Zur Inszenierung der Uraufführung von Ganymed (1977)

Die Uraufführung von Ganymed folgte keiner illustrativen Inszenierung. Der Text sollte nicht erklärt, bebildert oder stabilisiert werden; er sollte in seiner eigenen Bewegung sichtbar gemacht werden – in seiner Unruhe, seiner Selbstreferenz und seiner Brüchigkeit.

Den Auftakt bildete der Beginn von Celestial Ocean (1972) der Band Brainticket. Die kosmisch-psychedelische Klangfläche löste das Publikum aus dem Alltäglichen heraus und öffnete einen Denkraum, in dem sich das Stück entfalten konnte. Das war nicht als bloße Einstimmung gedacht, sondern als Verschiebung der Wahrnehmung – man hört das Stimmen von Instrumenten.

Zu Beginn des zweiten Teils wurde – entsprechend der veränderten Szenerie – ein Kontrast gesetzt: der Anfang der Pastorale aus der 6. Symphonie von Ludwig van Beethoven, ergänzt durch Vogelgezwitscher vom Band. Für einen Moment entstand eine beinahe friedliche, naturnahe Stimmung. Doch diese Idylle hielt nicht. Sie erwies sich schnell als Oberfläche, die von der Unruhe der Szene unterlaufen wurde. Harmonie erschien hier nicht als Gegenpol, sondern als kurze Täuschung. Das Bühnenbild dieser Idylle wirkte zugleich wie „vermüllt“.

Im dritten Teil kam als Einstimmung Musik von Carl Orff hinzu. Ihre archaische, körperliche Wucht verstärkte die Verdichtung des Geschehens, die Wiederholungen und die zunehmende Direktheit der Ansprache. Die Musik begleitete nicht – sie griff ein.

Die Schauspieler waren nicht an feste Charaktere gebunden. Sie bewegten sich frei im jeweiligen Moment, konnten dominant, kindlich, verwirrt oder unterwürfig sein. Entscheidend war jedoch, dass sie sich ständig gegenseitig beobachteten – und ebenso konsequent wieder ausblendeten. Phasen intensiver Aufmerksamkeit wechselten abrupt mit Momenten demonstrativer Ignoranz. Aussagen verhallten, wurden übergangen oder bewusst unterlaufen.

Auch die Dominanzverhältnisse blieben instabil: Wer im einen Moment das Geschehen bestimmte, konnte im nächsten marginalisiert oder lächerlich gemacht werden. Diese permanenten Verschiebungen erzeugten eine unruhige, nie fixierbare Dynamik, in der keine Position dauerhaft Bestand hatte und sich der Spannungsbogen nicht aus Handlung, sondern aus diesen Wechseln speiste.

Der große Monolog der Psyche im dritten Teil setzte einen deutlichen Kontrapunkt. Die Darstellerin sprach ihn ruhig, fast entrückt, in einem getragenen, beinahe schwebenden Ton. Für einen Moment entstand so etwas wie innere Weite – eine kurze Entlastung innerhalb der sich verdichtenden Bewegung, ohne dass sich etwas wirklich löste.

Die Unterbrechungen und Korrekturen im dritten Teil wurden so gesprochen, als wären sie Regieanweisungen:

„ZETT STERN:
Genug der Worte.“

„GANYMED:
Nein, bitte halt’ die Schnauze!“

Dadurch wurde die Gemachtheit des Geschehens sichtbar. Das Stück zeigte sich nicht als fertige Form, sondern als etwas, das sich im Moment selbst kommentiert und wieder in Frage stellt.

Insgesamt verzichtete die Inszenierung – den Dialogen folgend – auf geschlossene Handlung und klare Charakterführung. Stattdessen entstand ein Raum, in dem Sprache, Denken und Wahrnehmung in ihrer Instabilität erfahrbar wurden. Die Dramaturgie lag nicht in der Handlung, sondern in der Bewegung des Sinns – in seinem Entstehen, seinem Kippen und seinem Zerfall.

In den Rollen spielten:
Dietmar Dahmen als Zett Stern
Wolfgang Zerbe als Ganymed
Carola Finke als Psyche

Die Uraufführung von Ganymed folgte keiner illustrativen Inszenierung. Der Text sollte nicht erklärt oer bebildert oder stabilisiert werden; er sollte in seiner eigenen Bewegung sichtbar gemacht werden – in seiner Unruhe, seiner Selbstreferenz und seiner Brüchigkeit.

Die Inszenierung endete nicht mit dem Stück – sie setzte sich im Publikum fort.
Was auf der Bühne an Instabilität sichtbar wurde, ließ sich danach nicht mehr vollständig verlassen.

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