Was ein Readymade von 1972 über generative KI, Plausibilität und Möglichkeitsräume zeigt
1972 machten mein Bruder und ich gemeinsame Objekte. Wir nannten uns KH + CH Group. Ausgangspunkt waren Gegenstände des Alltags, die wir auslaufen ließen. Streichhölzer, Buntstifte, Medikamente und auch eine Packung Peter Stuyvesant. Aus der geöffneten Packung Zigaretten tritt eine rote, körperlich wirkende Form hervor und breitet sich auf der Unterlage aus.
Es wirkt wie eine blutende Schachtel, das Plasma beginnt dickflüssig zu gerinnen. Die Packung selbst liefert weitere Zeichen: Marke, Typografie, Zahlen, Weiß, Rot. Doch diese Zeichen ergeben keine eindeutige Geschichte.
Das Objekt bleibt offen.
Mehr als fünfzig Jahre später habe ich ein Foto dieser Arbeit einer generativen KI übergeben. Daraus entstand eine historische Werbegrafik: Peter Stuyvesant erscheint plötzlich als Figur aus einer vergangenen Epoche, Segelschiffe tauchen auf, Tradition, Ordnung und Qualität werden beschworen. Die rote Form wird Bestandteil einer dramatischen Werbeästhetik.

KI-generierte Transformation des Kunstobjekts „ohne Titel“ – KH + CH Group (1972). Ausgehend vom Originalbild erzeugt die KI eine fiktive historische Werbegrafik und überführt die offene Bildkonstellation in ein plausibles Narrativ von Tradition, Autorität und Qualität.
Die KI hatte das ursprüngliche Bild nicht einfach verändert.
Sie hatte es weitererzählt.
Und sie erzählte eine Geschichte, die nie existiert hatte.
Warum sieht das Falsche so richtig aus?
Man könnte das Ergebnis schnell als typische Halluzination generativer KI abtun.
Historische Zusammenhänge werden erfunden, Jahreszahlen miteinander verbunden, Bildmotive ergänzt und daraus eine Vergangenheit konstruiert, die so nie existiert hat.
Aber damit wäre vielleicht gerade das Interessanteste übersehen.
Denn das Ergebnis wirkt keineswegs zufällig.
Es besitzt eine eigentümliche Plausibilität.
Die Schrift sieht nach historischer Werbung aus. Die Farbgebung passt dazu. Segelschiff, Kaufmann oder Gouverneur, Tradition, Tabak und Qualitätsversprechen bestätigen einander. Selbst die erfundenen Werbesprüche wirken so vertraut, dass man sie beinahe für historisch halten könnte.
Die Frage lautet deshalb nicht nur:
Warum erzeugt die KI etwas Falsches?
Interessanter ist:
Warum erscheint uns dieses Falsche so plausibel?
Plausibilität und Wahrheit sind offenbar nicht dasselbe.
Ein Bild kann historisch falsch und dennoch kulturell außerordentlich anschlussfähig sein.
Stil ist mehr als eine Oberfläche
Das wurde in weiteren Experimenten noch deutlicher.
Ich ließ Bilder in unterschiedliche ästhetische Formen übertragen: Romantik, Expressionismus, japanische Tuschezeichnung, Fotorealismus, Comic und andere Stilwelten.
Zunächst könnte man meinen, der Gegenstand bleibe gleich und lediglich seine äußere Form werde verändert.
Doch genau das geschieht nicht.
Jeder Stil verändert auch, was im Bild wichtig wird.
Eine romantische Landschaft benötigt andere Beziehungen zwischen Vordergrund, Horizont, Licht und Natur als eine expressionistische Darstellung. Eine japanische Tuschezeichnung reduziert anders als ein Comic. Fotorealismus erzeugt wiederum andere Erwartungen daran, was als relevant oder glaubwürdig erscheint.
Stil ist deshalb nicht bloß Dekoration.
Er wirkt als Selektionsordnung.
Die KI übersetzt einen bereits feststehenden Gegenstand nicht einfach in verschiedene ästhetische Sprachen. Sie rekonstruiert ihn jeweils unter anderen Bedingungen der Sichtbarkeit.
Dabei wird manches verstärkt, anderes abgeschwächt, manches verschwindet vollständig und gelegentlich entsteht etwas, das im Ausgangsbild überhaupt nicht vorhanden war.
Das Bild bleibt dasselbe – und wird zugleich ein anderes.
Wenn Bilder anfangen zu driften
Besonders deutlich wurde dieser Prozess bei seriellen Transformationen.
Wenn eine neue KI-Version nicht mehr vom ursprünglichen Bild, sondern von der jeweils vorhergehenden Transformation ausging, entfernte sich die Komposition zunehmend vom Ausgangspunkt.
Zunächst waren die Veränderungen kaum auffällig.
Ein Berg rückte etwas weiter nach hinten. Eine Form wurde stärker betont. Ein Verhältnis von Vorder- und Hintergrund verschob sich.
Doch jede dieser kleinen Veränderungen wurde in der folgenden Generation zur neuen Ausgangslage.
Was zuvor Abweichung gewesen war, wurde Voraussetzung.
Und auf dieser Voraussetzung konnte die nächste Abweichung entstehen.
Nach mehreren Schritten war ein Bild entstanden, das noch immer eine erkennbare genealogische Beziehung zum Ausgangsbild besaß, ihm aber keineswegs mehr entsprach.
Die KI hatte nicht einfach Fehler akkumuliert.
Sie hatte ihre eigenen vorhergehenden Selektionen rekursiv stabilisiert.
Gerade darin liegt eine interessante Parallele zu sozialen Prozessen: Auch dort können Entscheidungen, Beschreibungen oder Interpretationen zu Voraussetzungen späterer Entscheidungen werden. Was zunächst kontingent war, erscheint irgendwann selbstverständlich, weil nachfolgende Operationen bereits darauf aufbauen.
Vom Möglichkeitsraum zur Geschichte
Das ursprüngliche Stuyvesant-Objekt von 1972 besitzt eine Eigenschaft, die für dieses Experiment besonders interessant ist.
Es hält seine Bedeutung in Schwebe.
Die einzelnen Elemente erlauben Interpretationen, ohne eine von ihnen endgültig festzuschreiben.
Die generierte Werbegrafik verhält sich anders.
Sie schließt viele dieser Möglichkeiten.
Peter Stuyvesant wird zur historischen Figur. Die Zigarettenpackung wird zum Zeichen von Tradition. Die Farbgebung erhält eine werbliche Funktion. Aus Fragmenten wird eine Geschichte.
Die KI transformiert damit Unbestimmtheit in Bestimmtheit.
Aber das ist nur die eine Seite.
Denn sobald ich mehrere Varianten erzeuge – Werbung, Expressionismus, Fotorealismus, Tuschezeichnung, Surrealismus –, öffnet sich zugleich ein neuer Möglichkeitsraum.
Das führt zu einem eigentümlichen Paradox:
Jede einzelne KI-Generation schließt Möglichkeiten, während eine Serie von Generationen neue Möglichkeiten sichtbar macht.
Vielleicht liegt gerade darin eine besondere epistemische Qualität generativer KI.
KI als epistemische Umgebung
Üblicherweise beurteilen wir KI nach ihren Ergebnissen.
Ist die Antwort richtig?
Ist der Text gut?
Ist das Bild gelungen?
Hat die Maschine verstanden, was gemeint war?
Meine Experimente legen eine andere Verwendung nahe.
Generative KI lässt sich vielleicht auch als epistemische Umgebung beobachten.
Eine epistemische Umgebung liefert nicht notwendig Erkenntnis. Sie organisiert Bedingungen, unter denen die Selektivität von Erkenntnis beobachtbar bleibt.
Das Stuyvesant-Experiment zeigt beispielsweise nicht, was die KI über das Jahr 1972 „weiß“.
Es zeigt vielmehr, welche Beziehungen sie herstellt, sobald sie mit bestimmten visuellen Zeichen konfrontiert wird.
Peter Stuyvesant.
Tabak.
Vergangenheit.
Handel.
Tradition.
Qualität.
Autorität.
Diese Verbindungen lagen nicht als fertige Geschichte im Original. Die KI erzeugt aus ihnen jedoch ein konsistentes Narrativ.
So wird etwas sichtbar, das sonst leicht verborgen bleibt: Bedeutung entsteht durch Auswahl und Anschluss.
Nicht nur Maschinen halluzinieren Geschichten
Gerade deshalb wäre es zu einfach, die Sache lediglich als KI-Problem zu behandeln.
Menschen tun etwas strukturell Ähnliches.
Wir erkennen Muster, ergänzen fehlende Zusammenhänge und ordnen Mehrdeutigkeit in bekannte Geschichten ein. Organisationen tun dies ebenfalls. Sie klassifizieren Situationen, stabilisieren Erwartungen und behandeln einmal getroffene Unterscheidungen als Voraussetzungen weiterer Entscheidungen.
Die KI macht solche Prozesse lediglich ungewöhnlich schnell und experimentell reproduzierbar.
Man kann dieselbe Ausgangslage immer wieder verändern.
Man kann beobachten, was verschwindet.
Man kann Varianten miteinander vergleichen.
Und man kann sogar verfolgen, wie sich kleine Selektionen durch Rekursion zu scheinbar selbstverständlichen Formen stabilisieren.
Damit verändert sich die interessante Frage.
Nicht mehr nur:
Was erzeugt die KI?
Sondern:
Welche Möglichkeiten macht sie sichtbar – und welche schließt sie dabei?
Ein Bild von 1972 im Jahr 2026
Vielleicht ist deshalb gerade die zeitliche Distanz dieses kleinen Experiments interessant.
1972 entstand ein Objekt ohne Titel, dessen Bedeutung nicht festgelegt wurde.

Fotographische Abbildung des Objektes „ohne Titel“ – KH + CH Group (1972)
2026 wird dieses Objekt von einem generativen System neu beobachtet.
Die KI findet darin keine ursprüngliche Bedeutung. Sie kann auch nicht rekonstruieren, was mein Bruder und ich damals gedacht haben.
Stattdessen erzeugt sie aus verfügbaren Zeichen neue Anschlussmöglichkeiten.
Eine davon ist die fiktive historische Werbung.
Sie ist falsch.
Sie ist plausibel.
Und gerade deshalb ist sie erkenntnisreich.
Denn plötzlich lässt sich beobachten, wie schnell aus offenen Zeichen eine geschlossene Geschichte werden kann.
Vielleicht besteht der epistemisch interessanteste Gebrauch generativer KI deshalb nicht darin, dass sie uns sagt, wie die Welt ist.
Interessanter könnte sein, mit ihr zu beobachten, wie aus einer möglichen Welt eine scheinbar selbstverständliche Welt wird.
Und gelegentlich auch, wie man diese Selbstverständlichkeit wieder öffnen kann.