Günter Lierschoff hat mir das Wort hingeworfen wie einen Vorwurf: Ausschlachten. Der Autor, der sein eigenes Werk ausschlachtet.
Ich habe darüber (kurz) nachgedacht. Und ich sage spontan: Ja. Ich schlachte aus. Ich weide das lebende Werk aus. Manchmal direkt auf der Leinwand oder auf dem Papier.
Aber was bedeutet das wirklich? Ausschlachten. Ausschlachten – wortwörtlich – setzt einen toten Körper voraus. Man entnimmt ihm, was noch brauchbar ist. Was übrig bleibt, wirft man weg. Das Werk wäre dann ein Kadaver — abgeschlossen, erkaltet, verwertbar nur noch als Material.
Das ist die stille Voraussetzung des Kunstbetriebs. Das Werk endet auf der Leinwand, auf dem Blatt, im Ausstellungsraum. Es wird gerahmt, gehängt, verkauft. Es bekommt einen Preis und einen Ort und verkommt zur Dekoration.
Ich habe diese Betriebsweise früh abgelehnt. Seit fast sechzig Jahren schaffe ich, und ich habe selten ausgestellt, selten veröffentlicht, nie auf Anschlussfähigkeit geachtet. Weil mich das Werk nicht losgelassen hat. Weil es nie fertig war. Weil die Leinwand eine Station ist, kein Ziel.
Was ich tue, wenn ich den Ganymed heute als epistemisches Werkzeug einsetze, ist kein Ausschlachten. Es ist Anwenden. Das Werk lebt weiter — nicht trotz der fünfzig Jahre, die vergangen sind, sondern durch sie. Es hat sich nicht abgenutzt, weil es nie in den Betrieb eingegangen ist, der Werke trivialisiert.
Im Vorwort zur Bühnenfassung 2026 habe ich geschrieben:
Der Ganymed ist eine Sinnmaschine.
Sinnmaschinen stellt man nicht ins Museum. Man lässt sie laufen.
Und das ist der eigentliche Unterschied:
Wer ein Werk besitzt, konserviert es.
Wer ein Werk geschaffen hat, denkt mit ihm weiter.
Günters Ekel war war der Beweis. Das Werk hat ihn erreicht. Es hat etwas mit ihm gemacht. Das ist keine Ausschlachtung — das ist der Beweis, dass die Maschine funktioniert.

Korsika 1974 — KI-Bild — Künstlerkollektiv KHCH