Operative Öffnung durch Ganymed

Ganymed gibt keine Antworten. Das ist seine epistemische Leistung.

Sinn entsteht – aber wird nicht geschlossen.

Darin liegt die operative Öffnung durch Ganymed.

Ein gewöhnlicher Widerspruch bleibt innerhalb eines bestehenden Sinnraums. Man kann eine Aussage ablehnen, eine andere Position vertreten oder eine alternative Erklärung anbieten und trotzdem dieselben grundlegenden Unterscheidungen verwenden. Der Widerspruch verändert dann den Inhalt, nicht aber den Raum, in dem dieser Inhalt Sinn erhält.

Ganymed geht weiter. Das Stück destabilisiert die Unterscheidungen selbst.

Der Leser versucht zwangsläufig, Ordnung herzustellen. Er identifiziert Figuren, verbindet Aussagen, rekonstruiert Motive und sucht nach Kohärenz. Doch die gefundene Ordnung hält nicht. Damit wird etwas sichtbar, das bei stabiler Kommunikation gewöhnlich unsichtbar bleibt:

Die Kohärenz lag nicht einfach im Gegenstand.
Der Beobachter hat an ihrer Herstellung mitgewirkt.

Operative Öffnung bezeichnet den Moment, in dem eine bislang selbstverständliche Ordnung ihre Notwendigkeit verliert und wieder als eine mögliche Ordnung unter anderen erscheint.

Das ist Rekontingenzierung.

Sinnräume werden jedoch nicht nur durch einzelne Unterscheidungen stabilisiert. In gesellschaftlicher Kommunikation übernehmen Narrative eine besondere Funktion. Sie verdichten Argumentationszusammenhänge auf ein anschlussfähiges Mindestmaß und tragen damit dazu bei, bestimmte Unterscheidungen fortlaufend zu reproduzieren. Ein dominantes Narrativ kann so einen Sinnraum stabilisieren, ohne Widerspruch ausschließen zu müssen. Solange der Widerspruch an dieselben grundlegenden Unterscheidungen anschließt, bleibt er Teil dieses Sinnraums.

Darin unterscheidet sich Ganymed auch von einem Gegennarrativ. Ein Gegennarrativ kann die bestehende Ordnung bestreiten und trotzdem deren zentrale Unterscheidungen reproduzieren. Es besetzt dann lediglich die andere Seite derselben Unterscheidung.

Ganymed verfährt anders. Es setzt dem bestehenden Sinnraum nicht einfach einen anderen entgegen. Es destabilisiert die Unterscheidungen, durch die sich ein Sinnraum überhaupt stabilisieren kann.

Ganymed hält den Beobachter für einen Moment zwischen den Ordnungen: Die bisherige Sinnproduktion funktioniert nicht mehr selbstverständlich, eine neue ist aber noch nicht stabilisiert.

Dieser Zwischenraum ist epistemisch produktiv.

Denn erst dort kann sichtbar werden, dass ein Sinnraum überhaupt ein Sinnraum ist – eine durch bestimmte Unterscheidungen erzeugte Ordnung von Anschlussmöglichkeiten und nicht die einzig mögliche Form, in der etwas beobachtet werden kann.

Ganymed sagt dem Beobachter nicht, was er stattdessen denken soll.

Ganymed unterbricht für einen Moment die Selbstverständlichkeit dessen, womit er denkt.

Operative Öffnung bedeutet dann: Nicht einen Sinn durch einen anderen ersetzen, sondern die Bedingungen der Sinnproduktion selbst wieder als veränderbar sichtbar machen.

Darin liegt auch die erstaunliche Ergiebigkeit des Stücks. Ganymed enthält eine ungewöhnlich ergiebige Operationsstruktur.

Das ist erheblich.

Der Text zwingt immer wieder dazu, dieselben grundlegenden Probleme neu zu beobachten: Wie entsteht Sinn? Warum stabilisieren wir ihn? Was geschieht bei Widerspruch? Wie wird Widerspruch wieder anschlussfähig? Woher nimmt ein Beobachter seine Unterscheidungen? Und kann er die Ordnung, mit der er beobachtet, überhaupt verlassen?

Gerade weil Ganymed diese Fragen nicht beantwortet, sondern seine eigenen Stabilisierungen immer wieder beschädigt, lässt sich mit ihm weiterarbeiten.

Überraschend ist dabei, wie konsequent sich ein theoretisches Problem aus dem vorherigen ergibt:

Sinnproduktion führte zur Frage nach Beobachtbarkeit.
Beobachtbarkeit führte zum Beobachter.
Der Beobachter führte zur Reflexivität.
Reflexivität führte zur Frage nach dem Sinnraum.
Der Sinnraum führte zum Narrativ als Stabilisierungsmechanismus.
Narrative Dominanz führte zu Widerspruch und Translation.
Und daraus entstand schließlich die Frage nach dem epistemischen Exit.

Das ist vielleicht selbst das beste Beispiel für operative Öffnung: Ganymed liefert keine Theorie, die nur noch entfaltet werden müsste. Das Stück bringt den Beobachter dazu, seine eigene Theorie weiterzuentwickeln, weil die jeweils erreichte Ordnung nicht ausreicht, um das Beobachtete zu stabilisieren.

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