KI versteht nicht – und erzeugt dennoch Anschluss

Eine der überraschenden Einsichten meiner Arbeit an Ganymed betrifft Künstliche Intelligenz. Ausgangspunkt war eigentlich keine Theorie der KI, sondern eine Frage der Systemtheorie: Unter welchen Bedingungen wird die Operation von Sinn beobachtbar?

Die Analyse des 1974/75 entstandenen Theatersrücks Ganymed führt dabei zu einer eigentümlichen Struktur. Seine Figuren erzeugen fortwährend Sinn, ohne ihn zu einem abschließenden Verständnis zu bringen. Aussagen schließen an Aussagen an, Motive kehren in veränderten Zusammenhängen wieder, Widersprüche bleiben bestehen, Möglichkeiten werden ausgewählt, ohne die nicht gewählten Möglichkeiten endgültig auszuschließen. Sinn stabilisiert sich gerade dadurch, dass er weitergeführt wird.

Hier wird der Vergleich mit heutigen Large Language Models interessant.

Auch ein Sprachmodell erzeugt sprachliche Anschlüsse, indem es aus möglichen Fortsetzungen selektiert. Jeder erzeugte Text wird wiederum zur Voraussetzung der nächsten Operation. Kohärenz entsteht damit nicht notwendig durch Verstehen, sondern durch rekursive Anschlussfähigkeit. Das Ganymed-Paper verdichtet diese strukturelle Gemeinsamkeit auf die Formel:

Continuation instead of Understanding.

Daraus folgt eine bemerkenswerte Unterscheidung:

Die Fortsetzung von Sinn setzt nicht notwendig dessen Verstehen voraus.

Ganymed hatte diese Struktur literarisch bereits fünfzig Jahre vor ihrer technischen Realisierung erfahrbar gemacht.

Damit ist Ganymed selbstverständlich keine frühe „KI“. Der Vergleich ist ausdrücklich eine strukturelle Analogie. Gerade die Unterschiede sind erkenntnistheoretisch wichtig.

Ein Large Language Model kann Widersprüche fortführen, frühere Aussagen wieder aufnehmen und Sinnzusammenhänge erzeugen. Aber es beobachtet sich nicht im Sinne eines psychischen Systems. Vor allem erzeugt es für sich selbst keine epistemische Erfahrung.

Erst der menschliche Nutzer macht den erzeugten Text epistemisch relevant.

Bei Ganymed dagegen wird der Zuschauer selbst in die Sinnproduktion hineingezogen: Er erlebt, dass seine Versuche, das Geschehen zu stabilisieren und abschließend zu verstehen, immer wieder scheitern.

Hierin liegt die Konsequenz für unser Verständnis von KI:

Nicht die KI allein bildet eine epistemische Umgebung. Entscheidend ist die Konstellation aus rekursiver Sinnproduktion und Beobachter.

Damit verschiebt sich auch die übliche Frage an KI. Sie lautet nicht zuerst:

Versteht eine KI, was sie sagt?

Sondern:

Was geschieht mit unserem eigenen Beobachten, wenn wir mit einem System interagieren, das Sinn fortsetzen kann, ohne ihn verstehen zu müssen?

Dann wird KI selbst zu einem Instrument der Selbstbeobachtung.

Und zwar nicht, weil sie uns sagt, was Sinn ist – sondern weil an ihr sichtbar wird, wie viel von dem, was wir gewöhnlich für Verstehen halten, bereits durch Selektion, Rekursion, Anschluss und Fortsetzung stabilisiert werden kann.

An diesem Punkt begegnen sich experimentelles Theater von 1974 und die Sprachmodelle der Gegenwart.

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