Das Zärtliche im Ganymed ist schwer zu fassen, weil es nicht dort liegt, wo man es normalerweise erwarten würde. Es erscheint nicht als Harmonie, nicht als Liebe, nicht als Trost. Und gerade deshalb wirkt es so stark. Denn unter der ganzen Gewalt, der Überforderung, dem Schwafeln und der epistemischen Verwirrung bleibt im Stück etwas bestehen, das nie ganz verschwindet: der verzweifelte Wunsch, den anderen zu erreichen.
Das Erschütternde an Ganymed ist, dass die Figuren einander nicht loslassen können. Sie scheitern permanent am Verstehen, verletzen sich, reden aneinander vorbei, demütigen sich, verlieren sich in Fragmenten und Wiederholungen und suchen trotzdem weiter Kontakt. Darin liegt das Zärtliche. Nicht im Gelingen der Nähe, sondern in ihrer hartnäckigen Suche.
Wenn Ganymed immer wieder sagt: „Ich verstehe Sie. Ich glaube, dass ich Sie verstehe“, dann ist das nicht bloß Ironie oder rhetorische Pose. Hinter diesen Sätzen liegt ein echter Impuls. Das Stück zeigt Menschen, die ahnen, dass sie den anderen niemals vollständig erreichen können und die es trotzdem immer wieder versuchen. Gerade die Wiederholung macht diese Sätze so bewegend. Sie klingen nicht souverän. Sie klingen verzweifelt. Das Verstehenwollen wird zu einer Form der Hilflosigkeit. Und Hilflosigkeit besitzt hier eine eigentümliche Zärtlichkeit.
Deshalb ist die Gewalt im Ganymed auch so verstörend. Sie erscheint nicht einfach als Gegensatz zur Nähe, sondern oft als deren misslungene Form. Wenn Ganymed schreit: „Beschreiben Sie es!“, dann steckt darin nicht nur Aggression, sondern auch der verzweifelte Wunsch, dass der andere endlich wirklich antwortet, endlich wirklich erreichbar wird. Die Gewalt entsteht aus dem Scheitern des Kontakts. Das macht sie so unangenehm nah. Das Stück zeigt keine sadistische Distanz, sondern eine verwirrte, überforderte Form von Beziehung.
Besonders deutlich wird das im Motiv der Brille. Die Vorstellung des langsamen Abrutschens, Fallens und Zerspringens ist nicht nur ein epistemisches Bild, sondern auch ein Bild menschlicher Verletzbarkeit. Als Zett Stern leise sagt: „Ich kenne dieses Gefühl“, entsteht für einen Moment etwas wie gemeinsame Erfahrung. Keine Lösung, keine Erkenntnis, keine Erlösung aber ein kurzer Kontakt über die geteilte Fragilität hinweg. Vielleicht ist das überhaupt die einzige Nähe, die Ganymed zulässt: nicht Übereinstimmung, sondern das gemeinsame Wissen um die eigene Zerbrechlichkeit.
Gerade deshalb wirkt das Stück trotz aller Fragmentierung nie kalt. Viele experimentelle Texte bleiben abstrakt oder theoretisch. Ganymed nicht. Unter den Sprachschleifen, den Narrativfragmenten und den philosophischen Überdehnungen liegt ein emotionaler Unterstrom aus Sehnsucht, Scham, Bedürftigkeit und Angst vor Isolation. Die Figuren sind einander ausgeliefert. Sie können nicht wirklich miteinander sprechen aber sie können auch nicht aufhören, es zu versuchen.
Hierin liegt die tiefste Wahrheit des Stücks. Das Zärtliche erscheint hier nicht als Auflösung der Gewalt, sondern als ihr Ursprung. Die Figuren greifen nach dem anderen, weil sie die Trennung nicht aushalten. Sie wollen Kontakt herstellen, obwohl ihnen die Mittel dafür fehlen. So entsteht diese eigentümliche Mischung aus Brutalität und Verletzlichkeit, aus Übergriff und Nähe.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Ganymed bis heute nachwirkt. Denn unter allen Episoden, unter aller epistemischen Überforderung und unter der ganzen fragmentierten Sinnproduktion bleibt etwas zutiefst Menschliches sichtbar: der Wunsch, nicht allein im eigenen Bewusstsein eingeschlossen zu bleiben.
Man könnte sagen:
Keiner hört auf zu suchen.
Das ist das Zärtliche.
Nicht als Gegenteil der Gewalt.
Als ihre Ursache.
So gern man deine Gedanken lesen möchte
da Du aber alle deine Gedanken in einem Kunstwerk siehst, das Du selbst vor Jahren produziert hast
überkommt mich ein Ekel ,
so, als ob eine Speiße einfach zu süß wäre.
Wieso fehlt Dir das Gespür dafür, dass der Autor
sein Kunstwerk nicht ausschlachten sollte?
Entweder das Werk spricht das aus, was es ist,
oder man muss ein neues Kunstwerk anfertigen,
mit Interpretation ist da nichts getan!!
Peter Handke und viel der großen AutorInnen würden ähnliches sagen…
Kunst ist nicht Kriegsware die zum Ausschlachten bereit steht …
Grüße aus den Bergen
Günter
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Lieber Günter,
dein Ekel erfreut mich.
Der Ganymed macht etwas mit dir.
Das ist so gewollt.
Und doch ekelst du dich nicht vor dem Text, sondern vor dem, das vor deinen Augen geschieht und erfahrbar wird.
Vor deinen Augen wird Neues geschaffen!
Du bist nicht nur Zeuge, du bist mittendrin!
Ausschlachten würde bedeuten, einem toten Körper etwas zu entnehmen.
Aber ich wende den Ganymed an — als epistemisches Werkzeug.
Das Werk sit lebendig. Das Werk bleibt lebendig, es wird aktiviert, nicht erschöpft.
Der Ganymed ist eine Sinnmaschine.
Sinnmaschinen stellt man nicht ins Museum. Man benutzt sie.
Und: Er erzwingt Teilnahme.
Auch du, lieber Günter, bist bereits mittendrin.
Grüße aus dem Flachland
Chris
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