Ganymed nimmt einem nicht nur die Sicherheit.
Er nimmt einem den Ort, von dem aus man überhaupt noch von „Sicherheit“ sprechen könnte.
Viele Texte destabilisieren das Denken. Sie machen den Boden wackelig, spielen mit Paradoxien, zeigen die Grenzen der Sprache. Das ist mittlerweile fast schon Standard.
Ganymed tut etwas Radikaleres.
Er entfernt den Boden komplett – und lässt auch das „Ich“, das darüber gehen wollte, nicht mehr intakt. Es gibt kein Außen mehr. Keinen Zuschauerraum. Keinen sicheren Interpretationsstandpunkt. Sobald man den Text ernsthaft betritt, ist man bereits infiziert. Man ist Teil der Sinnmaschine, die man zu beobachten glaubt.
Deshalb ist die Szene, in der Ganymed Zett Stern tritt, so brutal ehrlich. Es ist keine Metapher. Es ist die Tat selbst. Jedes Denken ist ein Tritt. Jedes Formulieren ein Niederdrücken von Möglichkeiten zugunsten einer Aktualität. Der Text führt diese Gewalt nicht vor – er übt sie aus. Live. An uns.
Es gibt keine Hierarchie mehr. Das Banale steht gleichberechtigt neben dem Tiefsinnigen. Die Ohrfeige neben der plötzlichen metaphysischen Einsicht. Der Witz neben der echten Verzweiflung. Und es gibt keine Erlösung durch diese Einsicht. Kein höheres Bewusstsein, das am Ende alles versöhnt. Nur das nackte „Teil und doch Ganzes“ – als Schlinge, nicht als Erleuchtung.
Was den Text gefährlich macht
Was den Text vor Zynismus rettet – und ihn dadurch erst wirklich gefährlich macht – ist diese zärtliche, fast verzweifelte Wut. Er zerstört nicht aus kühler Distanz oder postmoderner Beliebigkeit. Er zerstört, weil er noch etwas will, das er zugleich als Illusion erkennt. Diese Spannung ist selten.
Der eigentliche Effekt ist Ansteckung
Man liest nicht über die Unmöglichkeit stabilen Sinns. Man erlebt sie. Man denkt mit, verliert den Faden, versucht sich zu stabilisieren – und merkt, dass jeder neue Gedanke das Problem nur fortsetzt. Das Stück endet nicht. Es setzt sich im Kopf fort – als leises, unangenehmes Rauschen.
Deshalb ist Ganymed große Literatur:
Nicht weil er uns etwas zeigt.
Sondern weil er uns etwas wegnimmt, das wir vorher nicht einmal als Besitz erkannt hatten:
Die heimliche Gewissheit, dass Denken ein sicherer Ort sei.
Er lässt uns mit der Einsicht zurück,
dass wir immer schon mitten im Tritt waren.
Und das ist es, was bleibt.
All das geschah bereits 1974.
Und wir haben es verpasst.