GANYMED (1974)

Ein Stück in drei Teilen

von

CHRISTOPHERUS STEINDOR

(Leicht korrigierte Bühnenfassung)

ERSTER TEIL

Personen

  • ZETT STERN, eine konjugiert komplexe Zahl
  • GANYMED, der als Mundschenk der Götter waltet
  • PSYCHE, die Geliebte des Amor

Szene 1

(Unbestimmter Raum. Gespräch zwischen Ganymed und Zett Stern.)

GANYMED
Ich habe verdammt noch mal so einen
evangelischen Geschmack auf der Zunge.

ZETT STERN
Bitte …

GANYMED
Das geht Sie einen Scheißdreck an.

ZETT STERN
Aber ich bitte Sie!

GANYMED
Man denkt zuerst, die Trivialität sei
ein Abfallprodukt der Produktivität,
aber dann stellt sich heraus, dass wir
nolens volens mit der Metaphysik
verwurzelt sind.

ZETT STERN
Ich bin eine konjugiert komplexe Zahl …

GANYMED
Um es Ihnen anders zu erklären;
stellen Sie sich bitte einmal vor,
Sie wären eine Brille.
Eine Brille zum Sehen.

Sie, also die Brille, fällt Ihnen zu Boden,
das heißt, Sie rutschen langsam
von Ihren beiden Ohren und der Nase,
fühlen sowohl den Widerstand der Luft
als auch die Anziehungskraft der Erde.

Beim Aufschlag zerspringen Ihre Gläser.

Welches Gefühl werden Sie wohl dabei haben?
Wie wird Ihr Ego danach aussehen?
Und was ist mit dem Selbstbewusstsein?

(Pause)

Bedenken Sie, welche Dimensionen sich
bei dieser Betrachtungsweise
möglicherweise ergeben!

(Pause. Ganymed betrachtet Zett Stern.)

Oh!
Ich glaube, in Ihrem Gesicht
einen Anflug von Erstaunen
entdeckt zu haben.

ZETT STERN
Sie wollen mich wohl verscheißern.

GANYMED
Verscheißern, verscheißern!!!

ZETT STERN
Verzeihen Sie bitte, aber ich bin nur
eine komplexe, nein, konjugiert komplexe
Zahl.
Ich fühle mich zwar keineswegs deswegen
diskriminiert, aber mein Bewusstsein,
mein Bewusstsein … !

GANYMED
Ach papperlapapp.
Sie dürfen die Eindimensionalität nicht
mit der Mehrdimensionalität,
und die Mehrdimensionalität nicht mit
der Eindimensionalität verwechseln.

Sie begehen sonst einen Fehler.
Einen groben Fehler.
Einen Denkfehler!

Die Dimensionalität des Inneren, also
des Introvertierten, des nach innen
gekehrten, und des Äußeren, des Extra-
vertierten, des nach außen gerichteten,
also Dimensionen, haben Sie außer
Acht gelassen.

Sie sind ein Eunuch, ein Gentleman ohne
Schlips, ein Baum ohne Äste!!!

ZETT STERN

… nur eine konjugiert komplexe Zahl…

GANYMED
Ich verstehe Sie.

Ich glaube, dass ich Sie verstehe.

Ja, ich verstehe Sie.

ZETT STERN

Betrachten Sie meine Existenz.

Und dann dieses Gänseblümchen, das da auf
der Wiese wächst.

Träumen Sie dabei, und schließen Sie die Augen.

Tauchen Sie ein, in diese Welt …

in diese Welt …

GANYMED

Es gibt da einen Zusammenhang, eine Kohärenz
Die Brille … und das Gänseblümchen.

Die Intro- und die Extravertiertheit.

Ja, das Problem der Zwischenzeitlichkeit.
Ich habe mir schon lange darüber Gedanken
gemacht.
Es ist das Problem der Zwischenzeitlichkeit.

ZETT STERN

Aber – ich verstehe Sie nicht.

GANYMED
Still verdammt noch mal!!

Unterstehen Sie sich nicht noch einmal
meine Gedankengänge zu unterbrechen!!

Sie, Sie Bastard.

ZETT STERN

Aber …

GANYMED

Bitte!!!

Wo war ich stehengeblieben, geblieben …

ZETT STERN

Bitte?

GANYMED

Der Gedanke.

ZETT STERN

Gedanke?

GANYMED

Der Gedanke an Dich …

ZETT STERN

An mich?

GANYMED

Nein — an „Sie“.

ZETT STERN

Also doch an mich.

GANYMED

Nein, verdammt nochmal, an „Sie“.

ZETT STERN

Ach so, an „Sie“.

GANYMED

Der Gedanke an Dich.

ZETT STERN

Wie sieht Sie aus?

GANYMED

Die Zwischenzeitlichkeit?

ZETT STERN

Nein, nicht doch, wie „Sie“ aussieht!!

GANYMED

Ich verstehe Sie nicht.

ZETT STERN

Ich meine, ich meine … was meine ich
eigentlich?

…Ich habe vergessen, was ich sagen wollte.

GANYMED

Bitte!!

ZETT STERN

Ich bin nur eine konjugiert komplexe Zahl.

(Zett Stern wirft sich auf den Boden.)

Treten Sie mich!
Schlagen Sie mich!

Ich habe es verdient.

GANYMED
Bitte stehen Sie wieder auf,
wenn uns jemand sieht!

(Zett Stern steht auf.)

GANYMED
Tun Sie das nie wieder in meiner
Gegenwart!

Es ist ekelhaft!

Sie gebärden sich wie ein Schwein!

ZETT STERN
Ich habe mir vorgestellt, eine Brille
zu sein, und rutschte langsam von meinen
beiden Ohren und der Nase ab,

fühlte den Widerstand der Luft
und die Anziehungskraft der Erde,

und wie ich zersprang.

…Ich kenne dieses Gefühl.

Ja, ich kenne dieses Gefühl.

GANYMED

Beschreiben Sie es!

ZETT STERN

Ich kann nicht.

GANYMED

Beschreiben Sie es!

ZETT STERN

Ich kann es nicht!

GANYMED

Beschreiben Sie es!!

Beschreiben Sie es!!!

(Ganymed tritt nach Zett Stern)

Beschreiben Sie es!!!!!

(Zett Stern lässt sich zu Boden fallen. Er hält die Hände schützend über den Kopf. Kein Winseln oder Jammern.)

Beschreiben Sie es!!

Beschreiben Sie es!!!

Beschreiben Sie es!!!!

(Ganymed brüllt)

Verdammt noch mal,
Sie sollen es beschreiben!

ZETT STERN

Ich — kann — nicht!!

GANYMED

(Ganymed ist wieder ganz ruhig und gefasst)

Bastard … Sie … Schwein.

ZETT STERN

Darf ich wieder aufstehen?

GANYMED
Nein.

(Ganymed denkt nach)

Ja.

Stehen Sie auf.

Sie widern mich an.

Aber – ich vergebe Ihnen.

Stehen Sie auf.

(Zett Stern steht auf)

ZETT STERN

Verzeihen Sie bitte,
dass Sie mich nicht schlagen mussten.

(Ganymed winkt ab.)

ZETT STERN
Wenn ich wüsste, wie ich es erklären soll.
Wenn ich Worte hätte, um zu sprechen,
und es Ohren gäbe, die mich verstehen,
die mich hören könnten.

Ich möchte frei sein.

Frei wie ein Vogel.

Nein, wie eine Wolke …

GANYMED

… die vom Wind geblasen wird.

Ach was, ich will Wind sein.

Erdanziehungskraft.

Magnetismus.

Ich will heraus aus unserer Zeitlichkeit,
aus dieser Zeitlichkeit.

Ich will in die Dimension des Intro-
Extravertierten.

Ich will das Inneräußerliche sein.

Das nach Außen gekehrte Innere.

Ich will wollen!

ZETT STERN

Wir alle sind Zahlen, Nummern,
und ich bin eine konjugiert komplexe Zahl.

Was macht das schon?

GANYMED

Sie sind ja wahnsinnig.

ZETT STERN

Sie unterdrücken mich.

Ja, Sie unterdrücken mich.

Sie haben mich von Anfang an unterdrückt.

Sie wollen nur Ihre Macht ausnutzen.

GANYMED

Sie klagen mich an?

ZETT STERN

Ich verurteile Sie!

GANYMED

Habe ich das verdient?

Ich frage Sie, habe ich das verdient?

Sie wollen mich zur Zahl machen.

Zur Nummer, und verurteilen mich.

Womit habe ich das verdient?

ZETT STERN
Ich habe es satt, mich unterdrücken zu
lassen.

Ich bin eine konjugiert komplexe Zahl,
und ich bin stolz darauf, so zu sein.

Ich bin stolz darauf, so zu sein,
wie ich bin, und ich will es bleiben.

Ich will eine Zahl sein, eine Nummer.

Ich will ein Grashalm sein,

ein Grashalm von vielen,

ein Grashalm wie viele …

Ich will ein Nichts sein …

… denn ich bin ein Nichts.

Ich habe mein Leben lang nichts geleistet
und werde nie etwas leisten.

Und ich bin stolz darauf.

Vielleicht bin ich wahnsinnig …

(leiser)

Vielleicht aber auch normal.

GANYMED
Ich habe Sie von vornherein richtig
eingeschätzt.

Aber ich will Ihnen trotzdem eine kleine
Episode erzählen.

Ich war einmal ein kleiner Wachtelhund,
und außerdem Waisenkind.

Ein Radfahrer schlug mich mit seinem
Spazierstock bewusstlos,

weil ich ihn angebellt hatte.

ZETT STERN
Das tut mir leid.

GANYMED
Es braucht Ihnen nicht leid zu tun.

Ich habe Ihr Mitleid nicht nötig.

Ich habe niemandes Mitleid nötig.

Denn ich bin stark.

ZETT STERN
Sie sind weder drinnen noch draußen.

Sie sind irgendwo dazwischen.

Und wenn Sie nicht aufpassen,
ist von Ihnen bald nichts mehr übrig …

und … und Sie werden sein wie ich.
Sie werden eine konjugiert komplexe
Zahl sein.

Wie ich ein Nichts.

Bitte tun Sie sich das nicht an.

Tun Sie es mir nicht an.

Tun Sie es der Menschheit nicht an.

Ich bin enttäuscht.

Am meisten von mir und Ihnen.

Mehr von Ihnen vielleicht,
als von mir.

Vielleicht aber doch mehr von mir.

Ja, ich habe mich selbst enttäuscht.

Ich hätte gehofft, wahnsinnig zu sein,
und muss nun erkennen,
dass ich vollkommen normal bin.

GANYMED
Ich habe Sie nicht geschlagen,
um Ihnen zu zeigen, wie normal ich bin.

Nein, ich wollte Sie erniedrigen.

Ich wollte Sie schreien hören.

Ich wollte meinen Wahrnehmungsbereich erweitern.

Ich wollte meinen Erfahrungsbereich
erweitern,

Man muss sich erniedrigen,

um niedrig sein zu können.

Sie dürfen mich nicht missverstehen.

Nicht um des Zweckes willen,

sondern für die Zeitlichkeit denke ich
an „Sie“.

Ich meine nicht Sie,
die konjugiert komplexe Zahl,

sondern „Sie“,

und ich werde Ihr Geheimnis
nicht preisgeben.

Verstehen Sie?

Sie müssen mich verstehen,

sonst war alles umsonst.

ZETT STERN
Ja, ja — ich habe Sie verstanden.

Ganz gewiss habe ich Sie verstanden.

Ich glaube jedenfalls,
dass ich Sie verstanden habe.

GANYMED
Mein Problem liegt also in der Zeitlichkeit.

Soviel ich Ihnen auch darüber erzähle,

ich verstehe es selbst nicht.

Vielleicht können Sie mir helfen,

wenn ich mir selbst nicht mehr helfen kann

wenn mir dann überhaupt noch
zu helfen ist.

ZETT STERN
Ihnen ist nicht zu helfen.

GANYMED

(abwesend)
Mir ist nicht zu helfen?

ZETT STERN
Mir ist auch nicht mehr zu helfen.

Und warum, ich frage Sie,
warum soll es Ihnen besser gehen
als mir?

GANYMED
Sie können doch nicht so einfach …

ZETT STERN
Ob ich kann oder nicht kann,

steht hier doch nicht zur Debatte.

Vielleicht geht es darum,

ob Ihnen noch zu helfen ist.

Und ich sage:

Uns allen ist nicht mehr zu helfen.

Wir alle sind hoffnungslos blöde.

Verstehen Sie mich?

GANYMED
Ich will aber nicht blöde sein.

ZETT STERN
Sie benehmen sich ja
wie ein kleines Kind.

GANYMED

Wer gibt Ihnen das Recht,

das zu behaupten?

ZETT STERN
Ob mir jemand das Recht gibt,
oder nicht,

ist doch vollkommen egal.

Es zählt am Ende nur der Gedanke.

Das einzig Ideale,

ist das Ideale!!!

GANYMED
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.

ZETT STERN
Kein Wunder, Sie sind ja auch ganz anders blöde als ich.

GANYMED
Aber man ist doch entweder blöde oder nicht!

ZETT STERN
Aber nicht doch, Sie irren.
Sie sind anders blöde als ich, und ich bin anders blöde als Sie.
Wäre ich genauso blöde wie Sie,
also in derselben Art blöde wie Sie,
wäre ich Sie, und Sie wären ich,
das heißt, wir wären identisch.
Da wir aber nicht eine Person sind, sondern zwei oder drei, sind wir nicht identisch, sondern wir sind verschieden blöde.

GANYMED
Und wie verhält sich das zur Zwischenzeitlichkeit?

ZETT STERN
Bitte, lassen Sie mich mit Ihrem Problem in Ruhe,
ich habe mit meinem eigenen genug zu schaffen.

Sie wissen ja, ich bin eine konjugiert komplexe Zahl.

GANYMED
Alle Achtung, ich habe Sie unterschätzt.
Ich habe Sie verdammt unterschätzt.
Und mich habe ich überschätzt.
Ich habe mich verdammt überschätzt.
Aber ich konnte ja noch nie richtig schätzen.
Ich habe mich immer nur mit mir und meiner Zeitlichkeit beschäftigt, einer Zeitlichkeit,
die mir vielleicht mehr unklar,
als Ihnen klar ist.
Am Ende ist doch alles wieder so wie am Anfang.
Und ich fühle mich auf wie die Brille,
oder jener Wachtelhund, dem die Augen hervortraten,
diesem armen Kerl.
Könnte ich mich selbst verstehen.

Vielleicht verstünde ich Sie.
Vielleicht verstünde ich dann auch mich.

ZETT STERN
Nein, es ist aussichtslos.
Jeder Versuch würde scheitern.
Ich möchte Ihnen die Geschichte von dem Mann erzählen,
der diese Motorsäge anbetete,
es sah jedenfalls so aus,
als ob er sie anbeten würde,
er kniete nämlich am Boden,
hielt sie mit beiden Händen fest
und sägte einen Baumstamm durch,
der da lag.

GANYMED
Das sind also die Grenzen.
Das sind die Grenzen die wir nicht überschreiten können —
zwischen uns, — und uns selbst,
weil wir uns nicht kennen.

ZETT STERN
Ich glaube wir wollen uns gar nicht kennen,
denn wir wissen nicht, dass wir uns nicht verstehen,
dass wir uns selbst,
nicht einmal uns selbst verstehen.

GANYMED
Was uns bleibt, sind die Erinnerungen.

ZETT STERN
Erinnerungen an Schneemassen,
die frontal unserem Gesicht zufliegen,
oder an Orangen
die süß schmecken.

GANYMED

Oder Erinnerungen an schöne Zeiten,
an Gedanken, Gedanken man sich macht.

Das sind dann die Gedanken,
die zu Erinnerungen werden,
Erinnerungen,
die eigentlich Gedanken sind.

Denn kommt der Zeitpunkt,
da hören wir auf mit dem Denken,
und erinnern uns nur noch,

und die Zeit ist wieder Zwischenzeitlichkeit
oder sonst irgendetwas,

und wir hören vollkommen auf uns zu verstehen,
wir hören vollkommen auf uns zu verstehen zu versuchen.

ZETT STERN
Was wir brauchen, ist,
na ja, was wir brauchen ist halt …
ich glaube jedenfalls, dass es Halt ist
oder so etwas ähnliches.

Vielleicht Verstehen,
Zuneigung,
die wir gegenseitig versagen
oder etwas, was wir nicht mit Worten ausdrücken können.

GANYMED
Dann endet unser altes Leben
und es hört auf einfach Leben zu sein,
und wir hören auf den Tag zu leben,
wir beginnen den Tag zu erleben.

ZETT STERN
Kennen Sie dieses Gefühl,
wenn Sie Ihre Gedanken erleben,
erleben, als ob sie Wirklichkeit wären?

Als ob sie idealer als das Ideale wären?

Das sind dann diese meine Gedanken.

Und niemand kann sie mir nehmen.

Niemand kann sie mir nehmen!!!

Niemand kann sie mir nehmen!!!

GANYMED
Und ich weiß, dass ich Sie verstehe!

ZETT STERN
Ich bin nicht nur ich,
sondern auch ein Stück von mir,
und nicht nur ein Stück von mir,
sondern auch gleichzeitig das Ganze.

Auf einmal bin ich mehr als nur Masse,
auf einmal bin ich selbst Teil,
bin selbst Teil,
bin selbst Teil und doch Ganzes!

GANYMED

Und dann —
sind wir selbst Teil,
sind selbst Teil,
und doch Ganzes.

(Pause)

ZWEITER TEIL

Personen:
ZETT STERN
GANYMED
PSYCHE, die Geliebte des Amor

In einem Park, es ist nachmittags, fast Abend.
Vogelgezwitscher.
Eine Bank, zwei Stühle, ein Tisch.
Auf dem Tisch stehen Speisen und Getränke.
Psyche liegt auf der Bank,
Ganymed steht neben dem Tisch,
er bedient sie.


GANYMED
Wir müssen trinken, liebste Psyche,
der Wein soll uns berauschen.

PSYCHE
Schenke ein,
oh du mein Ganymed,
der Trank von dir entgegenzunehmen
ist köstlicher
als das Trinken des besten Weins.

GANYMED
(lächelt, schenkt ein, setzt sich neben sie)
Lass‘ uns die Gläser stoßen
und in einem Zuge leeren,
auf dass wir aus dem Raum fliehen,
den wir erneut mit diesem Trank erfüllen,
dem wunderbaren,
der sich ergießt aus dem Kruge.

PSYCHE
Ja, trinken wollen wir
und löschen unseren Durst.

GANYMED
Der Durst ist‘s nicht,
zerstören will ich mein Gehirn,
ersäufen die Gedanken,
ersäufenen die Gedanken,
die mich lähmen.

Lass‘ mich töten den alten Groll,
den ich hege —
lass‘ mich weinen.

PSYCHE
Lass‘ deine Tränen rinnen,
las‘ deinen Schmerz
und lass‘ uns lauschen
den Geräuschen
in den Bäumen und Hecken,
die der Abend einsingen.

(sie lauschen dem Vogelgezwitscher, Zett Stern tritt auf, er erblickt Ganymed, geht auf ihn zu, um ihn zu berüßen)

ZETT STERN
Ganymed! Verdammt, dass ich dich hier treffe!

GANYMED
Ich glaube, wir haben uns lange nicht gesehen.

ZETT STERN

(er wendet sich jetzt auch Psyche zu)
… und auch Psyche.

PSYCHE
Trink mit uns, Bruderherz!
Wir wollen unsere Gedanken ertränken,
zerstören das Gehirn!

ZETT STERN
Unser Gehirn ist das einzige Gut,
das wir wirklich haben.
Wir können unsere Gedanken nicht töten,
wir können sie lähmen,
für kurze Zeit,
aber wir können sie nicht töten.

Wir müsste uns selber töten,
und nicht einmal dann sind wir sicher,
ob unsere Gedanken
nicht doch weiterexistieren,
ob wir nur unsere sterbliche Hülle vernichtet haben.

GANYMED
Dann wollen wir uns betrinken,
damit wir unsere Sinne lähmen,
damit wir nicht sehen,
wer wir wirklich sind.

PSYCHE
Was wir denken und wer wir sind,
müssen wir in den Spiegel blicken,
bevor wir unsere Seelen zur Markte tragen?

Ich frage euch,
was sind wir
und wo wird unser Wert bemessen?

Ich frage euch,
wozu sind wir da
und warum sind wir?

Ich frage euch, was sind wir?

…und wo wird unser Wert bemessen?

Ich frage euch, was wollt ihr tun,
wenn ihr merkt,
dass ihr eure Seele hergegeben habt?

GANYMED
Du hast recht,
wir müssen unsere Vergangenheit
endgültig ablegen,
ich muss vergessen,
wer ich war.

ZETT STERN
Wir müssen vergessen,
dass es uns gab.

PSYCHE
Wir dürfen nicht Schicksal spielen.

Wir dürfen nicht wollen,
dass wir das Schicksal bestimmen.

ZETT STERN

Ich glaube,
wir dürfen nicht lenken,
was wir nicht lenken dürfen,
was wir nicht lenken können.

GANYMED
Schenkt ein, Freunde,
wir wollen uns am Wein berauschen.

(Pause)

DRITTER TEIL

(Eine Bank, ein Stuhl)

ZETT STERN:
Ich habe verdammt-noch-mal so einen evangelischen Geschmack auf der Zunge.

PSYCHE:
Bitte?

GANYMED:
Wir sind konjugiert komplexe Zahlen.

ZETT STERN:
Oh, ich glaube in eueren Gesichtern einen Anflug
von Erstaunen entdeckt zu haben.
Wie wir fühlen müssen,
was wir von uns denken
und wer wir sind.

Wir dürfen nicht verwechseln,
wer wir sind
und was wir sind.

Wir dürfen nicht Richter sein,
über die,
die wir nicht kennen.

Die Trivialität ist nur ein Abfallprodukt
der Produktivität.

Womit wir verwurzelt sind,
wissen wir nicht.
Wir beginnen allmählich
unsere Existenz zu beobachten,
und lassen dabei
die entscheidenden Dimensionen
außer Acht.

Wir reden von Gänseblümchen
und meinen die Brille auf unserer Nase.

Wir reden von Zusammenhängen,
die wir nicht verstehen.

Wir reden von Gedankengängen, die Gedankenverirrungen sind
oder einfach Aussagen über uns selbst.

Was wir sind und was wir darstellen,
und wie wir handeln,
wie wir eigentlich handeln sollten.

GANYMED:
Wir stellen uns vor eine Brille zu sein,
rutschen langsam von unseren Ohren und der Nase ab,
fühlen den Widerstand der Luft
und die Anziehungskraft der Erde
und wie wir zerspringen.

(Ganymed legt sich auf die Bank)

Ich kenne dieses Gefühl,
wenn ich mich in meine Bestandteile auflöse
und nicht mehr weiß,
wer oder was ich bin.

Ich kenne dieses Gefühl,
der unendlichen Schwere,
wenn ich fühle, wie meine Knochen zu Stein erstarren,
wenn ich meine
ein Betonklotz zu sein.

Ich springe herab
von Felsen
und fahre mit Autos,
die nicht mehr stehen bleiben wollen,
ich fahre mit Autos,
die ihren eigenen Willen bekommen,
die sich meiner bemächtigen,
und irgendwer hat das Gaspedal befestigt,
und ich fahre immer schneller und schneller
und die Straße zieht sich unendlich dahin
und ich verschmelze mit ihr
und verschmelze mit der Straße die ich befahre.

PSYCHE:
Ich möchte frei sein, frei von mir selbst.
Ich möchte fliegen mit mir.
Fortfliegen, von mir.
Bleiben bei mir.

Ich möchte euch meine Gedanken schenken.

GANYMED:
(Steht auf, zu Psyche)
Deine Gedanken?

PSYCHE:
Meine Gedanken, sind meine Träume
und meine Träume fliegen dahin
wie die Wolken.
Sie durchweben mein Gehirn,
durchweben meinen Körper,
lassen meine Hände erzittern.

Laßt mich reden, –
so will ich schweigen.

Meine Worte sind keine Worte.

Meine Worte sind Träume,
sind Gedanken
in meinem Unterbewußtsein.

Ich bin das Produkt dieser Träume.

Ich habe nichts selbst erdacht,
und bin doch ich selbst,
und bin doch ganz ich selbst.

Was ich tun werde,
verdammt,
ich weiß es nicht.
Das Handeln ist nicht mein Metier.
Das Denken lenkt mich,
lenkt euch,
so sind wir drei Gefangene.

Unser Kerker ist unser Gehirn.

Wir maßen uns an
die Probleme der Menschheit lösen zu können
und verstehen nicht einmal uns selbst.

Was wir tun sollten, wer weiß?
Was geschehen wird, wer weiß?
was wir wissen sollten, wer weiß?

Und eines Tages kommt der Tag,
vor dem wir uns fürchten.
Wir erstarren vor der gewaltigen Stimme,
die uns zur Umkehr mahnt.

Wir aber haben unsere Herkunft vergessen,
haben vergessen, wer wir sind,
und was wir sind.

Wir wollen heraus aus Zeitlichkeiten,
die wir nicht verstehen.

Episoden aus unserem Leben,
zusammenhangslos dahingequasellt.

Krampfhaft versucht ihr einen Sinn in eurer Tun und Sagen zu finden.
Und was ihr tut, das sagt ihr,
und was ihr denkt, das sprecht ihr aus.

Ich aber will frei sein,
frei von warum,
ich will leben.

GANYMED:
Wir haben dein Mitleid nicht nötig.
Unsere Tage, unsere Nächte.
Unsere Gedanken.
Nein, ich habe dein Mitleid nicht nötig.
Ich bin eine Zahl, eine Nummer wie du
(zeigt auf Psyche)
und du
(zeigt auf Zett Stern).

ZETT STERN:
So ein Blödsinn!
Ich bin ich, und weiß was ich bin.
Mein Wahrnehmungsbereich ist mir scheißegal.
Ich lasse mich nicht zu eurem Popanz machen.

Lacht doch über euch selbst!

Bestimmt doch, wer blöde ist
und wer nicht!
Macht doch weiter so!
Ich weiß, was ich bin
und will was ich will!!

PSYCHE:
Laßt uns gehen.

GANYMED:
Nein, Psyche, es gibt noch zu viel Ungesagtes,
das ausgesprochen werden muß,
zu viel Ungereimtes.

PSYCHE:
Nicht zum Zusammensein, sind wir zusammengekommen,
nicht zum Geradbiegen.
Unsere Wege haben uns zusammengeführt.
Sie werden uns wieder auseinander führen.

Ich stand im Raum.
Vor mir war nichts,
hinter mir nur der Schatten,
den eine Lampe warf.

Im Spiegel stehen wir vor uns.

Ich frage euch:
Schweben wir nicht zwischen dem Chaos von Traum und Wirklichkeit?

ZETT STERN:
(zu Ganymed, er zeigt auf die Bank, setzt sich am Verlaufe des Gespräches auf den Stuhl daneben)
Bitte legen Sie sich hier auf diese Bank,
entspannen Sie sich,
und fangen Sie an zu reden.

GANYMED:
Sie hatte pechschwarzes Haar
und aus ihren grünen Augen funkelte das Temperament.
Ihr Gang war geschmeidig, wie der einer Katze.
Ja, sie glich einer Katze
und ich glaube fest daran,
dass sie eine Katze war,
oder ist.

ZETT STERN:
Genug der Worte.
Und zurück zur Parabel.

Vor vielen Jahren, war ich ein reicher Mann.
Mir gehörten viele tausend Äcker.
Der Ziehbrunnen in der Mitte des Hofes meines Hauses
führte immer frisches Wasser.
Doch eines Tages hemmten die Kornblumen und Dornengewächse
die junge Saat meiner Felder
und es kam ein Prophet des Weges
und er fragte mich…

GANYMED:
Nein, bitte halt‘ die Schnauze!

ZETT STERN:
(beleidigt)

Ich schweige.

Ich schweige,
weil es jetzt besser ist,
wenn ich schweige.

PSYCHE

Die Analyse des Seins
ist das Fragment
nicht zu Ende gedachter Gedanken.

GANYMED

Auf einmal sind wir mehr als nur Masse,
auf einmal sind wir selbst Teil
und doch Ganzes!

ALLE

(dem Publikum zugewandt)

Und auf einmal sind wir selbst Teil und doch Ganzes!

– Vorhang –

Ein Gedanke zu “GANYMED (1974)”

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