Beobachtbarkeit ist keine Eigenschaft eines Gegenstandes allein. Sie entsteht aus dem Verhältnis zwischen dem, was beobachtet werden kann, und einem Beobachter, der dazu in der Lage ist.
Damit verschiebt sich die Frage. Es genügt eben nicht, Bedingungen zu bestimmen, unter denen Sinn beobachtbar wird. Ebenso müssen die Bedingungen bestimmt werden, die der Beobachter erfüllen muss.
Ganymed macht auch diese zweite Seite der Beobachtung sichtbar.
Zunächst scheinen die Beobachter leicht identifizierbar. Ganymed, Zett Stern und Psyche beobachten einander und sich selbst. Sie beschreiben, unterscheiden, widersprechen, korrigieren und versuchen fortwährend, ihre Wahrnehmungen zu stabilisieren. Doch keine dieser Beobachterpositionen bleibt bestehen. Ganymed sagt zunächst: „Ich verstehe Sie.“ Später muss er feststellen, dass er selbst nicht versteht, was er zu beschreiben versucht. Schließlich liegt die Grenze nicht mehr nur zwischen den Figuren, sondern auch innerhalb ihrer Selbstbeobachtung: „zwischen uns, — und uns selbst, weil wir uns nicht kennen.“
Damit zeigt das Stück eine erste Bedingung des Beobachters:
Er muss die Begrenztheit seiner eigenen Beobachtung beobachten können.
Der Beobachter verfügt über keinen neutralen Standort außerhalb des Sinns. Er beobachtet mit Unterscheidungen, und jede dieser Unterscheidungen erzeugt Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit zugleich. Was er erkennt, hängt davon ab, wie er unterscheidet.
An dieser Stelle tritt der externe Beobachter in die Versuchsanordnung ein.
Der geneigte Leser oder Zuschauer glaubt zunächst, gegenüber den Figuren im Vorteil zu sein. Er erkennt ihre Missverständnisse, ihre Widersprüche und die Instabilität ihrer Aussagen. Er beobachtet Beobachter und nimmt damit eine Position zweiter Ordnung ein.
Doch Ganymed destabilisiert auch diese Position.
Wer das Stück verstehen will, beginnt selbst, Kohärenz herzustellen. Er ordnet Aussagen Figuren zu, konstruiert Identitäten, verbindet Wiederholungen miteinander und sucht nach einer Handlung. Er versucht, Widersprüche aufzulösen und aus Fragmenten ein Ganzes zu bilden.
Damit tut der Beobachter genau das, was er beobachtet:
Er produziert Sinn.
Das Stück verweigert ihm jedoch die dauerhafte Stabilisierung dieser Sinnproduktion. Aussagen wechseln ihre Sprecher, Identitäten verschieben sich, frühere Motive erscheinen in neuen Zusammenhängen. Jede erreichte Ordnung bleibt vorläufig. Darin liegt die epistemische Funktion des Stückes: Es legt die Herstellung von Sinn offen.
Der Gegenstand der Beobachtung hat sich damit verändert. Beobachtet wird nicht mehr nur Ganymed.
Beobachtbar wird der Beobachter bei seiner eigenen Produktion von Sinn.
Ein epistemisch geeigneter Beobachter muss deshalb vier Bedingungen erfüllen: Er muss unterscheiden können, ohne seine Unterscheidungen mit der Wirklichkeit gleichzusetzen; Widersprüche und Paradoxien aufrechterhalten können, ohne sie sofort aufzulösen; die eigene Herstellung von Kohärenz erkennen; und seine Beobachtung selbst wieder zum Gegenstand weiterer Beobachtung machen.
Die zentrale Bedingung lautet damit: Reflexivität.
Reflexivität bedeutet hier nicht bloße Selbstreflexion. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigenen Beobachtungsoperationen als Operationen zu erkennen. Der Beobachter sieht nicht nur etwas. Er erkennt, dass sein Sehen durch Selektionen zustande kommt und dass jede Selektion andere Möglichkeiten ausschließt.
Deshalb ist der Schluss von Ganymed epistemisch entscheidend. Ganymed, Zett Stern und Psyche wenden sich dem Publikum zu und sagen:
„Und auf einmal sind wir selbst Teil und doch Ganzes!“
Damit fällt die letzte vermeintlich sichere Unterscheidung: hier das beobachtete Geschehen, dort der Beobachter.
Der Beobachter steht nicht außerhalb des Sinnraums. Er gehört zu den Bedingungen, unter denen dieser Sinnraum entsteht.
Darin liegt die eigentliche Leistung von Ganymed. Das Stück stellt dem Beobachter keinen fertigen Sinn zur Verfügung. Es zwingt ihn, Sinn zu produzieren, destabilisiert diese Produktion und macht dadurch ihre Mechanismen sichtbar.
Ganymed macht Sinn beobachtbar, indem es den Beobachter bei der Erzeugung von Sinn beobachtbar macht.
Damit ist auch die Bedingung an den Beobachter bestimmt: Beobachten kann, wer nicht nur Unterschiede erkennt, sondern die eigene Unterscheidung als Teil dessen mitbeobachtet, was sichtbar wird.
Starker Tobak. Ich weiß.