Selbstverständnis

Ich schreibe nicht, um zu belehren, zu trösten oder zu mobilisieren.
Ich schreibe, um festzuhalten, was sichtbar bleibt, wenn das Getöse nachlässt.

Meine letzten Texte waren von Anklage, Verdichtung und Widerstand geprägt. Sie reagierten auf Überhitzung, auf ideologische Erstarrung, auf den Verlust von Maß und Verantwortung. Die aktuellen Gedichte entstehen aus einer anderen Haltung heraus. Nicht aus Wut, sondern aus Distanz. Nicht aus Verzweiflung, sondern aus Klarheit.

Ich glaube nicht an große Erzählungen, die sich selbst rechtfertigen. Ich glaube an Beobachtung. An Genauigkeit. An Sprache, die nicht eskaliert, sondern benennt. An Bilder, die wirken, weil sie nicht überladen sind. Ich glaube an die inneren Bilder, die beim Leser oder Zuhörer entstehen.

Mich interessieren weniger Positionen als Haltungen. Weniger Meinungen als Routinen. Weniger das Spektakuläre als das, was übrig bleibt, wenn alles gesagt ist. Dort, im Alltäglichen, im Banalen, im scheinbar Nebensächlichen, zeigt sich oft mehr Wahrheit als in jedem Manifest.

Ich verteidige keinen Künstlerkult, wohl aber den Respekt gegenüber dem Künstler als Schöpfer. Das Genie gilt heute als Störfaktor. Ich halte dagegen, jedes ernsthafte Werk setzt Verantwortung voraus: für das Gesagte, für das Gezeigte, für die eigene Sichtbarkeit. Kunst ohne Risiko mag funktionieren – sie hinterlässt jedoch keine Spuren.

Meine Texte sind keine Antworten. Sie sind Notate. Projektionen, Zustandserfassung, ungeglättet, ohne Moral. Ich lade nicht ein, mir zu folgen, sondern hinzusehen.

Wenn dabei etwas bleibt, dann nicht Gewissheit, sondern Perlen.
Und vielleicht eine Spur Gewissheit.

Ein Gedanke zu “Selbstverständnis”

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