht durch Verbot.
Sie stirbt durch Auswahl.

Und dort, wo Werke trotzdem entstehen, die sich dieser Logik entziehen, wird sichtbar, was auf dem Spiel steht: nicht Relevanz, nicht Haltung, nicht Diskurs – sondern Lebendigkeit.

Wenn Kunst heute noch eine Aufgabe hat, dann vielleicht diese:
sich nicht erfolgreich zu machen.

2 Kommentare zu „Erfolg im #Kunstregime“

  1. schönes, interessantes Bild !

    aber auch das Bild hat einen Zeitstempel

    die Zeit der „jungen Wilden“

    und die waren von einem auf den anderen Tag aus allen Programmen gestrichen

    Freunde erzählen Galeristen riefen nicht mehr zurück, alle Ausstellungen gestrichen

    von einem auf e

    den anderen Tag unverkäuflich,

    und das, bis heute !

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    1. Ja!
      Genau dieser Hinweis von dir ist wesentlich.
      Er schärft die Debatte an der empfindlichsten Stelle.

      Du beschreibst hier kein Randphänomen, sondern den Normalfall.
      Der Zeitstempel ist real. Und er wirkt brutal.

      Die „Jungen Wilden“ waren nicht falsch, nicht schwach, nicht schlechter geworden.
      Sie waren plötzlich nicht mehr kompatibel.

      Nicht widerlegt…
      ersetzt.

      Was du schilderst:
      Galeristen rufen nicht mehr zurück,
      Ausstellungen werden gestrichen,
      Arbeiten gelten über Nacht als „unverkäuflich“, ist das Lehrbuchbeispiel für bürokratischen Ausschluss durch Zeitlogik.

      Es wird nicht moralisch begründet.
      Es wird nicht ästhetisch diskutiert.
      Sondern still vollzogen.

      Von einem auf den anderen Tag.

      Das ist wichtig:
      Der Ausschluss erfolgt ohne Urteil, ohne Skandal, ohne Gegenthese.
      Einfach durch Abschaltung von Aufmerksamkeit.

      Und genau hier zeigt sich, warum meine Diagnose nicht gegen die Geschichte, sondern aus ihr heraus argumentiert:

      • Auch früher war Kunst unverwaltbar
      • Auch früher gab es Moden, Brüche, Machtverschiebungen

      Aber:

      Heute ist dieser Mechanismus professionalisiert, beschleunigt und entpersonalisiert.

      Was früher als „Stilwechsel“ erschien,
      läuft heute als systemische Umschaltung:

      • Programme werden neu codiert
      • Förderlogiken neu justiert
      • Sichtbarkeit neu verteilt

      Und wer nicht in den neuen Takt passt,
      verschwindet, ohne Widerspruchsmöglichkeit.

      Der entscheidende Punkt ist daher nicht,
      dass Kunst immer wieder aus dem Kanon fällt –
      sondern wie geräuschlos, total und endgültig das heute geschieht.

      Dass du sagst:

      „und das, bis heute!“

      ist der härteste Satz in deinem Kommentar.

      Denn er zeigt:
      Der Ausschluss ist nicht temporär,
      nicht zyklisch,
      nicht heilbar.

      Er wird archiviert als Vergangenheit.

      In diesem Sinn hast du vollkommen recht:
      Jedes Bild trägt einen Zeitstempel.

      Aber neu ist:
      Der Zeitstempel ist heute ein Ausschlusskriterium.

      Und eben das macht das #Kunstregime so wirksam und so tödlich für alles, was nicht rechtzeitig mitwechselt.

      Die Kunst ist tot. Mausetot.

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