Wenn die KI das Offene schließt

Über künstlerische Mehrdeutigkeit, generative Plausibilität und die Sehnsucht nach einem guten Ende

Was geschieht mit künstlerischer Mehrdeutigkeit, wenn generative Systeme bevorzugt solche Ergebnisse hervorbringen, die psychologisch plausibel, emotional verständlich und narrativ geschlossen sind?

Ein Gedicht und seine Verwandlung

Manchmal reichen wenige Worte aus, um einen Möglichkeitsraum zu eröffnen.

Vor einiger Zeit schrieb ich ein kurzes Gedicht im Rahmen des Gedichtzyklus „Kurokoshou“:

Wie gerne
wäre ich
ein
geliebter Mensch
gewesen
hätte ich
nicht
immerzu
Gott
und
die Welt
vor den Kopf
gestoßen

Der Text ist denkbar einfach. Keine Interpunktion, keine Erklärung, keine Auflösung. Nur eine Feststellung im Konjunktiv, deren Bedeutung keineswegs eindeutig ist.

Was soll das? Ist es eine Selbstanklage? Ein Ausdruck von Bedauern? Eine ironische Betrachtung der eigenen Unangepasstheit? Oder die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Anerkennung möglicherweise einen Preis verlangt, den man nicht bezahlen wollte?

Der Text beantwortet diese Fragen nicht. Er lässt sie zu.

Ich übergab das Gedicht dem KI-System ElevenLabs. Ohne weitere Anweisungen, ohne dramaturgische Vorgaben, ohne Aufforderung, eine bestimmte Interpretation zu entwickeln.

Das Ergebnis war überraschend.

ElevenLabs produzierte ein vollständiges Lied. Mit instrumentaler Einleitung, Strophen, Refrain, emotionaler Steigerung und einem versöhnlichen Schluss. Musikalisch durchaus ansprechend, atmosphärisch stimmig und von einer bemerkenswerten Geschlossenheit.

Allerdings hatte sich nicht nur die Form verändert.

Auch die Bedeutung war eine andere geworden.

Aus Unbestimmtheit wird Psychologie

Das ursprüngliche Gedicht sagt nichts darüber aus, warum das lyrische Ich seine Mitmenschen vor den Kopf gestoßen hat.

Die KI hingegen entwickelte eine psychologische Erklärung:

Ich sprach zu schnell, zu hart, zu kalt
und nannte das Verstand.

Später wird von Angst, Flucht, Stolz und verletzter Nähe erzählt.

Damit erhält das Verhalten des lyrischen Ichs eine Ursache. Der Mensch, der andere irritiert oder verletzt, wird zu jemandem, der aus emotionaler Unsicherheit handelt.

Diese Interpretation ist durchaus möglich. Aber sie ist keineswegs zwingend. Außerdem stammt sie nicht von mir.

Ebenso gut könnte der ursprüngliche Text von einem Menschen stammen, der sich gerade deshalb unbeliebt gemacht hat, weil er unbequeme Wahrheiten ausgesprochen, Erwartungen enttäuscht oder gesellschaftliche Konventionen infrage gestellt hat.

Vielleicht war sein Verhalten verletzend. Vielleicht war es notwendig. Vielleicht beides.

Die KI entscheidet sich für eine psychologisch vertraute Lesart.

Sie verwandelt einen offenen Widerspruch in eine erklärbare persönliche Geschichte.

Die Sehnsucht nach narrativer Geschlossenheit

Noch deutlicher wird die Veränderung am Ende des Liedes.

Während das Gedicht ohne jede Aussicht auf Versöhnung endet, lässt ElevenLabs das lyrische Ich zu einer neuen Einsicht gelangen:

Doch vielleicht beginnt das heute
mit dem, was ich gestehe.

Aus dem Rückblick auf ein möglicherweise verfehltes Leben wird eine Geschichte persönlicher Entwicklung.

Der Konflikt erhält einen Sinn. Das Scheitern wird zur Voraussetzung von Selbsterkenntnis. Die Vergangenheit erscheint als notwendiger Umweg zu einer möglichen Zukunft.

Das ist eine vertraute Erzählstruktur.

Sie begegnet uns in Literatur, Film, populärer Musik und unzähligen Geschichten des Alltags. Menschen machen Fehler, erkennen sie, bereuen und finden schließlich einen Weg zur Versöhnung.

Solche Geschichten sind emotional anschlussfähig. Sie ermöglichen Identifikation und erzeugen das Gefühl, eine Erfahrung verstanden zu haben.

Doch hier entsteht ein Problem.

Was emotional verständlich ist, muss nicht schon deshalb dem ursprünglichen Gegenstand gerecht werden.

Narrative Plausibilität ist keine Garantie für interpretatorische Angemessenheit.

Die KI als Produzentin kultureller Wahrscheinlichkeit

Generative KI erschafft ihre Ergebnisse nicht voraussetzungslos.

Sie operiert auf der Grundlage erlernter statistischer Zusammenhänge, sprachlicher Muster, kultureller Konventionen und im Training angeeigneter Darstellungsformen.

Das bedeutet nicht, dass ein System lediglich Bekanntes reproduziert. Es kann durchaus überraschende Kombinationen und neue Ausdrucksformen hervorbringen.

Aber seine Generierungen bewegen sich innerhalb erlernter Wahrscheinlichkeitsstrukturen.

Ein melancholischer Text über verpasste Liebe und verletzte Mitmenschen lässt sich offenbar gut in eine vertraute Geschichte über Schuld, Reue und Versöhnung überführen.

Das System muss dafür weder eine bewusste Absicht verfolgen noch den Text in einem menschlichen Sinne verstehen.

Es genügt, dass entsprechende narrative Verbindungen innerhalb seiner generativen Möglichkeiten naheliegen.

Das Interessante ist daher weniger, dass die KI zusätzliche Verse geschrieben hat.

Entscheidend ist, welche Art von Bedeutung sie ergänzt hat.

Aus einem Text, der verschiedene Interpretationen zulässt, entstand eine Fassung, die bestimmte Interpretationen begünstigt und andere in den Hintergrund drängt.

Die zusätzliche Erklärung erzeugt den Eindruck eines vertieften Verständnisses. Tatsächlich wird der ursprüngliche Möglichkeitsraum dadurch enger.

Wenn Plausibilität zur epistemischen Falle wird

Hier berührt das Experiment eine grundsätzliche Frage generativer KI.

Plausibilität besitzt eine eigentümliche Überzeugungskraft.

Eine Geschichte erscheint uns verständlich, weil ihre Teile zueinander passen. Ursachen erklären Handlungen. Handlungen führen zu Konsequenzen. Konsequenzen ermöglichen Einsichten.

Je geschlossener diese Zusammenhänge sind, desto leichter entsteht der Eindruck, dass wir etwas verstanden haben.

Doch Geschlossenheit kann auch täuschen.

Sie kann verdecken, welche Alternativen ausgeschlossen, welche Annahmen ergänzt und welche Widersprüche beseitigt wurden.

In diesem Sinne könnte man von einer epistemischen Schließung sprechen: Ein zunächst offener Raum möglicher Bedeutungen wird durch eine kohärente Interpretation ersetzt.

Die KI erzeugt dabei nicht unbedingt falsche Aussagen. Sie erzeugt vielmehr Zusammenhänge, deren Selbstverständlichkeit gerade deshalb problematisch sein kann, weil sie so plausibel erscheinen.

Die Gefahr liegt weniger in der offensichtlichen Unwahrheit als in der unbemerkten Verwandlung von Möglichkeiten in scheinbare Gewissheiten.

Das Kunstwerk als Widerstand gegen Eindeutigkeit

Künstlerische Mehrdeutigkeit ist nicht einfach ein Mangel an Informationen.

Sie kann vielmehr eine bewusste ästhetische Qualität darstellen.

Ein Gedicht muss nicht erklären, warum etwas geschehen ist. Ein Bild muss keine eindeutige Geschichte erzählen. Ein musikalisches Motiv muss nicht in einer versöhnlichen Auflösung enden.

Gerade die Unbestimmtheit ermöglicht unterschiedliche Zugänge.

Der Betrachter oder Leser wird nicht lediglich mit einer fertigen Bedeutung konfrontiert, sondern beteiligt sich an deren Entstehung.

Das Kunstwerk bleibt offen, weil es sich nicht vollständig in eine Erklärung übersetzen lässt.

Bei meinem Gedicht liegt diese Offenheit insbesondere in der Frage, ob das lyrische Ich tatsächlich etwas bereuen müsste.

Vielleicht hat es andere verletzt. Vielleicht hat es sich geweigert, Erwartungen zu erfüllen. Vielleicht besteht seine Tragik gerade darin, dass beides nicht voneinander zu trennen ist.

Eine solche Spannung lässt sich nicht einfach durch Selbsterkenntnis und Versöhnung auflösen, ohne den Charakter des Textes zu verändern.

Die KI hat eine mögliche Geschichte daraus gemacht.

Aber sie hat zugleich andere mögliche Geschichten verdrängt.

Von der ästhetischen Offenheit zur generativen Ordnung

Eine ähnliche Erfahrung hatte ich bereits bei einem anderen Experiment gemacht.

Ausgangspunkt war ein Readymade, das mein Bruder und ich 1972 als KH + CH Group geschaffen hatten. Eine geöffnete Zigarettenschachtel, aus der eine rote, körperlich anmutende Masse hervortritt.

Das Objekt bot verschiedene Zeichen an, ohne daraus eine eindeutige Geschichte zu bilden.

Eine generative KI verwandelte die fotografische Vorlage in eine historische Werbegrafik. Plötzlich erschienen vertraute kulturelle Zusammenhänge: Tradition, Markenidentität, historische Atmosphäre und kommerzielle Bildsprache.

Auch dort wurde eine ursprüngliche Offenheit in einen plausiblen Zusammenhang überführt.

Die beiden Experimente unterscheiden sich hinsichtlich Medium und Ausgangsmaterial. Doch sie zeigen eine verwandte Möglichkeit generativer Systeme.

Wo das Ausgangswerk Bedeutungen offenhält, kann die KI dazu tendieren, diese Offenheit durch kulturell vertraute Zusammenhänge zu besetzen.

Dabei wird nicht notwendig weniger produziert. Im Gegenteil: Die Ergebnisse sind oft umfangreicher, detailreicher und emotional wirkungsvoller als die Vorlagen.

Aber ein Zuwachs an Ausdruck bedeutet nicht zwangsläufig einen Zuwachs an Offenheit.

Generative Fülle kann mit interpretatorischer Verengung einhergehen.

Ist das ein Fehler der KI?

Nicht unbedingt.

Die Liedfassung ist keine misslungene Arbeit. Sie ist eine eigenständige Interpretation, die sich musikalischer und sprachlicher Mittel bedient, um eine emotional verständliche Geschichte zu erzählen.

Man könnte sogar sagen, dass ihre eigentliche Leistung gerade darin besteht, aus wenigen Worten einen umfangreichen, in sich stimmigen Zusammenhang entwickelt zu haben.

Das Problem entsteht erst dann, wenn diese Leistung mit einem angemessenen Verständnis des Originals gleichgesetzt wird.

Denn das Original verlangt nicht nach einer psychologischen Erklärung. Es enthält auch keine Verpflichtung, seine Widersprüche aufzulösen.

Ebenso wenig lässt sich aus einem einzelnen Experiment ableiten, dass generative KI grundsätzlich zur narrativen Schließung tendiert. Dazu müssten unterschiedliche Generierungen, Modelle und Aufgabenstellungen systematisch verglichen werden.

Was sich jedoch beobachten lässt, ist eine mögliche Form der Transformation: Das generative System ergänzt nicht nur Material, sondern verändert die Bedingungen, unter denen das Ausgangswerk verstanden werden kann.

Es schafft eine neue epistemische Umgebung.

Die produktive Differenz

Vielleicht liegt der eigentliche Wert solcher Experimente gerade nicht darin, dass die KI das Kunstwerk angemessen interpretiert.

Interessanter ist die Differenz zwischen Vorlage und Ergebnis.

Sie macht sichtbar, welche Bedeutungen das System bevorzugt, welche Zusammenhänge es ergänzt und welche Unbestimmtheiten es beseitigt.

Das generierte Lied wird damit selbst zum Untersuchungsgegenstand.

Seine musikalische Qualität steht nicht im Widerspruch zur kritischen Analyse. Im Gegenteil. Weil die Liedfassung emotional überzeugend wirkt, lässt sich an ihr beobachten, wie leicht Plausibilität die Aufmerksamkeit von alternativen Deutungen abziehen kann.

Vielleicht sollten wir generative KI deshalb nicht ausschließlich danach beurteilen, wie überzeugend ihre Ergebnisse ausfallen.

Mindestens ebenso interessant wäre die Frage, welche Möglichkeiten während der Generierung verschwinden.

Schluss: Was bleibt vom Offenen?

Die Frage lautet nicht, ob generative KI Kunst schaffen kann.

Sie kann Bilder, Texte und Musik hervorbringen, die ästhetisch beeindrucken, berühren und überraschen.

Die interessantere Frage betrifft das Verhältnis zwischen generativer Produktion und künstlerischer Unbestimmtheit.

Was geschieht, wenn ein offenes Kunstwerk auf ein System trifft, das daraus einen plausiblen Zusammenhang entwickelt?

Im Fall meines Gedichts ist aus wenigen Zeilen ein vollständiges Lied geworden. Aus einer möglichen Selbstironie („Verblendung bleibt“) wurde ein Schuldeingeständnis. Aus einer ungelösten Spannung entstand die Aussicht auf Versöhnung.

Das Ergebnis kann mir durchaus gefallen.

Aber es erzählt nicht mehr dieselbe Geschichte. Es erzählt nicht mehr meine Geschichte.

Vielleicht liegt darin die wichtigste Beobachtung:

Generative KI erweitert die Ausdrucksmöglichkeiten eines Kunstwerks, ohne zwangsläufig dessen Bedeutungsraum zu erweitern.

Und möglicherweise besteht eine der künftigen Aufgaben künstlerischer Arbeit mit KI gerade darin, diese Differenz sichtbar zu machen – statt sie durch immer vollkommenere Plausibilität verschwinden zu lassen.

Denn nicht jede offene Frage verlangt nach einer Antwort.

Und nicht jedes Kunstwerk wird besser, wenn man es versteht.

KI-generierter Song „Vor den Kopf“. Phantasie über ein Gedicht aus „Verblendung bleibt – Kurokoshou: Zeitstempel 22.30 bis 23:30, neun Gedichte“

Kommentar verfassen