Editorischer Kommentar – Spuren

Als unmittelbare Reaktion auf eine These sind meine Gedichte Spuren entstanden.
Eine These, die in seltener Klarheit formuliert wurde:

„Das Kunstwerk darf weder seine Warenförmigkeit bestreiten, noch in ihr aufgehen.“

Der daraus resultierende „Zwist“ sei unstillbar, und genau darin liege die Szene der Kunst.

Dieser Gedanke ist konsequent – und radikal. Er entlastet das Kunstwerk ebenso wie den Menschen, der es hervorbringt. Denn wenn der Konflikt unstillbar ist, muss niemand ihn austragen. Er wird zur Struktur, nicht zur Handlung.

Entsprechend wird der Künstler in dieser Argumentation systematisch entkernt.
„Das Kunstwerk ist ein Werk der Kunst und nicht zuerst ein Werk des Künstlers.“
Mehr noch: Es gebe „Kunst, jedoch keinen Künstler“. Der „Macher fällt weg“.
Sollte sich dennoch ein Künstler zeigen, dann allenfalls als Sonderfall: als jemand, der selbst „ein Werk der Kunst“ ist – nicht als verantwortlicher Urheber, sondern als Objekt.

Diese Verschiebung verlagert Relevanz vom Handeln zur Erscheinung, von der Entscheidung zur Funktion.
Der Künstler darf bleiben – als Gnadenrest –, aber nur als Epiphänomen der Kunst, nicht als Instanz, die steht, spricht oder haftet.

Besonders aufschlussreich ist dabei der Vorwurf der „Asymmetrie“.
Der Künstler, so heißt es, mache sich relevant, indem er Bedingungen stelle: indem er definiere, „was sprechbar, zeigbar, vorführbar oder mitteilbar ist“. Genau das wird ihm zum Vorwurf. Bedingungen gelten als illegitim, Sichtbarkeit als Machtausübung.

Die hier versammelten Gedichte setzen genau an diesem Punkt an.

Denn was hier als problematische Asymmetrie bezeichnet wird, ist nichts anderes als Verantwortung. Bedingungen zu setzen heißt nicht, Macht zu akkumulieren, sondern sich festzulegen. Wer sagt, was gilt, kann daran gemessen werden. Wer nichts setzt, entzieht sich jeder Kritik.

Auch der Begriff der „Verschämungsstruktur“ moderner Kunst ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Die Forderung, der Verächter müsse sich „unkenntlich machen“, erhebt Unsichtbarkeit zur Tugend. Sichtbarkeit wird obszön, Haltung verdächtig. Das Resultat ist eine Kultur des Rückzugs: Zuschauer statt Beteiligte, Lauernde statt Handelnde, Performanz statt Entscheidung.

Es ist die systematische Aufgabe jeder Verantwortung für das eigene Tun oder Lassen.

Die Gedichte unter dem Titel Spuren beschreiben genau diese Landschaft.
Eine Welt, in der alle dabei sind, aber niemand zuständig ist.
In der Kunst funktioniert – aber folgenlos.
In der niemand Bedingungen stellt, weil niemand die Konsequenzen tragen will.

Die wiederholte Behauptung, Kunst funktioniere „ganz ohne Künstler“, wird hier nicht bestritten, sondern zu Ende gedacht. Ja: Kunst mag ohne Künstler funktionieren. Aber sie funktioniert dann wie ein System ohne Haftung. Sie produziert Formen, Diskurse, Ereignisse – aber keine Verantwortung.

Auch die Forderung nach einer „eigenen Heiligkeit der Kunst“, die zurückzugewinnen sei, bleibt leer, solange sie nicht mit Risiko verbunden ist. Heiligkeit ohne Opfer ist Dekoration. Sakralität ohne Einsatz ist Pose. Wo sich jeder „unkenntlich macht“, bleibt Reinheit – aber kein Gewicht. Die Konsequenz ist eine kulturelle Säuberung des öffentlichen Raums.

Der Titel Spuren ist wörtlich gemeint.
Spuren entstehen nicht durch Prozesse, nicht durch Strukturen, nicht durch Diskurse.
Sie entstehen, weil jemand gegangen ist.
Weil jemand Gewicht hatte.
Weil jemand sichtbar war.

Diese Gedichte verteidigen keinen Künstlerkult.
Sie reklamieren kein Genie.
Sie bestehen auf etwas Vorherigem:

dass Kunst ohne den Mut zur Sichtbarkeit,
ohne das Setzen von Bedingungen,
ohne die Bereitschaft zur Asymmetrie
nicht heilig, sondern bedeutungslos wird.

Es mag Kunst ohne Künstler geben.
Aber sie hinterlässt dann auch nichts.

Diese Texte bestehen darauf,
dass wenigstens Spuren bleiben.

3 Kommentare zu „Editorischer Kommentar – Spuren“

  1. so interessant deine Ausführungen als Theorie sind

    sie werden schwach wenn sie Beründungen von Werken, Gedichten Bildern werden.

    Theorie als Selbstbeschreibung ist etwas völlig anderes als die Beschreibung eines

    Werkes.

    beide unterliegen völlig unterschiedliche Kriterien!

    schöne Zeit

    Günter

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    1. Lieber Günter,

      vielleicht ist dir die Entstehungsgeschichte der Gedichte auf X am 23.12.2025 entgangen. Spuren sind keine nachträgliche theoretische Selbstbeschreibung eines Werks, sondern eine unmittelbare poetische Reaktion auf einen konkreten kunsttheoretischen Diskurs – inklusive meiner dort formulierten Antworten.

      Die Theorie steht hier also nicht erklärend über den Gedichten, sondern war Auslöser und Reibungsfläche ihres Entstehens. Genau diesen Zusammenhang habe ich offengelegt, um Transparenz herzustellen, nicht um das Werk zu begründen oder zu legitimieren.

      Du hast natürlich recht: Theorie und Werk unterliegen unterschiedlichen Kriterien.
      Aber sie sind nicht notwendig voneinander zu trennen – vor allem dann nicht, wenn ein Werk explizit als Antwort auf eine Theorie entsteht. In diesem Fall beschreibt die Theorie nicht das Gedicht, sondern den Konflikt, aus dem es hervorgegangen ist.

      Ob die Gedichte selbst tragen, müssen sie selbstverständlich ohne Theorie tun.
      Der Kommentar beansprucht nichts anderes, als ihren Ort im Diskurs kenntlich zu machen.

      Schöne Zeit
      Nikita

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  2. Entstehungskontext

    Die Gedichte Spuren sind als unmittelbare Reaktion auf einen öffentlichen kunsttheoretischen Dialog am 23.12.2025 auf X entstanden. Ausgangspunkt waren u. a. Thesen von Klaus Kusanowsky (@QuirinPoulsen), in denen Kunst als „Szene eines unstillbaren Konflikts“ beschrieben wird, der ohne den Künstler auskomme, ja dessen „Macher“ entbehrlich sei.

    Der hier formulierte Kommentar nimmt auf diese Positionen Bezug, ohne sie zu paraphrasieren oder zu reproduzieren. Entscheidend ist nicht der Wortlaut der Thesen, sondern ihre Konsequenz – und genau diese wird in den Gedichten verhandelt.

    Kernzitat:

    „In Wirklichkeit aber gibt es Kunst, jedoch keinen Künstler.“

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